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Thema der Woche:Erste Stunde: Hund

Lesehund Amélie: Kinderseiten in der Süddeutschen Zeitung

Amélie an ihrem Arbeitsplatz. Was die Hündin besonders gut kann: Trösten, zuhören, Hütchen spielen.

(Foto: Stefanie Preuin)

An einer Grundschule in München hilft die Labrador-Hündin Amélie den Kindern beim Lesenlernen. Was sie besonders gut kann: Trösten, zuhören, Hütchen spielen.

Von Georg Cadeggianini

"Du bist so schlau und hast mich immer getröstet." "Ich habe dir vom ersten Tag an vertraut." "Du weißt immer, wie es mir geht." Kinder zu finden, die solche Sätze über ihre Lehrerin sagen, ist gar nicht so einfach. In der 4a der Grundschule Solln im Süden von München aber ist das ziemlich normal. Dort haben sie Amélie, einen schokoladenbraunen Labrador, zehn Jahre alt, Job: Lesehund. Wenn in der Deutschstunde Lesen ansteht, ist Amélie so etwas Ähnliches wie die Lehrerin. Dann trottet sie schwanzwedelnd mit einer Schülerin oder einem Schüler in ein Extra-Zimmer, kuschelt sich auf eine Decke am Boden und hört zu. Was die Kinder der Hündin vorlesen, entscheiden sie selbst ("Herr Lehrer, glaubst du, die Amélie mag Katzengeschichten?"). Das Besondere an der Lesekammer: Niemand lacht dort aus, unterbricht, tuschelt oder belehrt. So kann jeder in Ruhe üben. Manchmal schläft Amélie dabei sogar ein. Und ja, sie mag Katzengeschichten.

Sehr sogar. Um den Job in der 4a zu bekommen, musste Amélie extra eine Prüfung machen. Sie musste zum Beispiel beweisen, dass sie sich nicht von Futter, Krach oder anderen Tieren ablenken lässt. Nur jeder fünfte Hund, der bei so einer Prüfung angemeldet wird, besteht sie.

Die Vorteile von einem solchen Lesehund? Gerade Kindern, die sich mit dem Lesen schwertun, macht die Hundezeit Spaß. Sie werden motivierter, mutiger und lesen flüssiger. Selbst die, die am Anfang Angst hatten, haben Amélie ins Herz geschlossen.

Die Hündin kommt jeden Tag in die Klasse, außerhalb der Deutschstunde darf sie faulenzen. Die Schüler gehen mit ihr Gassi, füttern sie und bringen ihr lustige Tricks bei (beim Hütchenspiel findet sie immer das Leckerli). Und selbst wenn es in der 4a mal ein bisschen müffelt, verbessert Amélie das Klassenklima. "Vor allem ist es ruhiger", sagt der Lehrer, bei dem Amélie wohnt. "Denn Hunde mögen keinen Lärm."

© SZ vom 08.09.2018
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