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Tennisfans:Auf Court Number 1 gibt sich Rafael Nadal die Ehre

Das heißt: Mit Wartenummer 713 hat man nur dann eine Chance auf einen Platz am Centre Court, wenn vorher 214 Fans einen anderen Court vorziehen - etwa, weil sie einen bestimmten Spieler sehen möchten. Weil aber an diesem Dienstag eigentlich alle den heiligen Roger Federer auf dem Centre Court sehen möchten, ist die Hoffnung gering. Der sehr annehmbare Trostpreis: Auf Court Number 1 gibt sich Rafael Nadal die Ehre.

Auf dem Campingplatz trifft man zwei Spanier, die ihren Jahresurlaub verbraten, um ihren "Rafa" rund um die Welt zu begleiten. Man begegnet auch einer Japanerin, die sich Federers Initialen hat tätowieren lassen. Die Nachbarzelte beherbergen eine Familie aus Texas, deren zehnjähriger Sohn bis zum letzten Licht des Tages mit dem Tennisschläger herumhüpft und Vorhände von einer technischen Perfektion über die Wiese schickt, dass er Wimbledon allerspätestens in sieben Jahren gewinnen wird. Die deutschen Reporter wollen da nicht nachstehen und beginnen ein Fußballspiel; ein eklatanter Mangel an technischer Perfektion führt jedoch nach zwei Minuten zu blutigen Verletzungen beider Akteure und zum Abbruch der Partie.

Es wird Abend. Und vor den Toilettenhäuschen warten Menschen mit Zahnbürsten

Plötzlich Gesang. Ein örtlicher Chor nutzt die Gelegenheit, vor einem großen Publikum, das qua Vorschrift nicht wegrennen darf, ein Abba-Medley zu schmettern. Der Refrain mit dem höchsten Identifikationspotenzial: "If I had a little money in a rich men's world." Für gut 1000 Euro könnte man vielleicht auch noch ein Ticket über halsabschneiderische Zwischenhändler ergattern; am Ende der "Queue" zahlen die Leute für ausgezeichnete Plätze nicht mehr als 70 Euro. Dafür investieren sie halt ein, zwei Tage Lebenszeit. Der große Andre Agassi hat mal gesagt, die "Queue" sei die schönste Liebeserklärung, die man als Sportler bekommen könne.

Wimbledon

Nur mit „Queue Card“ darf man sich in die Schlange einreihen.

(Foto: Martin Wittmann)

Um 18.57 Uhr an diesem Montag stellt Wartenummer 868 sein Zelt auf, später werden mehr als 1300 Menschen übernachten. Im Laufe des Morgens werden sich dann noch sehr viele Leute einreihen, die nur simple Einlasskarten für das Turniergelände im Auge haben, von denen es immer einige Tausend gibt. Insgesamt wird die "Queue" am Dienstag 12 000 Menschen zählen. Vor vielen Jahren stand auch mal eine junge Dame namens Kate Middleton in der "Queue"; heute ist für sie ein Platz in der königlichen Loge reserviert.

Abend auf dem Campingplatz. Die Leute spielen Frisbee oder Karten, lesen Zeitung oder machen Kreuzworträtsel. Manche schauen auf dem iPad die Übertragung der Spiele, die nur ein paar Hundert Meter entfernt stattfinden, in Hörweite. Der Besuch von Drogen- und Sprengstoffhunden bietet willkommene Abwechslung; die Tiere sind allerdings dezidiert nicht zum Schäkern aufgelegt. Einmal stalkt ein US-Fernsehteam die Camper mit einem Tennis-Quiz, bei dem man sich zum Affen machen muss, um eine Badeente zu gewinnen.

Es gibt leidlich saubere Toiletten, jedoch keine Duschen, daneben Essensstände mit italienischen Speisen in britischer Qualität. Restaurants lassen Speisekarten verteilen, man kann sich das "Take Away" an das Eingangstor des Parks bringen lassen - aber keinen Inch weiter, da tragen die Stewards Sorge. Unablässig treffen neue Camper ein, als Alteingesessener registriert man ihre Ankunft mit einer Mischung aus herablassendem Mitleid ("Amateure, die kriegen keine gescheiten Karte mehr") und mühsam unterdrückter Feindseligkeit ("Jetzt wird es eng hier"). Die Stewards patrouillieren in eifriger Ruhe durch die Reihen. Da sind die jungen Stewards, bezahlte Studenten, die friedlichsten Gelbwesten der EU. Und da sind die "Honorary Stewards", uniformierte Ladies und Gentlemen, ehrwürdig, aber auch ehrgeizig. Sehen sie ein verlassenes Zelt, sanktionieren sie diese Impertinenz mit einem Aufkleber: "Dieses Zelt ist seit mehr als 30 Minuten unbeaufsichtigt". An manchen Tagen müsse er gar niemanden rausschmeißen, erzählt ein Steward, an anderen gleich zwei. Oft seien es die Nachbarn, die Abwesende verpfeifen. In der Schlange ist der Mensch dem Menschen ein Wolf.

