DenkspielDes Weihnachtsrätsels Lösung

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Sieben Fragen und ein seltsames Schachspiel – diesmal waren besonders harte Nüsse zu knacken.
Sieben Fragen und ein seltsames Schachspiel – diesmal waren besonders harte Nüsse zu knacken. (Foto: SZ-Grafik)

Was hat ein Hamster mit Brettspielen zu tun? Wer hat seine Knochen an einem Cello verbogen? Unter dem Weihnachtsbaum lagen wieder allerhand kuriose Fragen. Hier kommen die Antworten.

Von Oliver Rezec

Die einen diskutierten in großer Familienrunde oder im Rätselteam, die anderen grübelten lieber allein im stillen Stübchen, doch eines war vielen Zuschriften gemeinsam: Diesmal sei besonders viel Scharfsinn gefragt gewesen – für eine Schachpartie aus dem Jahr 1851, zu rekonstruieren mithilfe eines Zahlenquadrats aus der Renaissance. Umso größer war die Freude, wenn auch diese Nuss geknackt war.

1. Der verschwundene Stein

Aufgereiht wie Skulpturen standen sie da: Ein klobiges Elfeck, ein paar unförmige Acht- und Neunecke – wo bitte soll man diese Formen schon mal gesehen haben?

Dargestellt waren die Felsbrocken, die auf dem Verkehrszeichen „Steinschlag“ vom Hang purzeln. Über Jahrzehnte hinweg waren diese Steine zu fünft, so wie es 1970 im Bundesgesetzblatt abgedruckt war, freilich nur in der Bundesrepublik. Auf den Schildern in der DDR stürzte schrofferes, kleinteiligeres Geröll vom Hang. Nach der Wiedervereinigung wurden die Schilder in Ostdeutschland ausgetauscht und bei dieser Gelegenheit gleich die Motive fürs ganze Bundesgebiet modernisiert.

Früher purzelten auf dem Verkehrsschild „Steinschlag“ fünf Felsbrocken, heute sind es nur noch vier.
Früher purzelten auf dem Verkehrsschild „Steinschlag“ fünf Felsbrocken, heute sind es nur noch vier. (Foto: Imago, Daniel Karmann/picture alliance / dpa)

Als 1992 die neuen Schilder im Bundesgesetzblatt erschienen, hatten die Figuren ihre Hüte und Zöpfe verloren – und auf dem Warnschild „Steinschlag“ purzelten nur noch vier Steine. Der kleinste war verschwunden, jedenfalls auf dem Papier. Am Straßenrand konnten intakte Schilder mit dem Fünfer-Ensemble noch jahrzehntelang stehen bleiben.

2. Die gelochten Puzzleteile

Sechs linke Hälften, sechs rechte Hälften, wie schwierig kann das sein? Die verbindenden Nasen und Nuten sahen überall gleich aus, geometrisch wären alle Paarungen möglich gewesen. Auch die Motive gaben zunächst keinen Hinweis, was zusammengehörte: ein Goldhamster, ein Heißluftballon, die Schaumkrone auf einer Mass Bier, ein Wertchip beim Roulette … Vielleicht halfen ja die Löcher weiter? In fast jedes Puzzleteil war eines gestanzt, oft auch mehrere, aber: Nee, auch diese Anzahlen bildeten keine Paare. Was sollten die Löcher dann bedeuten?

Ein Dübel minus zwei Anfangsbuchstaben plus Grad ergibt: eine europäische Hauptstadt.
Ein Dübel minus zwei Anfangsbuchstaben plus Grad ergibt: eine europäische Hauptstadt. (Foto: Imago (2), Bearbeitung: SZ)

Sie verrieten, wie viele Buchstaben man löschen, gewissermaßen herausstanzen musste, damit alles zusammenpasst. Ein Loch am linken Rand hieß, zu Wortbeginn sei ein Buchstabe wegzunehmen: Vom HAMSTER verblieb AMSTER. Löcher zur Rechten löschten Buchstaben am Ende des Wortes, vom Brettspiel DAME verblieb DAM – und so wurde klar, was die Teile verband: Jedes Paar, abzüglich der weggelochten Buchstaben, benannte eine europäische Hauptstadt wie [H]AMSTERDAM[E].

