Süddeutsche Zeitung

Steffi Graf und Andre Agassi:Tatsächlich Liebe

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Im neuen Film "Challengers" geht es um eine Amour fou zwischen Tennisprofis. Dabei ist die Wirklichkeit viel besser. Zeit, das ergreifendste Doppel aller Zeiten zu würdigen: Steffi Graf und Andre Agassi.

Kolumne von Mareen Linnartz

Stabile Wetterlage in Las Vegas gerade, sonnig, um die 30 Grad tagsüber, kaum ein Lüftchen weht. Was wohl Steffi Graf, 54, aufgewachsen im baden-württembergischen Brühl, und Andre Agassi, 53, Sohn der Wüstenstadt, dieser Tage machen? Ein paar Runden im eigenen Pool drehen? Den Grill für ein gepflegtes Barbecue anschmeißen? Eine Partie Pickleball spielen, wenn die Temperaturen nachlassen und das Ganze nicht so auf den Kreislauf geht?

Viel weiß man ja nicht über den Alltag des wohl berühmtesten Tennis-Doppels der Welt. "Steffi braucht keinen Wecker - sie ist der Wecker", erzählte Agassi vor Kurzem geradezu leutselig in einem Interview, "sie steht jeden Tag zwischen 5.30 Uhr und 6 Uhr auf, ich nur ein paar Minuten später". Graf wiederum, hat sie mal bekannt, pflanzt gerne Tomaten und kümmert sich um die Haustiere, Hund, Katze, Hamster. So weit, so überschaubar. Betrachtet man ein Bild der beiden, das Andre Agassi zum Jahreswechsel auf Instagram postete, könnte man auf den Gedanken kommen, ein distinguiertes Apotheker-Paar bei seinem jährlichen Südafrika-Trip wolle damit die Golffreunde in der Heimat grüßen: Eng umschlungen stehen sie da, er braun gebrannt und mit ein paar gemütlichen Kilos zu viel, sie im perfekten Blond mittelalter Frauen.

Aber nein, was da grüßte, ist natürlich das auf spektakuläre Weise unspektakulärste Paar der Welt. Seit 25 Jahren verliebt, seit 23 verheiratet, zwei mittlerweile erwachsene Kinder, frei von Skandalen und Abstürzen, was man alles gähnlangweilig finden könnte, würden sie einen nicht so wahnsinnig rühren.

Denn die Konstellation damals, als sie zueinander fanden, die war eigentlich zu verrückt, um überhaupt Bestand zu haben. Bei Tinder hätte das nicht gematcht: Die solide Deutsche und der amerikanische Paradiesvogel, der mit lackierten Fingernägeln, Jeans-Shorts und Langhaartoupet (echt wahr) dem vornehmen weißen Sport gehörig einheizte. Die Gräfin und der Punk. Bestimmt nicht mehr als eine Affäre, mit Beginn des nächsten Grand-Slam-Turniers im Seitenaus, so ging das Geraune.

Und jetzt? Zeigen sie allen, wie das geht, sehr viele Jahre gemeinsam durchs Leben zu latschen, ohne sich anzuöden. Kaum ein Bild der beiden, auf dem sie sich nicht anfassen, anlächeln, anstrahlen. Langjährige Paare im dritten Therapiejahr fragen sich da: Bitte, wie machen die das? Er ist dabei ganz klar der romantischere von beiden: "Wenn sie stillsteht, ist sie eine Göttin, in Bewegung ein Gedicht", sinnierte er in seiner Autobiografie. Herzerwärmend, wie er mal bei einer Ehrung für seine Frau eine fast achtminütige Rede auf sie hielt und mit belegter Stimme sagte: "Ich suche nach angemessenen Worten für die Person, die mein Leben verändert hat." Lädt er wie vor ein paar Tagen ein Video auf Social Media hoch, auf dem sie zusammen Bälle schlagen, setzt er ein verliebtes Herzchen darunter.

Gerade ist im Kino der Film "Challengers" angelaufen, angekündigt als eine ganz heiße Liebesgeschichte zwischen Tennisprofis. Auch von der Graf-Agassi-Romanze soll es demnächst eine Filmversion geben, Arbeitstitel "Perfect Match". Netter Versuch, denn dabei ist doch vollkommen klar: Nichts wird an die Wirklichkeit herankommen.

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