„Vor Kurzem war ich auf einer Feier in der Nähe meiner alten Schule eingeladen. Kaum war ich da, hat mein Körper versagt: Zittern, Herzrasen, Schwindel, Atemnot. Ich hatte eine so schlimme Panikattacke, dass ich es nicht zum Fest geschafft habe. Beim Anblick der Schule ist so vieles wieder hochgekommen. Dort wurde ich beleidigt, gemobbt und ausgegrenzt: ‚Fettsack‘ und ‚Schwabbel‘ haben sie mich beschimpft. Im Sportunterricht und bei Gruppenarbeiten nicht ins Team gewählt. In der Umkleidekabine versucht, meine Brüste anzufassen. Die sind nämlich ziemlich rund, obwohl ich ein Junge bin. Das liegt an meinem Gewicht: 145 Kilogramm. Viele halten sehr dicke Menschen wie mich für dumm, faul und willensschwach. Sie denken, dass wir einfach weniger essen und mehr Sport machen müssten. Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich das gehört habe: von Ärzten, Lehrern, Mitschülern, Ernährungsberatern, Trainern und sogar meinen Eltern. Dabei habe ich wirklich alles versucht. Diäten, Fastenkuren und jede Menge Sport. Zum Beispiel Judo, Wasserball, Badminton, Handball und Wing Tsun. Dünner bin ich davon nicht geworden. Ich fahre auch viel Rad, nehme die Treppen, gehe spazieren und esse möglichst gesund mit viel Gemüse. Bringt alles nichts.
Mittlerweile weiß ich, dass das an einer Krankheit liegt. Sie heißt Adipositas. Dabei gerät im Körper einiges durcheinander. Zum Beispiel das Fettgewebe und die Hormone, die das Gefühl für Hunger und Sättigung steuern. Selbst bei normaler Ernährung nehmen adipöse Menschen deshalb zu. Das ist anders als bei Menschen, die einfach nur dick sind, weil sie zu gerne Burger, Pommes und Schokolade essen. Oft spielen dabei die Gene eine Rolle, auch meine Mutter ist adipös. Allerdings wurde ich schon als Baby adoptiert, meine Väter sind beide schlank. Sie waren ziemlich überfordert mit meinem Gewicht, haben mich zur Ernährungsberatung geschleppt und im Sportverein angemeldet. Am Tisch gab es oft Diskussionen, wenn ich Nachschlag wollte oder Lust auf Süßes hatte. Vor etwa einem Jahr haben wir dann einen Vortrag an der Uniklinik in Mannheim gehört, in dem es um Adipositas ging. Das hat alles verändert, weil auf einmal klar war: Ich bin nicht schuld, sondern krank.
Das war eine Erleichterung, hat mich aber auch wütend gemacht. Wieso habe ich das erst mit 16 Jahren erfahren? Es hätte mir so viel Traurigkeit, Frust und Selbstzweifel erspart, wenn ich früher verstanden hätte, was mit mir los ist. Deshalb habe ich beschlossen, mich nicht mehr zu verstecken. Ich habe mir die Haare pink gefärbt, gehe raus und kontere, wenn ich beleidigt werde. Ich sage dann zum Beispiel: ‚Es tut mir leid, dass du mich beleidigen musst.‘ Außerdem habe ich eine Therapie begonnen und „Klartext Adipositas“ (https://www.klartextadipositas.org) gegründet: Eine Plattform mit Infos und Podcast, Mut und Netzwerk. Leider gibt es kaum Angebote für Kinder, obwohl jedes vierte in Deutschland zu dick ist. Ich habe auch einen Stammtisch gegründet. Beim ersten Treffen waren wir zu fünft. Es hat irre gutgetan, sich auszutauschen und sich sicher zu fühlen.
Wenn die Menschen verstehen, dass Adipositas eine Krankheit ist, dann sind sie vielleicht weniger fies. Mit Übergewicht zu leben ist auch ohne ihre Vorurteile schon schwer genug. Man wird oft angestarrt, kommt schnell aus der Puste und passt nirgends hinein: nicht in die Sitze in Zügen oder Flugzeugen, nicht auf öffentliche Toiletten, nicht in modische Kleidung, nicht auf die Stühle in der Schule, im Kino, Wartezimmer oder Café.
Vor ein paar Wochen wurde ich operiert. Mein Magen wurde verkleinert und mit meinem Dünndarm verbunden. So kann mein Körper nicht mehr so viele Kalorien aus dem Essen aufnehmen. Der Eingriff war nötig, weil mein Körper als Folge des Übergewichts andere Krankheiten entwickelt hat: Fettleber, Gelenkschmerzen, Atemnot, eine Vorstufe zur Zuckerkrankheit. Gerade erhole ich mich von dem Eingriff, habe noch Bauchschmerzen und muss mich daran gewöhnen, gar keinen Hunger mehr zu spüren und nur winzige Portionen essen zu können. Auch auf eine gesunde Ernährung und viel Bewegung muss ich weiterhin achten, das ist für alle Menschen wichtig – ob adipös oder nicht.
Wenn ich die 100 Kilogramm knacke, mache ich eine Party und gehe Achterbahnfahren im Europapark. Das wünsche ich mir schon lange. Aber bisher ging es nicht, weil ich nicht in den Sitz unter den Sicherheitsbügel gepasst hätte. Ich hoffe, dass ich davon ein anderes Gefühl im Magen bekomme: Glücksbauchweh.“