Das Untersuchungsgerät des Ohrenarztes heißt Otoskop, der Wertchip beim Roulette wird Jeton genannt, zusammen ergab das [OTO]SKOPJE[TON]. Der Ballon verband sich mit dem Donut zu [BAL]LONDON[UT], sofern man die vom Duden empfohlene Schreibweise wählte; mit einem DOUGHNUT wäre nicht viel anzustellen gewesen. Der Samowar, ein traditioneller Kessel mit Teewasser, und die Schaumkrone fügten sich zu [SAMO]WARSCHAU[M]. Und das Gewinnlos einer Tombola war auf gleich zwei Puzzleteilen zu sehen, gemeinsam bildeten sie [L]OSLO[S].

Übrig blieb nur der [DÜ]BEL. Das Puzzleteil, das ihn ergänzen sollte, war ungelocht und sollte für ein vierbuchstabiges Wort stehen. Von der Länge her wären FAST und GRAD möglich gewesen – aber als Hauptstadt eines eigenständigen Staates passte nur das serbische Belgrad in die Reihe mit Amsterdam, London, Skopje, Warschau und Oslo. Das Fragezeichen stand also für GRAD, denn Nordirland mit Belfast ist lediglich ein Landesteil.

3. Die verbogenen Knochen

Zwei schwarze Säulen und ein paar Umrisslinien, das genügte, um einen kleinen Ausschnitt einer Klaviertastatur zu skizzieren. Welchen genau, war anhand der Form zu erkennen: Damit die schwarzen Tasten fis, gis, ais in harmonischen Abständen zwischen die vier weißen Tasten f, g, a, h passen, müssen diese asymmetrisch geformt sein. Die mittlere Taste im Rätsel war links stärker eingezogen als rechts, musste also das a sein.

Die blauen Punkte standen für die Anschläge der Finger auf der Tastatur, und wer sie (von oben nach unten lesend) auf einem Klavier nachspielte, konnte den Beginn einer oft gehörten Melodie erkennen, meist nur „das Menuett“ von Luigi Boccherini genannt: der 3. Satz aus seinem Streichquintett G 275. Die beiden kleinen Punkte in der Skizze bezeichneten den Triller zu Anfang des Stücks, die dicken dann die eigentliche Melodie.

Heute stützt man das Cello auf einen Stachel, früher klemmte man es zwischen die Knie – was dem Komponisten Luigi Boccherini zwei verbogene Schienbeine einbrachte.
Heute stützt man das Cello auf einen Stachel, früher klemmte man es zwischen die Knie – was dem Komponisten Luigi Boccherini zwei verbogene Schienbeine einbrachte. (Foto: Imago (2), weiterer Bildnachweis vom 24.12.: Ciranni/Fornaciari/Int. J. Osteoarchaeol./Bearbeitung: SZ)

Boccherini selbst spielte Cello, sein erstes Konzert gab er schon als Dreizehnjähriger. Die jahrelange Arbeit am Instrument hinterließ Spuren: Als sein Leichnam 1993 exhumiert wurde, diagnostizierte man eine seitlich verkrümmte Wirbelsäule, Arthritis der Daumenwurzel, chronischen Tennisarm – und verformte Schienbeine, diese waren im Rätsel abgebildet. Üblicherweise sind diese Knochen kerzengerade, aber Boccherini hat seine am Cello verbogen: Zu seiner Zeit, er lebte von 1743 bis 1805, musste man das Instrument noch zwischen die Beine klemmen. Erst seit Ende des 19. Jahrhunderts stützt man es auf den langen, meist metallenen STACHEL, der bis zum Boden reicht. Der Rätselhinweis „neu arrangierte Bühnenstücke“ bezog sich auf eine ältere Bezeichnung für diesen Stachel, das italienische Wort Perno – ein Anagramm von „Opern“.

4. Das abgeschnittene Wort

Wer es nicht als Kind gelernt hat, tut sich meist schwer beim Lesen von Frakturschrift. Umso mehr, wenn nur Teile der Buchstaben zu sehen sind, wie im Rätsel: Trotz zehnfacher Vergrößerung war das Wort kaum zu entziffern. Von links schien ein angeschnittenes S ins Bild zu ragen – doch es war ein H, das in Fraktur eine ungewohnte Form hat (nämlich die eines kleinen h, dessen Stamm eine Kapuze bekommen hat, welche sich über den fülligen Buchstabenkörper wölbt).

