Absturz in einer Rauschkneipe:Gute Nacht

Roy Bar München

Galerie der Eitelkeiten - in der Münchner Bar Roy kondensieren Sektkühler und Erinnerungen.

(Foto: Roy Bar)

Der gepflegte Wochenendexzess kennt keine Regeln. Und doch folgt er gewissen Gesetzen. Eine restalkoholisierte Rekonstruktion.

Von Laura Hertreiter

Stunden später wird alles durcheinander tanzen. Werden Samtmöbel, Kunstblumen und beschlagene Sektkühler zu einem Strudel verwirbeln. Ottfried Fischer wird da sein und Claudia Effenberg und ein singender Wirt. Aber erst einmal langsam. Und von vorne.

Noch sitzen alle sortiert vor ihren Tellern. In München, das ebenso gut jede andere Großstadt sein könnte, weil der Rausch überall seinen Lauf nehmen kann. Fünf junge Menschen, die beim Italiener mit Weißwein auf den Fußball, die Nacht und das Leben anstoßen. Zwei aber fehlen heute in ihrer Runde.

Der Profihandballer und die Zahnärztin feiern ein paar Straßen weiter beim Vietnamesen mit Saigon-Bier und Frühlingsrollen ihr erstes Ehejahr. In beiden Restaurants werden SMS getippt.

20:07 Glückwunsch zum Hochzeitstag! Später trotzdem feiern?, schreibt die mit der Grippestimme beim Italiener.

20:22 Hätte Lust. Aber vielleicht heute lieber zweisam. Tippt die Zahnärztin beim Vietnamesen.

Zwischen Tortellini und Tiramisu sagt die noch unbekannte Schauspielerin in der Italienerrunde, dass sie später ins Roy möchte. Einen alten Laden, der sich Bar/Bistro nennt, aber nach Mitternacht eher Bar/Club ist und in den Achtzigern goldene Zeiten hatte. Einen Laden, in dem Menschen die Vergangenheit feiern, mit alten Liedern und teuren Getränken. Die Augenbrauen der vier anderen am Tisch schnellen nach oben. Vielleicht, weil man sich zu jung für einen Nostalgieladen fühlt. Vielleicht aber auch, weil in einer durchzufeiernden Nacht Uneinigkeit über den richtigen Verlauf dazugehört. Denn obwohl es für solche Nächte keine Regeln gibt, keine Pläne, folgen sie doch immer denselben Gesetzen.

Eine Runde Ramazotti, bitte

Ü fünfzich, protestiert die mit der Grippestimme hinter ihrer Serviette, lieber Elektroparty. Und überhaupt: ob der Vorschlag, ausgerechnet von ihr, ein Witz sei? Die noch unbekannte Schauspielerin fürchtet sich vor ihrem 30. Geburtstag. Weil man mit 30 jemand sein soll, und sie mehr Zeit bräuchte, jemand zu werden. Im Roy, sagt sie, würde sie gern nach sich selbst suchen.

Irgendwo müsse dort an der Wand ein Bild von ihr hängen, seit fast drei Jahrzehnten. "War die Stammkneipe meines Vaters damals. Als ich geboren wurde, ist er vom Krankenhaus direkt hingefahren und hat eine Lokalrunde geschmissen. Deshalb hat der Wirt ein Foto von mir aufgehängt." Eine Runde Ramazotti, bitte.

Weil einer Suche nach sich selbst niemand im Weg stehen möchte, stehen die fünf wenig später beschwipst vor dem Roy. "Wenig los da drin", sagt die mit der Grippestimme nach einem Blick durch die Fensterscheibe. Zack. Jemand lässt die Rollläden runter. Was dahinter passiert, bleibt dahinter. Das wiederum klingt ganz gut.

22:14 Falls ihr nachkommen wollt: Sind im Roy. Falls nicht: Vollstes Verständnis. 22:16 Erst mal Nachtisch. Und Sake.

Besteckgeklimper und Schlager

Die fünf drängen vorbei an einem Türsteher mit Bulldoggengesicht und Glatze. Drinnen ist es schwül. Besteckgeklimper und Schlager. Halb voller Laden, halb leere Flaschen auf den Tischen. Frisch verliebte Mittfünfziger teilen sich Desserts in roten Samtmöbeln. Der Wirt wippt am DJ-Pult, Jürgen Marcus singt über eine neue Liebe.

