Stilkritik: Heiner Geißler Triumph des Alters

Zum Vermittlungsgespräch mit Gegnern und Befürwortern von Stuttgart 21 brachte Heiner Geißler Verhandlungsgeschick, Intelligenz, Menschenkenntnis, ein buddhamäßiges Lächeln - und ein kobaltblaues Sakko mit.

Von Evelyn Roll

Wenn heute 1977 wäre, und Heiner Geißler wäre Minister in der baden-württembergischen Landesregierung oder Merkels Hermann Gröhe, dann würde er über sich selbst sagen: "Dieser Schlichter ist ein Sympathisant des Terrors."

Im kobaltblauen Sakko vermittelte Heiner Geißler zwischen den Gegnern und Befürwortern des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21.

(Foto: dpa)

Wenn die Schlichtungsgespräche ein Casting wären, würde man Heiner Geißler und den Sprecher der "Stuttgart-21-Gegner" auf der Stelle nach Mittelerde engagieren zu den anderen Hobbits: Herr Waldschrat und sein Rot-Troll aus dem Schwabenland auf der Suche nach Ou Topos 21.

Wir haben aber 2010. Und was wir zu sehen bekommen, ist wieder einmal ein Triumph des Alters. Erfahrung, Verhandlungsgeschick, Intelligenz, Integrität, Menschenkenntnis, ein kobaltblaues Sakko und die Fähigkeit, jederzeit dieses buddhamäßige Lächeln der Zuversicht anzuschalten: Das zählt mehr als die Frage, ob einer schon 80 und Attac-Mitglied ist, was er in der Vor-Vor-Vergangenheit alles gesagt hat und ob er noch einen richtigen Hals zwischen Kopf und Schultern hat.

Und dann dieses Blau. Unser Farbpsychologe sagt: Kobaltblau signalisiert Kühle, Passivität, Ruhe und Ferne. Wenn man Kobaltblau mit Weiß und Grau kombiniert, wird daraus: Unbestechlichkeit und Klugheit. Dass Geißler so was zufällig gerade im Kleiderschrank hat! Der Mann kann auch etwas, das aus der Mode gekommen ist: denken, Kategorien bilden und psychopathologisch aufgeladene Begriffe allein durch Synonymisierung entzaubern. Szenenapplaus schon mal dafür, dass eine Bauunterbrechung ab sofort etwas vollkommen anderes ist als ein Baustopp.

Leider meinte jetzt ein Mensch "aus Regierungskreisen" hervorheben zu müssen: "Geißler macht das alles ehrenamtlich". Ja, was denn sonst? Er ist ja Schlichter. Wie gesagt, denken und Kategorien bilden ist etwas aus der Mode gekommen. Sonst müsste dieser Mensch das auch über die Stuttgart-21-Gegner sagen.

Generalsekretär, Querdenker, Schlichter

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