In Frakturschrift sehen die Oberkörper von p und y gleich aus, darum war das halbierte Wort im Rätsel so schwer zu entziffern.
In Frakturschrift sehen die Oberkörper von p und y gleich aus, darum war das halbierte Wort im Rätsel so schwer zu entziffern. (Foto: reo)

Vier der Lettern sahen völlig gleich aus, jedenfalls auf den ersten Blick. Nur ein winziges Detail am unteren Bildrand verriet den Unterschied: eine kleine Zacke, die von zweien der Stämme abzweigte. Die zum Verwechseln ähnlichen Oberkörper gehörten den Buchstaben p und y. Das gesuchte Wort lautete HYPOPHYSE, der Name einer erbsenkleinen Drüse direkt unter dem Gehirn, im Deutschen daher Hirnanhangdrüse genannt.

Fotografiert hatten wir dieses Stichwort in der elften Auflage des Dudens, erschienen 1934. Es war die vorletzte Auflage in Fraktur: Die nachfolgende musste schon kurz nach Erscheinen umgestaltet werden, weil Hitler 1941 verfügt hatte, die Frakturschriften zu verbannen und durch Antiqua zu ersetzen, also jene Buchstabenformen, die bis heute üblich sind.

5. Der verspielte Würfel

Je mehr Lebenszeit man schon mit Brettspielen verbringen durfte, desto höher war die Chance, einige Symbole auf diesem seltsamen Würfel zu erkennen. Zum Beispiel die vier Karotten: Sie sind ein allgegenwärtiges Motiv bei „Hase und Igel“, gewissermaßen Währung und Kraftstoff für dieses Rennen. Das Brettspiel ist zum modernen Klassiker geworden, nachdem es 1979 als „Spiel des Jahres“ ausgezeichnet worden war – so wie alle Spiele, die im Rätsel symbolisiert waren: Von „Sagaland“ zeigten wir das Schlüsselfeld im Märchenschloss, von „Scotland Yard“ das Schild der Kreuzung 141 nahe der Westminster Bridge. Das Sechseck mit der Zahl 14 gehörte zu „Dampfross“, einem frühen Bau- und Ressourcenspiel, bei dem man Zugstrecken über Landkarten mit nummerierten Städten führte.

Unser Rätselwürfel präsentierte nicht irgendwelche „Spiele des Jahres“, sondern die ersten sechs, von der Einführung des Kritikerpreises 1979 bis zum Jahr 1984. Ihre Anordnung entsprach ebenjener auf einem üblichen Spielwürfel: Die Eins liegt immer gegenüber der Sechs, deshalb lag der allererste Preisträger („Hase und Igel“, 1979) gegenüber dem sechsten („Dampfross“, 1984) und so weiter. Obenauf lag „Scotland Yard“, das prämierte Spiel des fünften Jahres – also musste die verborgene Unterseite für den Gewinner des zweiten Jahres stehen: 1980 ging die Auszeichnung an RUMMIKUB.

Wie bitte, „Rummikub“ war mal „Spiel des Jahres“? Einer der Juroren räumte später ein, man habe damit eher die „Marketingleistung“ honoriert, das Produkt „sehr rasch zu verbreiten“.
Wie bitte, „Rummikub“ war mal „Spiel des Jahres“? Einer der Juroren räumte später ein, man habe damit eher die „Marketingleistung“ honoriert, das Produkt „sehr rasch zu verbreiten“. (Foto: Imago)

Der Joker in diesem Spiel (das kaum mehr ist als eine Plastikausgabe des Kartenspiels „Rommé“) zeigt einen Kreis mit leicht maliziösem Gesicht: Laut Hersteller soll es einen Vollmond darstellen, daher der Rätselhinweis zum „Himmelskörper in ziemlich freier Darstellung“.