An der Decke ein Blumenfeld aus Plastik. Herrje, sagt die mit der Grippestimme, streift ihre Jacke ab. Herrje, sagt die Schauspielerin. Ihr Blick hetzt die Wände entlang. Sie sind von oben bis unten mit Bildern von Prominenten behangen, die sich irgendwann einmal im Laden haben ablichten lassen. Eine Nostalgiegalerie. Fünf Tequila, eine Flasche Prosecco, sagt der, der sich zwischen zwei voluminöse Blumenkleider an der Bar geschoben hat.

Unter dem gerahmten Arnold Schwarzenegger ist ein Pärchentisch frei. Vier von fünf drängen sich auf die Eckbank, der Fünfte bleibt bei den Blumenkleidern. Ein Sektkühler landet auf weißem Tischtuch. Ein komplettes Du kannst nicht immer 17 sein, bis die Gläser voll sind, weil der Kellner erst Eiswürfel in jedem einzelnen schwenkt. Als sie wieder leer sind, ist klar, dass in dieser Ecke keine Fotos von Unbekannten hängen. Und kein Babyfoto. Aber auch, dass die Suche danach dauern darf. Weil man sich, nächstes Rauschgesetz, vor ein paar geleerten Gläsern schnell verliebt. In Orte, Menschen, Musik.

Absolut Wodka, absolute Wahrheiten

Die mit der Grippestimme wippt zum Schlager auf der Bank. Absolut Wodka, absolute Wahrheiten. Einzelne Wörter schwappen zu den Nachbartischen.

"Mit getrennten Bettdecken zu schlafen ist der Anfang vom ENDE." - "Braucht man ja auch nicht, bei Ikea gibt es riesengroße. Meine ist größer als das BETT!" - "Dann ist man aber FÜR IMMER mit dem Bezügekaufen an den Scheißladen gebunden." - "Bei so was ist es doch WIRKLICH nicht so hart, treu zu bleiben." - "TEQUILA, bitte."

Roy Bar München

Plastikblumen, Samtmöbel, Discokugel: Das Roy in München ist ein Ort des zeitlosen Rauschs - und einer, der ohne nur schwer zu ertragen ist.

(Foto: Roy Bar)

Der zwischen den Blumenkleidern hat sich für die Tulpen entschieden und wirbelt sie zu Drafi Deutscher durch den Laden. Die anderen grinsen. Tequila, Zimt, Orange. Eine Gruppe in Abendrobe schwappt herein, im Kino um die Ecke ist gerade Filmfest. Geschirr wird abgeräumt, Paare tanzen zwischen den Tischen. Die noch unbekannte Schauspielerin lehnt an der Bar und scannt mit zusammengekniffenen Augen die Fotos an der Wand dahinter. Ein Anzugträger checkt ihren Hintern, bestellt ihr einen blauen Cocktail.

23:34 Genug der Romantik, Hochzeitstage müssen richtig gefeiert werden. Noch in dem komischen Laden?

Die Nacht spült immer mehr Menschen ins Roy, jene Zwischenwelt für alle jenseits des Disco-Alters, die sich an einem zeitlosen Ort verlieren möchten. Eine dauergewellte Damenrunde in Proseccolaune, zwei bebrillte Männer, die in Bett-im-Kornfeld-Stimmung schon auf der Straße getanzt haben. Und Ottfried Fischer, von dem ein Bild an der Wand hängt, der sich aber nicht mehr selber sucht. Als zum dritten Mal die atemlose Helene Fischer aus den blumenverhangenen Lautsprechern singt, schiebt der Kellner die Tanzenden zur Seite. Ottfried Fischer lässt sich zu Claudia Effenberg und ihrem dunkelhaarigen Begleiter an den Tisch fallen. Ein Satinblüschen, ein Anzug, ein sehr großer Anzug und eine Champagnerflasche. Und das Lächeln peinlicher Rendezvousmomente.

00:04 Hallo? Noch da?

Am Pärchentisch ist es eng geworden, zwei Trikot-Typen haben sich dazwischengequetscht, sie wollen über das WM-Elfmeterschießen sprechen. Fünf Tore. Und das Public Viewing im Biergarten. Drei Maß.

Sieben Tequila, zwei Helle und eine Flasche Pinot Grigio

Sieben Tequila, zwei Helle und eine Flasche Pinot Grigio, bitte. Pinot Grigio ist leider aus. Grüner Veltliner? Logo.

