Tagebuch aus Japan 19. März: "Wir leben noch!"

Miho Tsujii, Künstlerin und Übersetzerin, lebt und arbeitet in Tokio. Derzeit in Osaka. Eintrag vom 18. März 2011:

Mein Arbeitgeber hat den Mitarbeitern angeboten, von zuhause aus zu arbeiten - aber nur, wenn es ihnen wegen der Stopps im Öffentlichen Nahverkehr unmöglich ist, ins Büro zu kommen oder wenn man Verwandte in den vom Tsunami zerstörten Gebiete im Norden helfen möchte. Das bedeutet eigentlich, dass man trotzdem zur Arbeit kommen muss. Ich, als Vorgesetzte, habe flexible Strukturen eingeführt, die es meinen Mitarbeitern erlauben, zuhause zu bleiben. Ich habe inzwischen begriffen, dass es uns nicht schützen wird, wenn wir nur den Anweisungen der Firmen und der Regierungen folgen.

Vorletzte Nacht war ich so wütend, dass ich nicht schlafen konnte. Ich habe daher beschlossen, Tokio zu verlassen. Meine Mutter bat mich um Hilfe, sie nach Osaka zu bringen, unserer Heimatstadt. Für die Menschen, die in Tokio wohnen, ist das die letzte Möglichkeit, sich zu schützen. Es ist auch eine sozio-kulturelle Frage: Wer flieht, läuft Gefahr, seinen Job zu verlieren oder die Beziehungen mit Freunden aufzugeben. Außerdem fühlt man Scham, weil man Menschen zurücklässt. Die meisten warten in Tokio, sehen, wie die Situation immer bedrohlicher wird und glauben, was ihnen die Regierung sagt.

Meine Schwester schrie meine kleine Schwester an, die hier bleiben wollte: "Wenn du verstrahlt wirst, wirst du niemals mehr Kinder bekommen können. Ist es das, was du willst?" Aber wie gesagt: Jeder muss diese Entscheidung für sich selbst treffen. Meine besten Freunde in den USA haben angefangen, Nachrichten aus dem Ausland zu übersetzen, so dass wir nicht nur auf japanisches Nachrichtenmaterial angewiesen sind. Gestern, auf der Fahrt nach Osaka, habe ich eine E-Mail erhalten. Eine Radiocrew bat mich, ihnen in die zerstörten Gebiete zu folgen und bei Übersetzungen zu helfen. Aber bis ich antworten konnte, hatte bereits jemand anderes zugesagt. Ein Teil von mir wäre dennoch gerne dabei...