Sterbehilfe Was eine Ausnahme war, wird zur Norm

Zur Person

Armin Nassehi, 54, ist Professor für Soziologie an der Ludwig- Maximilians-Universität München und Herausgeber der Kulturzeitschrift Kursbuch.

Wie sehr die Diskussion durch bisweilen versteckte moralische Überzeugungen geprägt ist, die sich der Übersetzbarkeit in andere Milieus verweigern, hat der Autor und Sozialrechtler Oliver Tolmein deutlich gemacht. Er kritisiert den Gesetzentwurf von Borasio und dessen Mitstreitern als Versuch, die Beihilfe zum Suizid zu professionalisieren und damit ärztlicher Kontrolle zu unterwerfen. Tolmein geht es nicht darum, eine Beteiligung der Ärzteschaft an solcher Hilfe zu verbieten. Aber er meint, dass eine verfahrensrechtliche Regulierung der ärztlichen Unterstützung beim Suizid eine Normalisierung dessen zur Folge hätte, was zuvor eben nur eine Ausnahme war. Das ist nicht von der Hand zu weisen, denn ein erwartbares Verfahren macht das, was darin geregelt wird, legitimer. Es wird damit gewissermaßen zur Option.

Aber was ist die Alternative? Tolmein kommt selbst darauf zu sprechen, eher versteckt, aber doch deutlich. Der Suizid, so sagt er, den Schriftsteller Jean Améry zitierend, sei ein Akt des Hand-an-sich-Legens, das der Suizidant gewissermaßen in Absage an die Gesellschaft in Einsamkeit zu vollführen habe. Man muss hinzufügen: in heroischer Einsamkeit. Ohne diese Heroisierung der Tat werde sie zu einer vertraglich gesicherten Leistung und deshalb wertlos. Doch nicht nur der Sterbende möge ein Heros sein, sondern auch der Arzt. Der habe, wenn er dem Moribunden beisteht, dies dann auch selbst und einsam zu verantworten und nicht mit einem Mandat der Gesellschaft.

Das Heroische muss aus der Diskussion herausgehalten werden

Das ist eine starke ethische Anforderung. Sie bewegt sich im Bannkreis des Herrenzimmers der bürgerlichen Gesellschaft, in der nur Helden letztlich die Eigentlichkeit ihrer selbst finden. Diese Position ist konservativer als die konservativen Forderungen nach dem Verbot. Und sie ist weiter von jeglicher Lebenswirklichkeit entfernt als jeder Versuch, in einer postbürgerlichen und postheroischen Gesellschaft Verfahrensregeln zu finden, die auch Nicht-Helden berücksichtigen.

Der Entwurf der vier Wissenschaftler ist deshalb so sehr zu begrüßen, weil er dieses Element des Heroischen aus der Diskussion heraushalten will. Denn wenn man weder einer völligen Liberalisierung noch einem lebensfernen Verbot der Sterbehilfe das Wort reden will, bietet sich deren Professionalisierung in Form eines aufgeklärten und kontrollierten ärztlichen Paternalismus eher an als der Appell ans Heroische.