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Suche nach dem Glück:Sei glücklich oder stirb!

A 'Cheshire Cat' maquette from the film 'Alice in Wonderland' is displayed at the D23 Presents Treasures of the Walt Disney Archives exhibit in California

Lach doch mal, dann wird es schon? Glücklich ist nur, wer auch traurig sein darf.

(Foto: Phil McCarten/Reuters)

Positiv denken und immer lächeln, dann kommt das Glück von ganz allein? So ein Unsinn. Abrechnung mit einer Gesellschaft, die sich permanent selbst optimiert - und so das Glück garantiert nicht findet.

Von Matthias Drobinski

Man kann es auch in Tagen der Flüchtlingskrise finden, das Glück. In der Ausgabestelle für Kleider zum Beispiel, so chaotisch und laut es dort auch zugehen mag. Freiwillige, die sich nicht kennen, arbeiten zu lange mit zu wenig Schlaf; sie treffen auf erschöpfte Menschen, deren Sprache sie nicht sprechen. Es müssten Streit und Spannung in der Luft liegen.

Helfen macht glücklich

Doch in der Halle breitet sich Hochstimmung aus und die Ahnung, wie es sein könnte, wenn alle eine große Menschheitsfamilie wären. Das wird so nicht lange bleiben, doch Zeit für Ernüchterung bleibt noch genug. Jetzt ist das Glück da. Helfen macht glücklich. Es macht glücklich, ohne dass man dafür Ratgeber lesen, Blogs verfolgen, einen Coach aufsuchen muss. Es ist ein geradezu unheimlich anarchisches Glück.

Die Bundesrepublik ist ein ziemlich glückliches Land, eigentlich. Es gibt seit 70 Jahren keinen Krieg und keine Diktatur. Land und Leute sind wohlhabend wie nie; die Korruption ist gering, das Bildungsniveau ordentlich, die Straßen sind geteert, die Züge fahren meist nach Plan.

Und trotzdem scheint das halbe Land gerade das Glück zu suchen. In Yogakursen, Selbsterfahrungsgruppen, bei Individual-Coachings; auf Reisen ins Innere, in die Wildnis oder ins Wellnesshotel; an der Bar, beim Dating oder wenigstens mit dem Buch auf dem Sofa. Es suchen gerade jene, die man glücklich nennen könnte: die Gebildeten, die Wohlhabenden, die Avantgardisten. Weil sie unglücklich sind? Weil sie ihr Glück als unvollkommen empfinden? Oder weil ihnen das einer eingeredet hat? Es ist ein Boom, der von einem Missverständnis lebt: dass die Glückssuche glücklich macht, am besten bis ans Lebensende.

Dass Menschen nach dem Glück suchen, ist Teil ihres Menschseins. "Alle wünschen sich ein glückliches Leben", wusste schon Seneca. Gäbe es das Kribbeln nicht und die Ahnung, dass da mehr sein könnte als das gegenwärtige Leben, wäre die Menschheit hocken geblieben in der Höhle; ohne den Rausch der erfüllten Sehnsucht hätte sie nie etwas riskiert.

Gerade die Deutschen haben sich da lange wenig getraut. Sie waren ein Volk der Pflichterfüller, sie taten in Staat und Armee, Familie, Beruf und Kirche, was ihnen aufgetragen wurde; Glück bedeutete, dies zur Zufriedenheit der anderen zu tun. Ihre Philosophie war die der Stoiker, die danach strebten, Schwankungen im Seelenleben zu vermeiden. Für die Dichter der Romantik waren die Momente des Glücks damit erkauft, dass der Rest des Lebens aus unerfüllter Sehnsucht bestand; für die anderen wartete das Glück im Jenseits - vielleicht.

Dauerglück ist eine Horrorvorstellung

Seit einigen Jahren aber scheinen die Deutschen das lang verpasste Glück finden zu wollen, und zwar möglichst schnell. Sie hämmern und dengeln, als ihres Glückes Schmied, an ihrem Leben herum. Sie ändern ihre Schlaf- und Essgewohnheiten, quälen sich durch neue Sportarten, suchen neue Jobs, weil die alten sie nicht mehr erfüllen, neue Bett- und Lebenspartner. Sie tun das immer in der Sorge, dass es nicht reichen könnte zum vollkommenen Glück, dass sie schon wieder den Augenblick verpasst haben, zu dem sie hätten sagen können: verweile doch, du bist so schön.

Für den weiten Markt der Glücksanbieter zwischen seriöser Lebensberatung und Scharlatanerie ist das eine solide Gewinngarantie. Für die Schar der Glückssucher birgt es die Gefahr, mit ziemlich viel Kosten und Mühe unglücklich zu werden. "Um nicht sehr unglücklich zu werden, ist das sicherste Mittel, dass man nicht verlange, sehr glücklich zu sein" - das wusste schon der alte Grantler Arthur Schopenhauer.

Denn der immerwährende Glückszustand ist eine Horrorvorstellung. Er wäre wie der immerwährende Rausch: Erst verschafft er Weite und Wonne, dann verlangt er nach Dosis-Steigerung, am Ende geht man daran zugrunde. Im immerwährenden Glück darf es keine Traurigkeit geben und keine Melancholie; Schmerz, Tränen oder Misserfolge werden verdrängt oder umgedeutet als Schritt auf dem Weg zum wahren Glück. Nur: Wer nie traurig oder melancholisch sein darf, kann auch kein Glück empfinden. Beide Seiten des Lebens gehören zusammen.

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