Thema der WocheIst das die Welt, in der du leben willst?

Lesezeit: 3 Min.

Wien, Porzellangasse, 4. Stock, 9. Bezirk: Hier hing Alvas Banner vor knapp einem Jahr.
Wien, Porzellangasse, 4. Stock, 9. Bezirk: Hier hing Alvas Banner vor knapp einem Jahr.
Alva Goette

Diese Frage hängt eine Wiener Studentin seit einem Jahr aus Fenstern. So lange, bis es ihr jemand verbietet. Dann sucht sie einen neuen Ort. Über eine kleine, große Frage, die so aktuell ist wie nie zuvor.

Von Marlene Massen

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„Der Wind macht es knifflig“, sagt Alva. Sie steht auf der Wiener Salztorbrücke, sie hat ein Banner dabei so lang wie zwei Bettlaken aneinander. Passanten bleiben stehen, verrenken den Kopf, um die Buchstaben entziffern zu können, die da mit Panzertape aufgeklebt sind.

Wien, 1. Bezirk, Salztorbrücke: Alva und Philipp befestigen mit Wasser befüllte Plastikflaschen, damit der Banner später schön nach unten hängt.
Wien, 1. Bezirk, Salztorbrücke: Alva und Philipp befestigen mit Wasser befüllte Plastikflaschen, damit der Banner später schön nach unten hängt.
Marlene Massen

Ob hier gleich eine Demonstration stattfindet, fragt einer. Alva schüttelt den Kopf. Eine Böe. Der Stoff peitscht gegen das Metallgeländer. Später sagt Alva, dass sie sich in solchen Momenten ein bisschen wie eine Aktivistin fühlt. An die freien Ecken knotet ihr Mitbewohner Philipp mit Wasser gefüllte Plastikflaschen, damit man das Banner später vom Donaukanal aus gut lesen kann.

Alva und Philipp seilen die Frage über dem Donaukanal ab.
Alva und Philipp seilen die Frage über dem Donaukanal ab.
Marlene Massen

Dann ablassen, festzurren, fertig: „Ist das die Welt, in der du leben willst?“

Eine Frage wie ein Dominostein. Eine, die sofort weitere Fragen anstupst. Welche Welt meint sie, die, in der die in Teilen rechtsextreme AfD Wahlerfolge feiert, die Welt der Rekordverschuldung, der Klimakatastrophe, des Trump-Wahnsinns? Klackklackklack. Eine Welt, in der Erwachsene ständig davon reden, dass die Zukunft gefährdet sei, sie aber vor allem eins tun: irgendwie noch die Gegenwart bei Laune halten. Klack. Oder meint sie die Welt um einen rum: in der so viele Autos wie nie zuvor die Städte verstopfen, der Stundenplan vielleicht immer noch nicht feststeht, weil zu wenig Lehrerinnen und Lehrer da sind, eine Welt, in der wir alle verdammt wenig unverplante Freizeit haben? Klackklackklack. Und dann fällt ein weiterer Dominostein um: Können wir als einzelne Person denn überhaupt irgendwas an dieser Welt verändern?

Das erste Mal hat Alva das Banner vor einem Jahr aufgehängt. Einfach aus ihrem Fenster raus, in ihrer Wiener WG, 4. Stock, 9. Bezirk, zur Straße hin: Da schaut alle her! Fragt euch das, jetzt! Es hing nur ein paar Stunden, dann hat es geklingelt, der Vermieter: Die Fassade sähe nach einer Hausbesetzung aus. Das müsse da weg. Alva hat von einer Kunstaktion gesprochen, davon, Fragen ins Rollen bringen zu wollen, Passanten ins Leben zu rütteln. Am Ende durfte sie es hängen lassen, eine Woche lang.

Seitdem wandert das Banner von einer Hausfassade zur nächsten, von Freunden, zu Freunden von Freunden, und weiter, bis es Probleme gibt. Durchschnittlich bleibt es sieben Tage hängen. Alva fotografiert die Orte für einen kleinen Instagram-Account, markiert die Straße. Der Name des Accounts ist die Frage, noch hat sie unter 100 Follower.

Es gäbe so Momente, da fühlt sie sich wie eine Aktivistin. Alva Goette, 23, studiert Philosophie in Wien.
Es gäbe so Momente, da fühlt sie sich wie eine Aktivistin. Alva Goette, 23, studiert Philosophie in Wien.
privat

Alva heißt mit ganzem Namen Alva Goette, ist 23 Jahre alt und studiert Philosophie. Auf ihrem Nachttisch liegt ein goldener Revolver. Ein Spielzeug. Sie spricht mit Fassung über ihre Wut und legt damit die Gefühle auf den Tisch, die gerade ziemlich viele haben. „Ich begegne so viel Feindseligkeiten auf der Straße. Ich bin damit irgendwann einfach nicht mehr klargekommen.“

Dieses „Irgendwann“ war vor einem Jahr, mitten in der Nacht. Sie kniete über einem Stoff, malte und klebte. Sie war genervt davon, das immer nur im eigenen Kopf zu verhandeln. Die Frage musste raus in die Welt, um die es geht. Für Alva ist es eine kleine, große Frage, die da auf dem Banner klebt, harmlos und leise einerseits, aber auch wuchtig und lebensverändernd. Eine, die keine direkte Antwort verlangt.

Aber was bringt eine Frage ohne Antwort? Genau darum gehe es ihr, sagt Alva. „Man darf diese Frage immer ganz grundsätzlich stellen“, sagt sie. Sich selbst. Genauso anderen. Man müsse ja nicht Bundeskanzlerin oder Bundeskanzler sein, um Probleme, die man spürt, benennen zu dürfen. Überhaupt müsse man gar nichts einfach so hinnehmen, wie es ist. Schon als junges Mädchen hatte Alva den Mut zu sagen was sie dachte. Etwas, was sie oft in Schwierigkeiten gebracht hat. Ob sie der Alva von früher, die sich manchmal als Außenseiter gefühlt hat, gern etwas mitgeben würde? „Zwei Dinge“, sagt sie. Such dir Leute, mit denen du an einem Strang ziehst. Such dir Verbündete. Und zweitens: Vertrau auf dein Gefühl, auch wenn dir die Älteren nicht glauben.

Unten Graffiti, oben Banktürme, dazwischen Alvas Frage: Ist das die Welt, in der du leben willst? Der Blick vom Ufer des Donaukanals.
Unten Graffiti, oben Banktürme, dazwischen Alvas Frage: Ist das die Welt, in der du leben willst? Der Blick vom Ufer des Donaukanals.
Marlene Massen

Ist das die Welt, in der du leben willst? Wenn man am Donaukanal sitzt und hoch auf die Salztorbrücke schaut, hängt Alvas Frage zwischen Wolken und Hochhäusern. Leute tippen ihre Freundin an, machen Fotos. Ein Mann steht länger davor. Was seine Antwort auf die Frage wäre, fragt Alva. Es stellt sich heraus, dass er aus Russland kommt, kein Deutsch versteht. Er wollte die Worte zu Hause googeln. Er erzählt – auf Englisch –, dass er viel lieber in Österreich wohne. Niedrige Mieten, die Leute, der Frieden. „Menschen verstehen diese Frage so unterschiedlich“, wird Alva später sagen. Noch nie hat sie mit jemandem, der aus einem Kriegsland geflohen ist, über das Banner geredet. Alva will nicht, dass diese Welt so bleibt, wie sie ist. Einer ihrer Träume ist es, den Banner irgendwann am weltberühmten Burgtheater aufzuhängen. Die aber antworten bisher nicht auf Alvas Anfrage.

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