Sucht:Das Schwierigste: Medien nutzen ohne Rückfall

Der Druck auf die Jugendlichen nehme zu, erklärt Magnus Hofmann, weil die Eltern kein Verständnis für das Verhalten des Kindes hätten. "Durch den Druck kann sich zusätzlich eine Depression entwickeln, und dann suchen sie erst recht Zuflucht im Virtuellen." In seinen Therapiestunden behandelt er alle Jungs auch wegen anderen Erkrankungen wie Depression oder Angststörungen. Die haben sich meistens schon gefestigt, weil es lange dauert, bis die Eltern reagieren oder das Jugendamt einschreitet, weil das Kind nicht mehr zur Schule geht. Handeln sollten Eltern dann, rät Portmann, wenn sie merken, dass ihr Kind sich immer mehr abkapselt, die Spieldauer sei dabei nicht so entscheidend.

Daniel ist der Einzige im Wohnheim, der von sich aus hierher gekommen ist. Als er im April beschloss, den Rechner auszuschalten, sah er seine letzte Chance in einer Therapie. Doch niemand wollte sie bezahlen. Das Jugendamt wollte ihn in eine Einrichtung für Alkoholkranke schicken. Günstiger, aber mit Computern für alle. Erst als Daniel mit rechtlichen Schritten drohte, bekam er einen Platz.

Das Schwierigste an der Therapie ist, dass man im Alltag nicht einfach ganz auf den Computer und das Smartphone verzichten kann. Die Jugendlichen müssen also lernen, die Medien zu benutzen, ohne dabei rückfällig zu werden. Am Anfang bedeutet das trotzdem, Handy und Spielkonsole auszuhändigen. "Mit 21 Jahren das Handy abgeben zu müssen, das nervt ganz schön", sagt Daniel und lacht.

Waschen, Kochen und Putzen

Drei Stunden am Tag darf er momentan sein Smartphone oder den Gemeinschaftscomputer im Wohnzimmer benutzen. Alle Bewohner bekommen anfangs nur eine Stunde, je nach Therapiefortschritt werden es drei und dann fünf Stunden. Die Therapiefortschritte sind Fortschritte im echten Leben - Daniel hat im Sommer eine neue Ausbildung angefangen. Für ihn ist es ein Erfolg, jeden Tag aufzustehen und auch dort hinzugehen.

Zur Therapie gehören auch Dinge wie Waschen, Kochen und Putzen. Eines Tages, so die Idee, gehen die Jungs wieder zur Schule, vielleicht in einen Fußballverein und finden neue Freunde. In seiner Berufsschulklasse ist Daniel jetzt der Beliebteste. Auch mit seiner Freundin läuft es jetzt wieder besser. Auf einmal ist das echte Leben wieder schön. Wenn alles gut geht, ist seine Therapie nach einem Jahr zu Ende, manche brauchen auch ein bisschen länger.

Selbst klein und schmächtig, der Held aber groß und stark?

Die Jungs lernen hier auch, mit welchen Tricks die Spieler süchtig gemacht werden. Gefährlich sind Spiele, die nie aufhören, bei denen man im Team spielt, das auf einen angewiesen ist und bestraft wird, wenn man nicht bis zu einer bestimmten Uhrzeit wichtige Aufgaben erledigt hat. Spiele also, die weitergehen, obwohl der Computer längst ausgeschaltet ist. Ungefährlich sind die, bei denen man zum Beispiel mit dem Auto über eine Ziellinie rauscht. Psychotherapeut Magnus Hofmann erklärt den Bewohnern, was der Avatar, also der virtuelle Held, den man gewählt hat, über die eigene Persönlichkeit aussagt. Löst man die Aufgaben mit Köpfchen oder mit der Panzerfaust? Ist man selbst klein und schmächtig, der Held aber groß und stark?

Abends sitzt Daniel wieder draußen auf der Stahltreppe. Er spielt mit seinem Handy, ein harmloses Spiel. In der virtuellen Welt hat er immer Figuren gewählt, die von allen unterschätzt wurden, aber am Ende ziemlich gut waren. So eine will er jetzt auch werden.

© SZ vom 20.02.2016/tamo
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