21 Uhr, dramatischer Zwischenfall. Ein Herr mit grauen Haaren hat zur Gitarre gegriffen. Ist das erlaubt? Sofort rücken zwei Stewards an. Zum Zuhören. An dieser Stelle lernt man einen feinen, sehr britischen Unterschied kennen: Gitarrespielen ist nicht erlaubt, aber in vernünftigen Grenzen toleriert. Dunkelheit fällt über den Zeltplatz, vor den Klos bilden Menschen mit Zahnbürsten routiniert Warteschlangen. Wer weiterführende hygienische Bedürfnisse hat, folgt dem Tipp alter Queue-Füchse: Tagespass im nahen Fitnessstudio kaufen. Zehn Pfund für eine Dusche.

Um 5.30 Uhr wird man von den Stewarts geweckt: Man möge bitte das Zelt abbauen

Eine junge Frau hat sich ohne Zelt hingelegt, das ist tapfer bei elf Grad, aber sie hat ja auch einen Power-Rangers-Schlafsack. Um zehn ist Bettruhe, die Stewards blicken gütig wie streng in die Runde. Jugendherbergs-Feeling mit Ende dreißig. Zu hören ist bald einzig ein gnadenloses Esperanto - Schnarchen als Weltsprache. Nachts wacht man einmal auf, weil offenbar irgendwer gegen das Zelt gerannt ist, womöglich der junge Texaner beim Volley-Training.

Um 5.30 Uhr wird man von den Stewards geweckt und im gleichen Atemzug um zügigen Zeltabbau gebeten. "Wir müssen eine dichtere Schlange bilden", sagt ein Steward. Wer denkt, dass ein in zwei Sekunden aufgeplopptes Wurfzelt ebenso schnell wieder zusammengefaltet ist, irrt übrigens sehr. Am Vorabend sind schmutzige Camper in den Zelten verschwunden; nun treten herausgeputzte Styler in Kleid oder Sakko ins Morgenlicht. Die Styler müssen aber erst mal in die nächste Schlange - für die Gepäckaufbewahrung. Ein Steward mahnt: "Ihr Gepäck könnte dem Protokoll entsprechend schon seit geraumer Zeit eingelagert sein." "Monty Python"-Filme wird man künftig mit anderen Augen sehen. Als man das Gepäck los ist, geht es endlich zurück in die richtige Schlange.

Angeführt wird sie von Steven, einem jungen Mann aus Manchester, Wartenummer eins. Er hat gleich drei Nächte gecampt, um sich die Pole Position zu sichern. Die Schlange windet sich in der Morgensonne kilometerlang durch den Park. Man steht mehr, als dass man geht. Motorisch betrachtet ist die Schlange eine Raupe. Um acht Uhr verteilen die Stewards von vorne her Armbänder: Wer ein gelbes bekommt, darf Centre-Court-Karten kaufen. Ein junger Italiener, der sein Zelt am Montag um zehn Uhr vormittags aufgeschlagen hatte, kriegt das letzte. Die Nummern 713 und 714 reichen für ein beiges Band: Court Number 1. Und so steht man also 24 Stunden nach der ersten Schlangenerfahrung am Flughafen München tatsächlich am Ticketschalter in Wimbledon.

Am Abend hat man dann nicht nur glücklich das Flair von Wimbledon aufgesogen, einen Liter Kaffee gegen die Müdigkeit getrunken und den nahezu heiligen Rafa Nadal spielen gesehen - man verlässt die Anlage auch mit der beruhigenden Gewissheit, von den Briten gelernt zu haben. Die Kunst des Anstehens: ruhig, gleichmütig, ganz bei sich. Derart beseelt spaziert man zurück zur Gepäckaufbewahrung - wo eine ewig lange Schlange wartet. Hunderte, ach was, Millionen Menschen. Viel zu wenig Stewards sind da, nichts geht voran. Mies organisiert, unglaublich. Aber gut: Was wissen wir Deutschen schon?

© SZ vom 06.07.2019/mpu
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