Thema der WocheDie Fußballwelt dreht durch

Lesezeit: 3 Min.

Illustration: Kirsten Carina Geißer

Zum allerersten Mal trainiert eine Frau ein Männerteam der ersten Liga. Warum Fußball sich mit dem Wandel so schwertut.

Von Christoph Leischwitz

Walentina Tereschkowa wurde am 16. Juni 1963 weltberühmt, weil sie etwas tat, das zuvor nur Männer geschafft hatten: Sie flog als erste Frau ins Weltall, blieb dort 71 Stunden lang und umkreiste 49 Mal die Erde. Als nun Anfang der Woche in ganz Europa Schlagzeilen über Marie-Louise Eta aufploppten, da fühlten sie sich bei Union Berlin an die russische Raumfahrt-Pionierin erinnert: Dass eine Frau in der höchsten Spielklasse der Männer Trainerin wird, das scheint bahnbrechend zu sein wie eine Reise ins All. Warum kommt die Welt des Fußballs erst unglaubliche 63 Jahre nach der Raumfahrt auf die Idee, dass eine Frau den Spitzenjob erledigen kann?

Für die 34-jährige Fußballerin, genannt Louie, ist es ein kleiner Schritt, ein großer Schritt für den Fußball: Sie arbeitet schon lange für Union Berlin, sie kennt alle Spieler, denn sie war schon einmal Assistentin beim Bundesliga-Team gewesen, hat zuletzt die U19 der „Eisernen“ trainiert. Im Alltag spielt es meist keine Rolle, welches Geschlecht sie hat – einzige Ausnahme: Nach dem Spiel, wenn die Spieler duschen gehen, ist sie nicht mit der Mannschaft in der Kabine. Das war’s aber auch schon. Der Umgangston auf dem Feld – das zeigt die Erfahrung bei Amateurklubs – ist weniger rau, wenn eine Frau am Rasen steht. Praktisch für Union Berlin: Mit solch einer überraschenden, weiblichen Verpflichtung wird weniger über die aktuelle sportliche Krise berichtet.

Weg vom Tor! Marie-Louise Eta beim ersten Training des 1. FC Union Berlin.
Weg vom Tor! Marie-Louise Eta beim ersten Training des 1. FC Union Berlin. Matthias Koch/dpa

„Ich kann es ja verstehen, dass das jetzt eine Bedeutung hat für die Gesellschaft“, sagt Eta über den Hype, „aber mir geht’s immer nur um den Fußball und die Zusammenarbeit mit Menschen.“ Bei ihrer Vorstellung war der Presseraum bei Union so voll wie noch nie, auch Journalisten aus Frankreich und Österreich stellten Fragen. Bevor Frauen öfter Chefs von bekannten Kickern werden, müssen zwei Dinge geschehen: Zunächst braucht es Vereine, die beim Nachdenken darüber, wer den Job machen kann, keine Mann-Frau-Schranke im Kopf haben. Vor zwei Jahren war das auch schon so, beim FC Ingolstadt, damals wurde Sabrina Wittmann die erste Trainerin im Profifußball, wenn auch nur in der dritten Liga (sie ist übrigens immer noch die FC-Trainerin).

Zweitens müssten überhaupt mehr Frauen zum Lehrgang zugelassen werden. Um in der höchsten Spielklasse trainieren zu dürfen, gibt es jedes Jahr nur eine einzige Schulklasse. In dieser saßen in den vergangenen 70 Jahren mehr als 1000 Männer – und genau 31 Frauen. Die Quote beträgt also drei Prozent.

Der DFB bemüht sich, mehr Frauen in die Ausbildung zu hieven – aber eben nur ein bisschen. Frauen haben es bei der Bewerbung für den Lehrgang schwerer. Erstens kennen sich die Männer schon, viele der angehenden Top-Trainer haben nach ihrer aktiven Karriere als Trainer hospitiert, also eine Art Praktikum gemacht. Denn: Man kennt sich eben. Eine Bundesliga-Mannschaft ist wie ein Betrieb, in dem immer nur Männer zusammenarbeiten. Deswegen dauert es im Fußball auch länger als anderswo, bis sich Frauen durchsetzen können. Sie haben eigentlich nur eine Chance, wenn sie ihre Trainerin-Karriere früh starten. Wie Eta, die wegen Verletzungen ihre aktive Karriere früh beendete.

Im Fußball gibt es immer noch viele Menschen, die gern weiter im vorigen Jahrhundert leben wollen. Das lässt sich an Social-Media-Posts ablesen. Viele scheinen einfach nicht bereit für Gleichberechtigung an der Seitenlinie zu sein, und das, obwohl es schon einige Schiedsrichterinnen im Männerfußball gibt. Es war das gleiche Gedöns, als 2017 mit Bibiana Steinhaus erstmals eine Frau ein Bundesliga-Spiel pfiff: Die kann das nicht – und Schlimmeres war da zu lesen. Und diesmal auch wieder.

Ähnlich wie bei der Kosmonautin Tereschkowa steht für Eta erst mal nur ein kurzer Höhenflug an: Fünf Spiele in fünf Wochen. Sie ist zunächst nur Interims-Trainerin. Union-Geschäftsführer Horst Heldt sagt: Man dürfe für danach aber „nichts ausschließen“. Doch es ist unwahrscheinlich, dass Eta kommende Saison weitermacht. Geplant wurde mit ihr von Sommer an auch schon als Cheftrainerin für das Union-Frauenteam. Vielleicht geht es im Fußball aber trotzdem schneller als in der Raumfahrt: Es dauerte 19 Jahre, ehe die zweite Frau ins Weltall flog.

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