Über die Jahrzehnte hat sich das Mondgesicht kaum verändert, andere Spiele wurden stark überarbeitet; das Rätsel stellte jeweils den früheren Look dar, zur Zeit der Prämierung. Von dieser profitierten übrigens nicht alle Spiele: „Dampfross“ ist heute nicht mehr im Handel, und praktisch in Vergessenheit geraten ist das Strategiespiel „Focus“, der Preisträger von 1981, bei dem man Hütchen aufstapelt, von denen eines im Rätsel skizziert war.

Ein Geheimnis bleibt die – für ein Versehen eigentlich zu auffällige – Fehlschreibung der Haltestelle 141 bei „Scotland Yard“: Nicht nur auf dem Spielbrett, auch auf der Startkarte stand „14I“, mit zwei verschiedenen Einsen. Weshalb, konnte der Hersteller Ravensburger bis Redaktionsschluss nicht klären. Sachdienliche Hinweise aus der Löserschaft nehmen wir jederzeit entgegen.

6. Der progressive Film

Eine Frau und ein Mann auf einer Picknickdecke, die Kamera filmt die Szene senkrecht von oben – und es entfaltet sich ein didaktisches Meisterwerk aus dem Jahr 1977: der Kurzfilm „Powers of Ten“.

Der Kurzfilm „Powers of Ten“ erhellte Generationen von Schulkindern und Museumsbesuchern.
Der Kurzfilm „Powers of Ten“ erhellte Generationen von Schulkindern und Museumsbesuchern. (Foto: Pyramid Media)

Der Bildausschnitt zeigt zu Beginn genau einen Quadratmeter, dann zoomt die Kamera heraus, unaufhörlich, alle zehn Sekunden um das Zehnfache: Bald sehen wir die ganze Stadt, die volle Erde, verlassen unser Sonnensystem, unsere Galaxie, jede neue Zehnerpotenz eingefasst in einen blauen Rahmen, der langsam in der Ferne verschwindet, bis wir die Grenzen des bekannten Universums erreichen. Anschließend wird hineingezoomt, zurück zur Picknickszene in CHICAGO und weiter bis in einen Atomkern im Handrücken des Mannes auf der Picknickdecke.

Diese so simple wie wirkungsvolle Idee beruhte auf einem Kindersachbuch des Reformpädagogen Kees Boeke aus dem Jahr 1957. Produziert wurde „Powers of Ten“ vom Studio des Designer-Ehepaars Charles und Ray Eames, deren wohl populärstes Erzeugnis der Lounge Chair ist, ein zeitloser Komfortsessel, für den man einschließlich Fußstütze gut elftausend Euro hinlegen darf.

Wer die beiden Darsteller auf der Picknickdecke waren, erfährt man im Abspann nicht, umso berühmter war der Komponist der skurril-dramatischen Begleitmusik: Elmer Bernstein, der 1968 einen Oscar für den Musicalfilm „Thoroughly Modern Millie“ gewonnen hatte und im Verlauf seiner Karriere für dreizehn weitere nominiert war.

Simples Prinzip, konsequent umgesetzt: ein Zoom vom Rand des Universums bis in einen Atomkern.
Simples Prinzip, konsequent umgesetzt: ein Zoom vom Rand des Universums bis in einen Atomkern. (Foto: Pyramid Media)

Nicht alles in „Powers of Ten“ ist sachlich akkurat (die Erde dürfte zum Beispiel nicht in den 10 000-Kilometer-Rahmen passen), und heutige Augen, verwöhnt von computergenerierten Animationen, bemerken allerhand unsaubere Übergänge – doch die elegante Eindrücklichkeit des Films (in der deutschen Fassung „Zehn hoch“ betitelt) wurde von späteren Remakes nie mehr erreicht. In kaum neun Minuten schenkte er Generationen von Schulkindern und Museumsbesuchern ein intuitives Verständnis von mathematischen Größenordnungen und vom Aufbau der Welt. Ziemlich viel für neun Minuten.

7. Der schräge See

Wasserwaagen funktionieren zuverlässig, weil Wasser immer waagrecht liegt. Eigentlich. Mitunter kann ein Sturm das Oberflächenwasser eines Sees deutlich verschieben, der Rätseltext nannte als Beispiel den nordamerikanischen Eriesee – aber gesucht war ein ganz anderes Phänomen, ein See mit dauerhaft schräger Oberfläche. Ist das überhaupt möglich?

