Stilduell: Kaffee im Pappbecher:Coffee go home

Kaffee trinken sollte Genuss sein, kein Mittel zum Zweck. Ein Plädoyer für die koffeinhaltige Entschleunigung.

Kaffee trinken. Noch mal: Kaffee trinken. Woran denkt man, wenn man das heute hört? An aufwachen, auftanken, aufputschen. Flüssigkeit, die man sich einfüllt wie einem Rennwagen Benzin. Von null auf optimale Arbeitsleistung in zwei Minuten. So lange braucht der Kaffeeautomat für die Plörre, die viele als unverzichtbares Lebenselexier betrachten. Kaffee ist das Doping des Büroalltags. Für den Computerarbeiter bedeutet das aber nicht: höher, schneller, weiter. Sondern: durchhalten, durchhalten, durchhalten. Nur mit Coffee to go schaff ich es über die 17-Uhr-Ziellinie. Und immer: Im Pappbecher mit Deckel, bitte. Damit lässt es sich am besten weiterhetzen. Hemd besudelt? Was soll's? Dafür hat man schon mal das Schnabeltassentrinken später im Altersheim trainiert.

Ach, Kaffee. Warum hat man dich nur so verstarbuckst?

Mit dem Holzhammer-Argument des "früher war alles besser" disqualifiziert man sich eigentlich immer als fortschrittsfeindlicher Status-quo-Verfechter. In diesem Fall jedoch scheint es tatsächlich angebracht, in jeden so uniform langweiligen, loungigen Kaffee-Filialen-Sessel einzuritzen: "Früher ließ man sich den Kaffee besser schmecken!"

Kaffeehäuser von früher mussten das haben: alte rissige Ledersofas, fleckigen Marmor und auf silbernen Aschenbechern oder goldenen Lampen eine sprechende, singende, erzählende Patina. Sie erzählte von Menschen, die sich hier mit einem Kännchen (!) Kaffee immer wieder niedergelassen hatten. Von denen, die oft schon nach dem späten Frühstück eine wohlige Trägheit überkam, eine Trägheit, die meist bis zum Abendessen anhielt. Welch wunderbare Entschleunigung.

Wie viele Studenten verbrachten die Hälfte ihres Studiums in Kaffeehäusern, schrieben dort ihre Abschlussarbeiten, bei gutem Kaffee, in aller Ruhe in Hemden ohne Kaffeeflecken? Heute stehen sie ab acht Uhr an um einen Platz in der Bibliothek zu bekommen. In der Hand einen Pappbecher.

Kaffeehäuser besitzen eine Atmosphäre, die zum Nachdenken anregt. Nicht zum Nacharbeiten. Man nimmt sich Zeit. Schlägt sie tot. Hier wird gelebt und geschimpft. Und immer duftet dazu der Kaffee, vermischt sich nicht mit S-Bahn-Dunst oder Autoabgasen. Und dann natürlich: Kaffeehäuser als Bühne der Boheme, in München, Berlin, Wien, Prag. Wo sich Intellektuelle und solche, die es gerne gewesen wären trafen, diskutierten, zeichneten, schrieben.

Oder Kaffee trinken zu Hause. Oma bestand darauf. Dazu Schokoladeneclair oder Apfelstrudel oder Bienenstich oder Sahnetorte. Das Soziale spielte eine wichtige Rolle. Die Familie saß zusammen. Man wandte sich den Seinen und dem Kaffee zu. Da war es dann auch nicht so wichtig, wenn das Aroma des Filterkaffees nicht dem Kaffeehausstandard entspracht. Der Kaffee als Lebensmitte. Nicht als Lebenshilfe. Oma wäre auch sauer geworden, hätte der Enkel Kaffee und Kuchen geschnappt und sich vor den Laptop verzogen.

Latte und Laptop

Gerade hat eine Studie herausgefunden: Nur 30 Prozent der über 50-Jährigen sind gerne mit einem Pappbecher in der Hand unterwegs. Bei den 18- bis 29-Jährigen sind es dagegen 59 Prozent. Latte und Laptop, das ist die Kaffeehauskultur des 21. Jahrhunderts.

Muss man sich darüber ereifern? Muss man nicht. Das tun schon die genug, die Coffee to go trinken. Trinken müssen.

Man kann auch einfach in ein Kaffeehaus gehen, durch die großen Fenster Pappbecher-Balancierer beim Vorbeihetzen beobachten, in der Tasse rühren und still lächeln. ´

Und ja, es gibt Hoffnung: Denn jeder vierte Kaffeetrinker ist davon überzeugt, dass der Trend der Kaffeehausketten bald vorbei sein wird. Coffee go home.

© sueddeutsche.de/vs/segi/bgr
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB