Rosa Herzen auf Sofakissen, mit Kätzchen bestickte Tagesdecken, "Love"-Verzierungen auf dem Bettbezug - in britischen Gefängnissen bietet sich immer wieder ein ungewöhnliches Bild. Um der lähmenden Langeweile zu entfliehen, sticken, weben und nähen hunderte Häftlinge in ihren Zellen.

Seit zwölf Jahren bietet eine Privatinitiative in den Haftanstalten Handarbeitskurse an, und viele Gefangene reißen sich darum. Ihre Werke zeugen oft von ihren Tagträumen im tristen Gefängnisalltag - eines davon hat jetzt sogar den Weg ins Museum gefunden.
"Es gibt uns ein Ziel"
Vor einem Jahr las Richard, dass die Organsation FineCellwork ("Kunsthandwerk im Gefängnis") Stickkurse anbot. "Ich habe mir gesagt: Das gibt dir was zu tun." Mit Wollknäueln und Nadeln der Organisation kehrte der Häftling in seine Zelle zurück. Bald wurde Sticken zu seiner Leidenschaft: "Was ich angefangen hatte, musste ich zu Ende bringen." Inzwischen stickt er nach eigenen Angaben zwei oder drei Stunden nachts und drei bis vier Stunden am Tag.
Richard ist nicht allein. Vielen seiner Mithäftlingen ergeht es ähnlich. "Es gibt uns ein Ziel. Und macht uns stolz", sagt Richard. Stolz waren er und seine Handarbeitsfreunde dann vor allem, als sie hörten, dass eine ihrer Arbeiten ab März im ehrwürdigen Victoria and Albert-Museum in London ausgestellt werden soll. "Da sagten wir nur noch wow", erzählt er. Zu Richards Handarbeitsfreunden gehören inzwischen auch einige "schwere Jungs". "Sie sehen grob aus, aber können sehr fein nähen", erzählt er leicht spöttisch.
Auch für sie sind die Arbeiten eine willkommene Flucht aus dem langweiligen und deprimierenden Gefängnisalltag. Von seinen guten Erfahrungen berichtet ein Lebenslänglicher in einem Brief an FineCellwork: "Ein Typ hat mich eines Tages gebeten, ihm zu helfen - er hatte seine Brille zerbrochen, musste aber noch ein Motiv fertigmachen. Er musste mir versprechen, es niemandem zu sagen, und dann hab ich mich in einem Wandschrank versteckt. Ich nähte die ganze Nacht, bis wir zum Frühstück geholt wurden - eine ganze Nacht ohne Selbstmordgedanken, ohne Tränen."
"Die Wartelisten sind lang"
Seit Beginn des Programms vor zwölf Jahren nahmen nach Angaben von Leiterin Katy Emck zwei- bis dreitausend Häftlinge teil. Die Idee dazu hatte eine nähbegeisterte Ehrenamtliche, die regelmäßig zu Besuchen im Gefängnis war. Die über Spenden finanzierte Initiative hatte von Anfang an Erfolg: Schließlich verbringen die Gefangenen durchschnittlich 17 Stunden täglich in ihrer Zelle; viele aber sind Analphabeten und können sich deshalb nicht einmal mit Lesen die Zeit vertreiben.
Emck erinnert sich an ihre erste Begegnung mit den Häftlingen. "Ich war ganz schön nervös. Vor mir standen dreißig Männer und ich fragte: Wollen Sie Teppiche weben? Alle Hände gingen nach oben." Inzwischen geben rund 200 Ehrenamtliche in 26 Gefängnissen Kurse. Mehr als 300 Häftlinge nehmen daran teil: 80 Prozent Männer und 20 Prozent Frauen. Und die Wartelisten für die Kurse sind lang.
Der Erlös aus dem Verkauf der Arbeiten geht vollständig an die Häftlinge - laut Emck sind das pro Gefangener "durchschnittlich ein paar Pfund die Woche". Für diese ist das Geld jedoch nicht so wichtig: "Ich hätte es umsonst gemacht, weil es mir das Gefühl gibt, etwas Positives zu tun", sagt ein Häftling, der Kissen aus dem 12. Jahrhundert für Dover Castle nachgestickt hat. "Es hilft ihnen, sich wie Künstler zu fühlen und nicht mehr wie Kriminelle", sagt auch Emck. "Wer für FineCellwork stickt, prügelt sich nicht mehr." ric/ans AFP