Eigentlich nur, wenn das Wasser von irgendetwas festgehalten wird, als säße darauf ein schief aufgesetzter Deckel. Zum Beispiel eine vier Kilometer dicke Eisschicht: Dargestellt war der WOSTOKSEE in der Antarktis.

Der Wostoksee ist einer der größten der Welt, aber kaum bekannt, weil unter dickem Eis verborgen.
Der Wostoksee ist einer der größten der Welt, aber kaum bekannt, weil unter dickem Eis verborgen. (Foto: Imago/Bearbeitung: SZ; weitere Grafikquelle vom 24.12.: Richter et al./Journal of Glaciology/Cambridge University Press)

Er ist rund 290 Kilometer lang, dem Volumen nach gilt er sogar als sechstgrößter See der Erde, aber die Menschheit weiß erst seit ein paar Jahrzehnten von seiner Existenz. Man sieht ihn ja nicht unter dem kilometerdicken Eis – außer dass dieses, aus der Luft betrachtet, verdächtig ebenmäßig liegt. Darunter geschieht Bemerkenswertes: Auf dem Nordteil des Sees lasten 4300 Meter Eis, auf dem südlichen Bereich nur 3700 Meter, und dieser unterschiedliche Druck verändert in der Tiefe den Schmelz- und Gefrierpunkt des Wassers, sodass sich hüben Eis in den See verflüssigt, während drüben Wasser von unten an die Eisdecke anfriert. Die Grenzfläche (im Rätsel als „Wasseroberfläche“ bezeichnet) steigt vom Nord- zum Südufer um schätzungsweise 400 Meter an. Angesichts der Größe des Sees bedeutet das aber nur einen Neigungswinkel von 0,08 Grad, mit bloßem Auge nicht zu bemerken.

Es gibt übrigens Hunderte solcher subglazialer Seen in der Antarktis, der Wostoksee ist lediglich der größte von ihnen. In deutschsprachigen Texten erscheint er mal mit Bindestrich, mal ohne, oft auch als Lake Vostok – der Eindeutigkeit halber hatten wir im Rätsel die Schlussbuchstaben …SEE vorgegeben, und natürlich galten die Schreibungen mit W und mit V gleichermaßen als richtige Antwort. Auch für das Schlussrätsel, das nun folgte, machte es keinen Unterschied.

… und das Schachspiel

Zuletzt präsentierte sich ein Schachbrett voller Buchstaben. Die zugehörigen Figuren standen ebenfalls bereit, auf den sieben bisherigen Rätselantworten: der schwarze Turm beispielsweise auf dem H von STEINSCHLAG. Dies legte nahe, ihn auf das Buchstabenfeld H des Schachbretts zu stellen (genauer gesagt: auf beide Felder, das H kam zweimal auf dem Brett vor). Anfangs schien das gut zu funktionieren – aber bald wurde es seltsam.

Die kleinere Irritation war der weiße Turm auf dem I von RUMMIKUB: Auf dem Schachbrett war nirgends ein I-Feld zu finden. Aber das musste noch nichts heißen, es konnte ja sein, dass die weißen Türme in der gesuchten Partie bereits geschlagen waren. Größere Zweifel weckte das fertig besetzte Brett: eine ziemlich unsinnige, wo nicht gar unmögliche Stellung.

War alles ein Irrweg gewesen? Nicht unbedingt, laut Anleitung war ja erst noch „die seltsame Schachpartie in Ordnung zu bringen“.

An dieser Stelle boten sich mehrere Möglichkeiten, einen Lösungshebel anzusetzen, etwa wenn man bemerkte, dass zumindest einzelne Viererblöcke in sich stimmig erschienen (wie das schwarze Ensemble im linken unteren Eck: Springer und Turm, Bauer und Bauer). Vielleicht saßen diese Blöcke nur an der falschen Stelle des Bretts? Wenn man zudem annahm, dass die gesuchte Schachpartie eine gewisse Bekanntheit haben müsse, weil es sonst ja Fantastilliarden von Möglichkeiten gäbe, dann konnte man schon mal recherchieren, welche illustren Partien womöglich ohne weiße Türme geendet haben … Der vollständige Lösungsweg indes verlief entlang der elf Fähnchen, die bislang noch unbenutzt auf den Antwortbuchstaben I N L A E L E M C I O herumstanden.

