Tagebuch aus Japan:18. März: "Wer flieht, kann seinen Job verlieren"

Tadahiro Okuda, 36, Berater, arbeitet in Tokio. Eintrag vom 17. März 2011:

"Die Menschen hier bekommen immer mehr Angst. In jedem TV-Kanal sind die Nachrichten über die Atom-Katastrophe zu sehen. Langsam werden aber auch vereinzelt wieder Comedysendungen gezeigt. Die Leute haben diese schlechten Nachrichten langsam satt. Dabei stelle ich fest, dass die ausländischen Medien die Lage bedrohlicher darstellen als die japanischen Medien.

Dennoch: Die Lage wird hier immer bedrohlicher. Immer mehr Japaner gehen in den Westen des Landes, nach Kobe oder Osaka, um sich vor der nuklearen Bedrohung zu schützen. Die Ausländer verlassen Japan.

Obwohl die Angst vor verseuchten Nahrungsmitteln steigt, sind in den Supermärkten viele Produkte ausverkauft. Fleisch, Eier, Reis, Pasta - selbst Toilettenpapier.

Ansonsten geht es mir gut. Ich bin noch immer in Tokio und will auch weiter hier bleiben - zumindest bis ich von einer konkreten gesundheitlichen Bedrohung höre. Doch ich fürchte, bald wird es hier in Tokio zu gefährlich sein..."

Benjamin H., 27, Student aus Deutschland, seit vier Jahren in Japan. Hat gerade seinen Master in International Business in Tokio gemacht. Ist mit seiner Freundin ins weiter westlich gelegene Nagoya geflohen. Eintrag vom 17. März 2011:

Eigentlich wollte ich heute schon von Nagoya nach Tokio zurück, aber werde das wohl auf Freitag verlegen. Zumindest wenn die Reaktoren nicht noch in die Luft gehen. Neulich kam ein Kollege von mir hier vorbei, ein Amerikaner, da seine Freundin zu viel Angst um seine Gesundheit hatte. Um die Sorgen ein wenig zu mildern, hat er sich entschlossen, auch bis Freitag in Nagoya zu warten.

Die Lage ist immer noch angespannt. Allerdings sehe ich dem Ganzen mittlerweile gelassen entgegen. Ich betrachte mein Zwangsexil mehr als ungewollten Urlaub in Nagoya.

Carl Mirwald, Kunstpädagoge, Sohn eines Deutschen und einer Japanerin. In Tokio geboren, lebt heute in München. Die Eltern und der Bruder leben nach wie vor in Tokio. Eintrag vom 16. März 2011:

Miho Tsujii

Miho Tsujii, Übersetzerin und Künstlerin aus Tokio.

Meiner Familie in Tokio geht es den Umständen entsprechend gut. Sie haben aber ein grundsätzlich anderes Problembewusstsein. Außerdem ist die Berichterstattung sachlich und eher beruhigend. Die Tokioter denken gar nicht daran, die Stadt zu verlassen - die dort lebenden westlichen Ausländer schon. Auf dem Flughafen waren hauptsächlich Deutsche, die panikartig das Land verlassen.

Die Wahrheit über die Gefahren liegt irgendwo in der Mitte. Selbst jetzt, wo in Tokio Radioaktivität gemessen wurde, heißt es weiter, dass sie nicht gesundheitsschädigend sein soll. Natürlich hoffe ich das auch - kann es aber nicht glauben.

Mein Bruder hat erzählt, dass der Alltag eher durch Maßnahmen wie unplanmäßige Stromausfälle beeinträchtigt wird. Überall werden Hamsterkäufe gemacht, es gibt zum Beispiel kein Toilettenpapier mehr. Auch er und seine Frau kaufen mittlerweile vorsorglich ein.

Stephan Schmidt, 31, arbeitet in der Kommunikationsabteilung der United Nations University in Tokio und ist nach Kyoto gefahren. Eintrag vom 15. März 2011:

Die Ereignisse überschlagen sich derzeit in Tokio. Aber die Menschen reagieren sehr besonnen. In der Region um Tokio und Yokohama leben 70 Millionen Menschen - nicht auszudenken, was hier bei einer Massenpanik passieren würde. Trotzdem ist es komisch zu sehen, dass im Park die Leute ganz normal mit dem Hund spazieren gehen oder Basketball spielen.

Viele Geschäfte in Tokio haben derzeit geschlossen. Und in den Supermärkten ist vieles ausverkauft - vor allem Wasser, Instantnahrung und Toastbrot. Es gibt Hamsterkäufe, aber insgesamt läuft das Leben relativ normal weiter, soweit das möglich ist.

Ich selbst habe Tokio verlassen - auf Wunsch meiner Eltern in Deutschland, die sich große Sorgen um mich machen. Gestern Abend bin ich in Kyoto angekommen.

Wenn sich die Lage stabilisiert, würde ich gerne in die Krisengebiete im Norden Japans fahren und helfen. Das Land braucht dann Hilfe. Ich könnte helfen, die digitale Infrastruktur wieder aufzubauen, würde aber auch richtig Hand anlegen. Das Wichtigste ist, dass meine Gesundheit darunter nicht leidet.

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