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SZ-Serie "Projekt Familie" (3):Vorsicht, Besserwisser!

Eva Herman, Iris Radisch, Christian Nürnberger: Warum die neuen Helden der Elternratgeber-Prosa einfach nur nerven.

Wenn Eltern richtig gute Eltern sein wollen, dann kommen sie möglichst bald nach Hause. Sie sagen alle familienfeindlichen Konferenzen ab, verlassen das Büro täglich eine Stunde früher - natürlich nur nach vorheriger Absprache mit den kinderlosen Kollegen. Sie verzichten auf Absacker oder Jazz-Konzerte und widmen sich: der Familie.

SZ-Serie Projekt Familie

Deutsche Eltern haben für ihre Kinder zu wenig Zeit. Die sollten sie nicht auch noch mit Ratgeberliteratur verschwenden.

(Foto: Illustration: Eric Giriat)

Gelegentlich lesen sie daheim in Fachartikeln, Fachzeitschriften und Fachbüchern, wie schwer die Kindererziehung in der heutigen Zeit doch ist. Aber nicht unmöglich.

Sie lesen Theorien über die armen Mütter zwischen Küche und Beruf und über die noch ärmeren Väter, auf denen so viel Druck lastet, dass sie irgendwann durchbrennen, womöglich sogar durchknallen.

Wenn ihnen zwischendurch die Augen wässrig werden vom vielen Ratgeberlesen, dann schalten Eltern den Fernseher ein. Auch dort dreht sich alles um das Thema Familie. Beseelt von den Appellen prominenter Erzieher, wollen sie gleich morgen den Kampf gegen das ungerechte Rentenrecht aufnehmen.

Es fehlt die Kraft, etwas zu wuppen

Sie haben erkannt, dass es dem Grundgesetz widerspricht, wenn Politik und Justiz ständig die Ehe über die Familie stellen und das Ehegattensplitting noch immer nicht dem Familiensplitting gewichen ist. Allein: Es fehlt ihnen die Kraft, um was zu wuppen.

Denn noch während sie sich durch hochkomplizierte Feuilletons und trantütige Talkshows quälten, mussten sie schon zweimal Windeln wechseln, dreimal Tränen wischen und einmal auch was anderes.

Sie mussten die Nudeln aufsetzen, die Lätzchen umbinden, den Boden aufwischen, die Zeichnung bewundern, beim Zähneputzen helfen und vor allen Bettchen "Kindlein mein" auf der Melodica spielen - wenn es schon mal wieder nicht zu einem Kapitel von "Onkel Tobi" gereicht hat.

Werden diese Eltern nach einer Nacht, in der sie im sechsten Jahr infolge zwischen drei- und zehn Mal aufstehen mussten, um zu trösten, um zuzudecken oder einfach nur, um den Weg zur Toilette zu zeigen, am nächsten Tag dann von wortgewaltigen Berufsintellektuellen gefragt, was sie von der gegenwärtigen Debatte über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie halten, so bekennen sie, sie wüssten darüber wahrscheinlich zu wenig.

Heimlich versorgen sie sich also weiter mit Fachliteratur. Mit deutschen Bestsellern zum Thema Familie.

Der Abend beginnt mit - da muss man jetzt durch - Eva Herman. Eva hätte besser geschwiegen, hatte die ehemalige Familienministerin Renate Schmidt nach Durchsicht des nicht mehr ganz taufrischen Büchleins "Das Eva-Prinzip" in der taz gefordert.

Wahrscheinlich hat Schmidt recht. Andererseits: Wenn Thesen wie "Wir Frauen vereinsamen, statt das zu tun, was wir am besten können: ein warmes Nest bauen" oder "Wenn ich noch einmal von vorne beginnen könnte, würde ich mir einen Mann suchen, ihn arbeiten lassen und mich um unsere fünf Kinder kümmern" hunderttausendfach Absatz finden, so muss ja was dran sein.

