Tagebuch einer Koma-Patientin Hurra, ich lebe noch!

Sieben Monate lang lag unsere Textchefin im Krankenhaus. Erinnerungen an eine Zeit zwischen Licht und Schatten.

Von Susanne Schneider

Wer möglichst unbemerkt auf einer deutschen Intensivstation sterben will, sollte dies gegen 14 Uhr tun. Da sitzen die Schwestern und Pfleger der Frühschicht noch eine halbe Stunde am Tisch mit jenen der Spätschicht, sie reden und sie lachen laut.

Drei Wochen lag Susanne Schneider im künstlichen Koma ...

(Foto: Foto: Myrzik & Jarisch)

Ich lag gleich nebenan, hinter und neben meinem Bett fiepten und klingelten und pfiffen die Maschinen und Computer, an die ich angeschlossen war. Aber kein Pfleger kam, um mir zu helfen. Sie schienen es nebenan richtig nett zu haben, wünschten sich überschwänglich "Schönes Frei". Ich begriff gar nichts und hatte nur Angst. Rufen konnte ich nicht, denn ich hatte ein Loch im Hals, in dem eine Kanüle steckte, an der eine Beatmungsmaschine hing, und klingeln ging nicht, denn ich hatte keine Klingel. Selbst wenn, damals wäre ich zu schwach gewesen, um den Knopf zu drücken. So war ich oft sicher, bald sterben zu müssen, unbemerkt von all den lachenden Menschen um mich herum. Und draußen klopfte der Frühling an.

Inzwischen weiß ich, dass im "Stützpunkt", wie das Schwesternzimmer heute heißt, und im Ärztezimmer Monitore zur Überwachung stehen, die Alarm schlagen, wenn es knapp wird. Inzwischen weiß ich natürlich auch, was "Schönes Frei" bedeutet. Das wünschen sich Schwestern und Pfleger, wenn sie durch Überstunden und Wochenenddienste freie Tage angesammelt haben. Doch gesagt hat mir das zu der Zeit keiner.

Damals lag ich ja erst 30 oder 40 Tage auf der Intensivstation. 210 sollten es werden.

Der Aufwachraum kommt

Ich hatte ein Schwannom, einen Tumor des Nervensystems. Normalerweise besteht die Aufgabe der sogenannten Schwann-Zellen darin, die Nerven zu umhüllen. Aber manchmal machen sie sich selbstständig und finden sich zu einem Klumpen zusammen. Am Tag, als ich ins Krankenhaus kam, war der Tumor groß wie ein Handball und drückte meinen linken Lungenflügel zusammen und mein Herz nach rechts. Wochenlang war ich schon kurzatmig, konnte kaum noch über die Straße gehen, ohne stehen bleiben und Luft holen zu müssen; jedes einzelne Stockwerk im Büro fuhr ich mit dem Lift. Ich versuchte, so gut es eben ging, den Zustand vor meinen Kollegen zu verbergen. Meine Lippen waren fast ständig blau, schlafen konnte ich schon viele Monate kaum mehr. Nur: Weh tat mir nichts. Ich nahm immer mehr zu und dann, im Februar, stauten sich schließlich zwanzig Kilo Wasser in meinem Körper.

"Es ist das Herz", sagte ein Arzt und gab mir entwässernde Tabletten. "Es ist nicht das Herz", sagte ein anderer. "Leberzirrhose", diagnostizierte ein Dritter. Als ich nicht mehr vom Sofa hochkam, weil ich wegen des gestauten Wassers meine Knie nicht mehr abwinkeln konnte, ging ich zur Notaufnahme ins Klinikum München-Großhadern. Das war Ende Februar. Die Computertomografie brachte die Wahrheit ans Licht. "Noch zwei, drei Wochen, und Sie wären gestorben", sagte der Professor, der mich zwei Tage später operierte. Und nachdem mich die Anästhesistin über alle Risiken der bevorstehenden Operation aufgeklärt hatte, meinte sie im Rausgehen: "Das wird knapp. Sehr knapp."

Die erste Operation musste nach sechs Stunden beendet werden, weil ich zu viel Blut verloren hatte, bei der zweiten, zwei Tage später, stand mein Herz zweimal still. Da packte der Professor das Herz mit seinen Händen und drückte es zusammen und ließ los und drückte zusammen, bis es wieder von allein schlug.

Zwischen Leben und Sterben

Nun begann die Zeit, in der niemand wusste, ob ich leben oder sterben würde - ein Lungenflügel kaputt, das Herz vielleicht inzwischen zu schwach, und würden die Nieren bei diesen starken Medikamenten durchhalten? Und die Leber? Es gab Tage, da klangen die Ärzte morgens ziemlich hoffnungsfroh und abends ziemlich hoffnungslos. Und manchmal war es umgekehrt. Ich habe davon nichts mitbekommen: Drei Wochen lag ich im künstlichen Koma. Dann holten sie mich langsam zurück. "Wissen Sie, wo Sie sind?", ist die erste Frage, an die ich mich erinnere. Die zweite: "Wissen Sie, wie Sie heißen?" Ich sollte sie während des nächsten halben Jahres noch oft hören. Die Fragen werden von den Pflegern und Schwestern immer gestellt, wenn ein Patient aus dem Koma erwacht oder wenn "der Aufwachraum kommt", wie sie es nennen, wenn also ein Patient auf die Intensivstation geschoben wird, der aus der Narkose aufwacht. Diese Fragen dienen dazu, sich zu vergewissern, ob der Patient verwirrt oder bei Sinnen ist. Ob ich bei Sinnen war, weiß ich nicht.

Später erzählte mir eine Freundin, dass ich ziemlich bald gefragt hätte, ob Rudi Carrell noch lebe. Ich weiß davon zwar auch nichts mehr, aber so eine Frage zu stellen würde ich mir zutrauen. Ja, damals, Ende März, lebte er noch. Und ich war erst mal über den Berg. Und der Tumor gutartig - welch ein Glück.