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Tagebuch aus Japan:4. April: "Wir kommen alleine nicht klar"

Yoshie Sasabe, 21, lebt und studiert in Tokio. Als die Atomkatastrophe vor rund zwei Wochen ihren Anfang nahm, hoffte die Japanerin auf ein schnelles Ende der schlechten Nachrichten. Mittlerweile ist die Hoffnung der Ernüchterung gewichen. Eintrag vom 4.4.2011:

Rugby players volunteer for emergency aid in Kamaishi

Freiwillige Helfer verteilen Lebensmittel in einem Notfall-Logistikzentrum in der Stadt Kamaishi im Norden von Japan.

(Foto: dpa)

Vor zwei Wochen war ich noch guter Dinge, doch mittlerweile bin ich ziemlich frustriert, verwirrt und auch verängstigt. Ich weiß nicht mehr, welchen Meldungen ich glauben soll. Mal heißt es, das Trinkwasser sei radioaktiv belastet, am nächsten Tag wird gemeldet, es bestehe keine Gefahr. Um nicht verrückt zu werden, versuche ich meine Zweifel zu unterdrücken und mich an die Anweisungen der lokalen Behörden zu halten, aber einfach ist das nicht.

Der Betreiberfirma Tepco glaube ich ohnehin nichts mehr. Allerdings bin ich überzeugt, dass sie uns nicht unbedingt vorsätzlich mit falschen Informationen täuscht, sondern vielmehr selbst keine Lösung für die Katastrophe in Fukushima mehr hat. Die Mitarbeiter, die vor Ort gegen das Schlimmste ankämpfen, sehe ich einerseits als Helden, andererseits empfinde ich einfach nur tiefe Scham, dass sie für das Wohl von uns allen ihr Leben riskieren und wir ihnen nicht helfen können.

Und auch, wenn es im Ausland oft heißt, Japan sei ein entwickeltes Land, das seine Probleme selbst in den Griff bekomme, kann ich nur sagen: Das stimmt nicht. Japan kommt mit dieser Katastrophe alleine nicht mehr klar! Wir brauchen die Hilfe aus dem Ausland. Dass insbesondere aus Deutschland auch schon erste Hilfsgüter und Helfer zu uns gekommen sind, wissen wir Japaner in dieser Situation sehr zu schätzen.

In der Zwischenzeit versuche ich mein Leben so normal wie möglich weiter zu leben, aber wie soll das möglich sein? Meine Semesterferien wurden von der Universität ohne jegliche Begründung um einen Monat verlängert, also habe ich noch mehr Zeit, zuhause zu sitzen und mir Gedanken zu machen.

Manchmal haben wir keinen Strom, und auch einige Lebensmittel werden bereits knapp. Viele Produkte aus der Region um Fukushima werden aus Angst vor radioaktiver Belastung nicht mehr verkauft. Hinzu kommt, dass viele Fabriken von Stromausfällen und -kürzungen betroffen sind und die Lebensmittel nicht ausreichend gekühlt werden können. Deshalb gibt es zurzeit keine Dinge wie Milch und Joghurt zu kaufen.

Ingsgesamt ist es eine verzwickte Situation, denn ich kann und will nicht aus Tokio weg. Dennoch kann ich gerade die Ausländer, die die Stadt mittlerweile verlassen haben, sehr gut verstehen. Wäre ich eine deutsche Mutter und mein Kind würde in Japan studieren, hätte ich schon längst angerufen und gesagt: "Komm sofort nach Hause!" Aber was bleibt mir in meiner Lage anderes übrig, als auszuharren und aufmerksam die Nachrichten zu verfolgen?

Dabei habe ich übrigens auch von der Atomdebatte in Deutschland gehört und dass diese den Grünen Auftrieb gegeben hat, was ich sehr erstaunlich finde. Denn in Japan gehen trotz allem nicht mehr als ein paar hundert Leute gegen Atomkraft auf die Straße. Ich finde, dass sich die Einstellung der Politiker ändern muss. Diese Katastrophe sollte die Letzte ihrer Art sein und ich hoffe so sehr, dass die Welt kein zweites Fukushima mehr erleben muss.

Japan kämpft gegen die nukleare Katastrophe von Fukushima an. Viele Menschen sind ausgeflogen oder in andere Landesteile geflohen - wie gehen sie mit der Gefahr und der Angst um? Japaner und Deutsche schildern auf sueddeutsche.de ihre Eindrücke und ihren Alltag.

Marvin Hoffmann, 31, arbeitet in Tokio, nach dem Erdbeben ging er mit seinem Chef und dessen Familie nach Kagoshima im Süden Japans. Inzwischen ist er nach Tokio zurückgekehrt. Eintrag vom 23.03.2011

Seit Montag bin ich zurück in Tokio. Kagoshima, ganz im Süden von Japan war aber sehr viel angenehmer. Bin hier heute morgen wieder von mehreren Nachbeben wachgerüttelt worden. Und seit heute wird auch noch davor gewarnt das Leitungswasser für Babynahrung zu verwenden, weil die Werte für radioaktives Jod und Caesium die Grenzwerte für Babies überschreiten. Und schon wieder ist Wasser überall ausverkauft.

Auch Instantnudeln und andere Fertiggerichte sind gerade beliebt. Wahrscheinlich weil alles frische Gemüse generell unter Verdacht steht. In meiner Straße brennt nur jede dritte bis fünfte Laterne, in U-Bahn-Stationen sind Rolltreppen aus und nur die allernötigste Beleuchtung ist an. Insgesamt herrscht eine eigenartige Stimmung in Tokio.

Mein Chef ist heute auch wieder nach Tokio zurückgekommen. Nachdem er seine Familie endlich von Fukuoka aus (Norden von kyuushuu, der südlichen der Hauptinseln) Richtung Shanghai in den Flieger setzen konnte. Sein zweiter Sohn ist erst vor 3 Wochen geboren worden und hatte noch keinen Pass (USA) und keine Visas (Japan, China).

Wenn ich Kinder oder eine schwangere Frau hätte würde ich die auch zumindest nach Südjapan schicken.

Übrigens, viele Ausländer hier werden von Angehörigen stark unter Druck gesetzt, sie sollten das Land verlassen. Aber kein Wunder, bei der Art wie im Ausland berichtet wird. Ich bin selbst von der Tagesschau, die ich sonst immer recht fair fand, enttäuscht, wobei angesichts der kommenden Landtagswahlen in BW find ich die Berichterstattung wiederum gut. Ich hab hier schon Briefwahl gemacht und klar gegen Atomkraft gewählt.