Stilkritik: Die Cargohose Im Stechschritt durchs Leben

Im Zweiten Weltkrieg wurde sie erfunden, um alles zu tragen. Und daran hat sie sich gehalten, gehorsam wie sie ist. Warum die Cargohose alles übersteht.

Von Verena Stehle

Wenn eine Cory Kennedy zu einer Kulturparty in New York in Militärkluft erscheint, während die Truppen aus der amerikanischen Heimat anderswo in einen militärischen Konflikt verwickelt sind - so könnte man das fast als liebe Geste deuten. Der Mode-Fratz solidarisiert sich mit den Soldaten am Hindukusch. Die Botschaft: Ich bin bei euch, Jungs, und trink hier gleich einen für euch mit.

Schlammfarbenen Säcke mit Taschen - die Cargohose hält sich hartnäckig.

(Foto: Foto: oh)

Das ist natürlich Unfug. Denn Cory Kennedy, Postergirl der Web-2.0-Generation, hält den Hindukusch für eine krasse Yogaübung oder vielleicht eine neue Schoßhundrasse und will mit ihrer - für eine feine Abendveranstaltung höchst unangemessenen! - Hose einzig und allein ihre modische Vormachtstellung signalisieren.

Und tatsächlich, auch auf den Catwalks bei Gucci und DSquared trugen die Models im Stechschritt Cargohosen; "Fracht-Hosen" mit aufgesetzten Taschen. Zara hat sie. Und bei Harrods hängt ein Balmain-Modell, das jenem aus dem Secondhandshop ähnelt - nur dass es 2500 Euro kostet.

In bester Erinnerung sind sie nicht geblieben, die schlammfarbenen Säcke. In den Neunzigern waren sie überall: Hopsten mit Girlgroups wie All Saints, schmuggelten in ihren labyrinthischen Taschen halluzinogenes Frachtgut in Technoclubs - bis sie eines Tages in der Staatsbibliothek saßen, mit rosa Bluse, Perlohrringen und dem Schriftzug "Punk Royal" auf dem Gesäß.

Von da an war die Cargohose im Szene-Milieu abgeschrieben. Ein Restbestand hielt sich aber weiterhin hartnäckig; vor kleinstädtischen Tanzschulen zum Beispiel, wenn der Kurs "Detlef D! Soost Popdance" Raucherpause machte.

Jetzt also versuchen die Designer eine Ehrenrettung. Abgezehrt sieht sie aus, die Cargohose, bei Balmain ist sie kaum mehr als eine Strumpfhose mit Taschen. Dass sie irgendwann wieder auf der Modeagenda steht, war aber absehbar: Im Zweiten Weltkrieg wurde sie erfunden, um alles zu tragen. Und daran hat sie sich gehalten, gehorsam wie sie ist.