Aufs Schachbrett gehören Fahnen eher nicht, ohnehin waren einige Buchstabenfelder schon besetzt mit Figuren. Vielmehr bargen die Fähnchen eine geheime Botschaft. Wenn man sie richtig sortierte (und dabei das einzige linkswehende Exemplar separat stellte), buchstabierten sie den Titel eines berühmten Kupferstichs von Albrecht Dürer: MELENCOLIA I.

Über die Jahrhunderte hinweg wurde vieles in die Symbolik dieses Bildes, seiner Requisiten und Figuren hineingeheimnisst. Maler, Schriftsteller und andere Künstler ließen sich davon inspirieren – und selbst so diametrale Autoren wie Thomas Mann und Dan Brown widmeten ihre Aufmerksamkeit demselben Bildelement: dem magischen Quadrat hinter der Engelsgestalt. Dort sind die Zahlen von 1 bis 16 so angeordnet, dass jede Zeile und Spalte die gleiche Summe ergibt. Ein Quadrat aus lauter Quadraten: Hier im Weihnachtsrätsel kam das wie gerufen. Es war eine versteckte Anleitung, um Ordnung in die Figuren zu bringen.

Zerlegte man das Schachbrett gleichmäßig in 16 Teile, dann umfasste jedes vier Felder: zwei schwarze, zwei weiße – so wie es das Muster der Fähnchen angedeutet hatte. Ordnete man diese 16 Teile nun gemäß Dürers magischem Quadrat neu an (vertauschte also Block 1 mit Block 16, Block 2 mit 3, Block 4 mit 13 …), dann nahmen die Figuren plötzlich eine plausible Stellung ein. Und zwar nicht irgendeine: Aufgebaut stand hier der Schluss der „Unsterblichen Partie“ zwischen Adolf Anderssen und Lionel Kieseritzky, gespielt am 21. Juni 1851 in London.

Zum ersten Mal hatten sich damals ein Dutzend Schachmeister verschiedener Länder zu einem internationalen Turnier versammelt, in Zeiten teurer und beschwerlicher Anreisen war das eine neue Idee. Weltbekannt wurde indes nicht eine Begegnung aus dem Wettbewerb selbst, sondern eine Partie nebenbei, gespielt in einem Café: Anderssen mit den weißen Figuren opferte zunächst einen seiner Läufer, dann sogar beide Türme, um seine wenigen verbliebenen Figuren in Stellung zu bringen für ein außergewöhnlich elegantes Matt.

793 Löserinnen und Lösern gelang es, die „Unsterbliche Partie“ zu rekonstruieren. Das Los fiel auf Nicole Karczmarzyk aus Bonn: Sie gewinnt die exklusive Doppelführung durchs Zentrale Kunstdepot und das Augustinermuseum in Freiburg.
793 Löserinnen und Lösern gelang es, die „Unsterbliche Partie“ zu rekonstruieren. Das Los fiel auf Nicole Karczmarzyk aus Bonn: Sie gewinnt die exklusive Doppelführung durchs Zentrale Kunstdepot und das Augustinermuseum in Freiburg. (Foto: privat)

Der bezwungene Kieseritzky ließ die Partie sogleich lobend in seinem Schachblatt La Régence abdrucken, seither wurde sie vielfach bestaunt und reproduziert. Zwar sieht man oft eine andere Schlussstellung abgebildet als im Rätsel, nämlich ein Matt im 23. Zug, aber das ist lediglich eine Fortschreibung fürs interessierte Publikum. Beim tatsächlichen Spiel kam es gar nicht so weit: In Kieseritzkys eigener Darstellung in La Régence vom Juli 1851 ist die Partie nur bis zum 20. Halbzug von Weiß notiert, statt eines Gegenzugs von Schwarz folgt ein Querstrich. Kieseritzky gab auf, ANDERSSEN war der Sieger der „Unsterblichen Partie“ – und damit das Lösungswort unseres Weihnachtsrätsels.

Sind noch Fragen offen? Was hat Ihnen gefallen, was sollen wir künftig besser machen? Wir freuen uns auf Ihre Mail an nussknacker@sz.de.

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