Die noch unbekannte Schauspielerin hat den blauen Cocktail und den Anzugträger stehen lassen, sie schwankt Richtung Toilette. An der Wand neben den Stufen und an der Decke darüber wabern Bilderrahmen. Eine Höhle aus geröteten, grauen und vergilbten Promigesichtern. Michael Jacksons Kreidegesicht starrt sie an, sie starrt melancholisch zurück. Schmidtchen Schleicher. Schrecklich, mit ein paar Schritten Abstand. Vielleicht doch Elektroparty?

Die Runde am Tisch ist inzwischen ein Gewirr aus Armen, Beinen, fliegenden Pferdeschwänzen direkt vor dem DJ. Der Wirt singt in ein Mikrofon. Er wünscht den Tanzenden Liebe ohne Leiden. Der Handballprofi und die Zahnärztin plötzlich mittendrin, halb Tanz, halb Umarmung zur Begrüßung. "Hab' dir 'ne SMS geschickt", schreit die Zahnärztin gegen Michael Reim an. Blick zum Kunstblumendebakel an der Decke. "Wo sind wir hier überhaupt?" Die Grippestimme: "Nicht so 'n Zeug fragen." Dann versagt sie für den Rest der Nacht.

Die noch unbekannte Schauspielerin treibt zurück auf die Tanzfläche. Weitere Umarmungen. Inmitten von Tequila-Atem und heißgetanzten Kleidern verdampft der Gedanke an die Elektroparty. Fiesta Mexicana. Regel: Es gibt keinen falschen Ort im richtigen Rausch. Hossa. "Ist das Otti Fischer da hinten?", schreit die Zahnärztin. "Schau, Schatzi." Hinter ihr allerdings kein Handballprofi. Nur eine Frau im Abendkleid, lachend, Geglitzer am Ohr.

Beliebiger Laden. Ingwer-Longdrinks

Schatzi bestellt Bier und fachsimpelt an der Bar mit einem Franzosen. Auf Schulfranzösisch. Nach ein paar Runden Haselnussgeist: fließend. Bis der Handballprofi leidenschaftlich den Kopf schüttelt. Und Ringfinger mit Ehering zeigt. Noch einen Haselnussschnaps bitte. Oder besser: gleich zwei.

Plötzlich ist was passiert. Weil in Rauschnächten Dinge oft plötzlich passieren.

03:07 Wo seid ihr alle? Stimme weg.

Zu berauschten Nächten gehört eine schwankende Gruppengröße. Die Gruppe jenes Abends - minus die mittlerweile ohne Grippestimme, plus ein paar neue Bekanntschaften - stehen auf einmal im Elektroclub ums Eck, fette, verschwommene Stempel auf den Handgelenken. Wie sie hier gelandet sind? Weiß keiner. Wahrscheinlich hat einer irgendwann doch die Frage gestellt, ob es anderswo nicht noch lustiger wäre. Diese Frage gehört zum Wochenendexzess wie das Morgengrauen.

Beliebiger Laden. Ingwer-Longdrinks, DJ mit dünnen Armen. Merde, sagt der Franzose, und wendet gelangweilt seinen Blick von der menschenleeren Tanzfläche ab. Sieben Moscow Mule. Oh, acht. Die noch unbekannte Schauspielerin tanzt allein. Zwei küssen sich. Dann drei. Einer verschwindet auf der Toilette, es ist das letzte, woran er sich erinnern wird. Zu einem richtigen Rausch gehören richtige Verluste, irgendwann fehlt immer was. Jacken, Erinnerungen, Begleiter.

Wer nicht küsst oder verloren geht, lässt sich vom Elektrobeat zurück auf die Straße bugsieren, sobald das Glas leer ist. Zwei stolpern in einen Imbiss, bestellen labbrige Pizzaecken. Und werden zwischen Spielautomaten und Getränkekühlschrank von einer zerrupften Junggesellinnenabschiedstruppe verschluckt.

04:02 In einer WG mti Rtowein und nem Bergsteiger namens Tom Berg. Stimme nchit notwendig.

Drei oder vier landen wieder im Roy. Ein letzter Tequila. Ein letztes Mal Zimt. Eine letzte Orange. Und die noch unbekannte Schauspielerin fragt, ob das da hinten, neben Heino, ein Babyfoto sei.

© SZ vom 05.07.2014/kbb/fzg
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