Eva Hermanns These klingt unglaubwürdig aus Eva Hermanns Mund

Warum sollte man einer dreifach geschiedenen Karrierefrau mit Einzelkind nicht zuhören, wenn sie öffentlich Fehler bekennt? Einfache Antwort: Weil die These, die Menschen sollten "mit dem Bekenntnis zur Familie der Kälte unserer Gesellschaft etwas entgegensetzen", unglaubwürdig klingt aus dem Mund einer Frau, die mehr Zeit auf Lesungen und in Fernsehstudios verbringt, als bei ihrem Nachwuchs. Nächstes Buch, bitte.

Auch "Die Schule der Frauen - wie wir die Familie neu erfinden" von der Zeit-Journalistin Iris Radisch beschäftigt sich mit dem Thema. Ähnlich wie bei Frau Herman ist hier leider allenthalben von "wir Frauen" die Rede, was Väter ein bisschen ausschließt.

Über Männer weiß Frau Radisch: "Sie machen Krieg und Karriere und verlassen ihre Frauen und Kinder, wenn die große Geschichte, eine interessante Laufbahn oder ein schönes Kindermädchen sie lockt oder verschlingt." Ach, das wär schön.

Aber weiter: Nach einer kleinen Abhandlung über moderne Wohnungseinrichtungen ("hygienischer Sachlichkeitscharme eines Zahnarztwartezimmers") wagt Radisch, Mutter von drei Töchtern, einen Ausblick: "Liebe, Arbeit und Kinder", schreibt sie, "diese drei werden sich nicht länger ausschließen. Das wird gar nicht so schwer sein." Wie wohltuend dieser Optimismus am Ende ihres Buches doch ist!

Leider fand sich auf den 186 Seiten zuvor nichts, was ihn rechtfertigt.

Vielleicht ist es ja eher der zweigeschlechtliche Zugang, den dieses Thema braucht. Beispiel Christian Nürnberger und Petra Gerster. Er, der ewige Hausmann. Sie, die erfolgreiche Fernsehfrau. Ihr Buch über den "Erziehungsnotstand" gilt in deutschen Kleinfamilien als Standardwerk. Interessiert liest man hier, dass Siebenjährige heutzutage ein Gedicht von Hölderlin aufsagen können sollten.

Notfalls geht auch Heine. Man erfährt, dass ein ungarisches Kindergartenkind in den ersten eineinhalb Jahren 60 Lieder lernt, dass Trennungen zu Hautausschlag führen, und man Eliteschulen gutheißen kann, ohne gleich die antiautoritären Ideale des Summerhill-Internats zu verteufeln.

Gelegentlich ist von der "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" die Rede, was den erschöpften Testleser stört. Schließlich müsste vielmehr von einer Addition der Belastungen die Rede sein. Vereinbarkeit klingt so harmlos.

Aber gut, dass wir jetzt auch noch 274 Seiten Gerster/Nürnberger dazu gelesen haben. Ihr Buch haben die beiden übrigens ihren Kindern gewidmet, "die im letzten halben Jahr viel Grund zur Klage hatten, weil ihre Eltern ihnen genau das vorenthielten, was sie so scharfsinnig als Grundvoraussetzung von Erziehung erkannt haben: Zeit zu haben für die Kinder".

Ach ja: Mehr Zeit für die Familie müsste man halt haben. Eine dieser Unicef-Studien hat ja wieder jüngst ergeben, dass es die deutschen Kinder und Jugendlichen am meisten stört, wenn ihre Eltern nur selten für sie da sind.

Wenn die Eltern natürlich jetzt auch noch damit anfangen, sich stundenlang mit Erziehungs- und Familien-Bestsellern auf das Wohnzimmersofa zurückzuziehen, dann gute Nacht.

Die Lektüre ist pure Zeitverschwendung

Was Eltern wirklich interessiert, nämlich wo es ordentlich bezahlte Teilzeitstellen gibt und welche Krippe günstig, unbürokratisch und auch mal nur für ein paar Stunden Kinder aufnimmt - etwa, damit Mutti kurz zum Bewerbungsgespräch gehen kann - steht leider nicht in Elternratgebern. Insofern war die Lektüre: pure Zeitverschwendung.