Süddeutsche Zeitung

Thema der Woche:Irre viele Flugblätter

Der Herbst ist da und klaut das Laub von den Bäumen. Sie wirbeln, trudeln und überschlagen sich. Über das Färben und Fliegen - und warum das Fangen so schwer ist.

Es ist die größte Artistennummer des Jahres: Millionenfach stürzen sie sich jeden Tag ins Nichts, drehen tollkühne Salti, schrauben und wirbeln durch die Luft. Schätzungsweise eine Billiarde Blätter fliegen im deutschen Herbst aus den Baumkronen. Das sind verdammt viele. Würde man alle Blätter einer Saison an die Kinder in Deutschland verteilen, hätte jedes Kind genug, um jedem Menschen in Deutschland ein Blatt auszuhändigen.

Laubbäume können ihre Blätter im Winter nicht gebrauchen. Mehr noch: Sie wären richtig gefährlich für die Bäume. Weil über die Blätter viel Wasser verdunstet, würden sie bei Frost austrocknen. Wenn dann noch der Schnee auf den Blättern liegen bliebe, könnten die Äste abbrechen. Verdurstet und verstümmelt würden sie kaum dem Winter trotzen. Deswegen werfen Laubbäume ihre Blätter im Herbst lieber ab. Der Baum zieht die Nährstoffe ab, liefert kein Chlorophyll mehr aus, andere Farbstoffe übernehmen: Die Blätter werden gelb, orange oder rot. Wenn alle Nährstoffe abtransportiert sind, kappt der Baum seine Leitungen. Zwischen Zweig und Blatt bildet sich wie beim Klopapier eine Sollbruchstelle. Irgendwann reicht ein Windstoß - und das Blatt ist ab.

Für einen stabilen, berechenbaren Flug ist ein klarer und tief liegender Schwerpunkt wichtig. Ein Blatt ist aerodynamisch ziemlich mies konstruiert: Mal drückt die Luft gegen die eine Seite, schon überschlägt es sich, und die Kraft greift in die andere Seite. Welkt es am Baum zur Rolle, purzelbaumt es Richtung Boden. Aber meistens gilt: Blätter sind Chaosflieger, absolut unberechenbar!

Wer das nicht glaubt, soll sich dieses Wochenende mal unter einen Laubbaum stellen und den nächsten Windstoß abwarten. Blätter direkt aus der Luft zu fangen, macht Spaß und - heißt es - soll Glück bringen, ist aber vor allem eins: sauschwer!

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Quelle:
SZ vom 12.10.2019
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