"Zart über die Haut rinnend, kaum salzig auf der Zunge", schreibt Simone de Beauvoir, "sind auch Tränen eine bittersüße Liebkosung". Bittersüß wie das Leben selbst, das vom Menschen bereits kurz nach der Geburt zu Recht beweint wird.

Auch am Samstagabend war dem Menschen wieder zum Heulen zumute, da war er nämlich versehentlich ins erste deutsche Fernsehprogramm gezappt, wo ihn die "Krone der Volksmusik" umschäumte. Hier feierte der von der taz kürzlich als "Nervtröte" betitelte Startrompeter Stefan Mross, 34, sein 20-jähriges Bühnenjubiläum.
Als Überraschungsgast tauchte ein älterer Mann im blauen Anzug auf, der sich neben Mross stellte und ihm sanft über die Wange streichelte. Es war Karl Moik, der den einst 13 Jahre jungen Mross auf einer Hochzeitsfeier entdeckt hatte und jetzt zu seinen Ehren das Lied "Weilst a Herz hast wie a Bergwerk" sang.
Mross weinte während des Vortrags des wahrscheinlich von einem österreichischen Kohle-Zwerg komponierten Songs derart herzzerreißend, wie es sonst nur Helmut Kohl schafft, oder Hillary Clinton oder Karl Moik, als Stefan 1989 zum ersten Mal den Grand Prix der Volksmusik gewann.
Es wäre gemein anzunehmen, Mross habe sich am Samstag des unter Schauspielern beliebten Tränenstifts bedient, dessen scharfe Öle einem auch ohne Anlass Wasser in die Augen treiben. Nein, seine Tränen waren die Tränen Rapunzels, die Blinde wieder sehend werden lassen. Schnell, dachte sich der auf diese Weise so bittersüß liebkoste und endlich wieder sehend gemachte Zuschauer, schnell weg aus diesem furchtbaren Programm. Das ist doch zum Heulen.