Syrischer Alltag über Politik:Wie die Syrer ihre Angst ablegten

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Ali: Ich hätte ja nie gedacht, dass es bei uns überhaupt zu einer Revolution kommen kann. Ich dachte, dass es unser gottgewolltes Schicksal ist, in Unterdrückung zu leben. Doch irgendwann kam die Hoffnung. Ich habe zum Beispiel auf der Arbeit gemerkt, wie meine regimetreuen Kollegen nervös wurden. Einmal ging ein Video von einer Demonstration herum, auf der ein Mann ein Plakat von Baschar al-Assad von der Wand riss. Ein Kollege, der dem Regime nahesteht, hat mich dann ganz fest in den Arm geboxt und mich drohend gefragt: "Na, was hältst du davon?" Die Leute auf der Arbeit wussten schon, dass ich dem Regime kritisch gegenüberstehe.

Mohammed: Die Revolution hat dazu geführt, dass die Leute ihre Angst abgelegt haben. Das Regime hat zum Beispiel Menschen gefoltert und sie danach auf die Straße geschickt - zur Abschreckung. Doch davon sind die Demonstrationen immer noch größer geworden. Die Menschen haben gemerkt: Unterdrückung ist nicht unser Schicksal!

Ali: Im Nachhinein muss man allerdings zugeben, dass der Krieg die logische Folge der Revolution war. Die Assad-Familie hat das Land so lange kontrolliert, das geben sie nicht so einfach auf. Ich bin auch auf Demonstrationen gegangen. Irgendwann bin ich verhaftet worden und saß neun Monate im Gefängnis. Ich weiß bis heute nicht genau, warum. Ich glaube eigentlich nicht, dass es wegen der Demonstrationen war. Entweder hat mich ein Kollege denunziert. Oder es liegt daran, dass ich keinen Militärdienst gemacht habe. Danach stand jedenfalls für mich fest, dass ich in Syrien nicht bleiben kann.

Mohammed: Diese Unsicherheit ist schlimm! Wenn man verhaftet wird, weiß man nie, woran es liegt. Ich bin auch einmal verhört worden. Ich wurde zu einer bestimmten Uhrzeit bestellt, dann saß ich erst einmal stundenlang auf einem Stuhl. Keiner hat mich aufgerufen, keiner sich um mich gekümmert. Ich habe einfach nur gewartet. Das macht einen wahnsinnig, weil man sich alles Mögliche ausmalt. Genau das will das Regime: dass man verrückt wird. Als der Krieg begann und die politische und wirtschaftliche Lage immer schlechter wurde, habe auch ich beschlossen, zu gehen. Mein Bruder lebt schon viele Jahre in Deutschland und hat schon lange vor der Revolution gesagt: Komm doch hierher! Früher wollte ich das nicht. Aber nun bin ich da.

Ali: Ich würde gerne irgendwann zurück nach Syrien. Allerdings geht das nur, wenn das Regime den Krieg verliert, was im Moment nicht so aussieht. Das Wichtigste ist erst einmal, dass das Blutvergießen aufhört, egal wie. Das ist aber nur meine Meinung, viele sehen das sicher anders.

Mohammed: Ich würde auch gerne zurück. Und ich glaube immer noch daran, dass die Revolution siegen wird.

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