Er sieht so aus, als würde er am liebsten sofort loshüpfen. Steffen Kopetzky steht im Türrahmen seines Hauses im bayerischen Pfaffenhofen, weißes Sport-T-Shirt, weiße Sport-Hose, Adiletten an den Füßen, und winkt herein. Die grauen Haare hat er zu einem Pferdeschwanz gebunden, der beim Gehen leicht wippt, nun, da er einen auf die Terrasse führt, wo er schon eine graue Matte und ein schwarzes Seil deponiert hat. Kopetzky hebt das Modell hoch und sagt mit Kennermiene: "Habe ich bei einem Fachhändler aus Velden gekauft. Total praktisch: Man kann verschieden schwere Gewichte in die Griffe schrauben." Wer dachte, Seilspringen sei etwas für kleine Kinder in barfußwarmen Monaten oder kraftstrotzende Boxer in "Rocky"-Filmen, wird spätestens an dieser Stelle eines Besseren belehrt: Es ist auch etwas für mittelalte Schriftsteller.
Jeden Tag springt Steffen Kopetzky ("Grand Tour", "Propaganda"), meist am frühen Nachmittag, meist etwa eine Stunde lang. Er hört dabei Hörbücher, schaut auf seine Bonsaibäumchen am Terrassenende, denkt nach. Er tänzelt entspannt, kreuzt die Hände beim Schwingen, geht durch sein ganzes Seilspring-Repertoire. So komme er zur Ruhe, sagt er, und treibt doch gleichzeitig den Puls nach oben, eine interessante Gleichzeitigkeit, aber kein Widerspruch. Seilspringen? Ist für Kopetzky "ein extrem anspruchsvolles physisches Training mit vielen meditativen spirituellen Aspekten". Überall und jederzeit machbar, ein Sport, bei dem es also "keine Ausrede" gibt.
Wenn der Autor unterwegs ist, hat er immer eines seiner mehr als 20 Modelle im Gepäck; damit geht er dann in eine Grünanlage oder auf einen Parkplatz, er braucht ja nicht viel Platz. Er experimentiert auch gerne, einmal stand er mit Skibrille auf der Nase am Rande des Flughafens Tempelhof, ein Stahlseil zu einer Peitsche zusammengetapt, und schwang sie wie ein Kampfsportler. Ein Umstand, der ihm auch heute noch gefällt, denn dieser ungewöhnliche Auftritt "hat praktisch niemanden dort interessiert". Sonst bleiben immer ein paar Neugierige stehen. Menschen joggen in der Öffentlichkeit, sie praktizieren Yoga, jonglieren, machen alles Mögliche. Aber Seilspringen? Das ja doch eher selten.
In seiner Heimatstadt Pfaffenhofen, wo er nach Jahren in Berlin heute mit seiner Familie wieder lebt, hebt Steffen Kopetzky an diesem warmen Sommertag nun erst einmal einen kleinen Avocadobaum hoch und stellt ihn behutsam neben die Terrasse in die Wiese, bevor er seine Matte ausrollt. Pflanzen: noch so eine Leidenschaft des 52-Jährigen. Stolz hatte er gerade noch durch seinen Garten geführt, hier die liebevoll mit Draht in Form gebrachten Bonsais, dort die Tonne mit der Brennnesseljauche, weiter hinten sein Gemüsebeet, in dem unter anderem Gurken, Kohlrabi, Rote Bete, Zucchini wachsen, und zwar so üppig, dass er mehrmals anbietet, einem welche einzupacken.
Der Avocadobaum wiederum war mal ein treibender Kern im Kompost, den hat er praktisch gerettet, das erklärt vielleicht auch die besondere Zuwendung, schnell lockert er noch mit der Hand das Lavagranulat im Topf. Dann tauscht er seine Adiletten gegen Handballschuhe, die seinen an sich schon gelenkschonenden Sport, findet er, noch einmal besonders angenehm machen. Er stellt sich jetzt auf die Matte, hält die extraschweren Seilgriffe fest, wirkt sehr konzentriert. Mit seinem professionellen Outfit hat er etwas von einem Fitnesstrainer, vielleicht auch, weil er problemlos gleichzeitig schwingen und sprechen kann. Er kommentiert seine Bewegungen, erklärt Grundsätzliches: Idealerweise klatsche das Seil nicht auf den Boden auf, sondern schwinge in der Luft durch, es sei überhaupt weniger ein Springen als vielmehr ein leichtes Hüpfen, die Bewegung komme vor allem aus dem Handgelenk. "Schauen Sie: So. Nur eine kleine Bewegung. Das stimuliert auch das Nervensystem, das Gehirn, hat also auch einen mentalen Effekt."
Wie er das alles so macht, sieht es leicht aus. Er stoppt mit der linken Hand elegant die Bewegung des Seils. "Wollen Sie auch einmal?" Schon nach wenigen Minuten erlaubt man sich eine ungläubige Nachfrage. Das machen Sie wirklich eine Stunde lang? 60 Minuten? Nicht 16? Wie geht das? Das ist doch unfassbar anstrengend! Er lacht. Er war ja nicht immer so fit. Mit Anfang dreißig schlitterte er in eine Lebenskrise, zu der auch gehörte, körperlich echt angeschlagen zu sein. "Ich kam von einer Lesereise zurück, die zehn Jahre zuvor hatte ich als Journalist gearbeitet und mir so meinen Roman, den ich nachts geschrieben habe, finanziert." Eine Schachtel filterlose Roth-Händle am Tag gehörte dazu, "also ich war vollkommen am Ende. Völlig verraucht". Er ist dann erst mal in ein Fitnessstudio gegangen, "aber die blöde Musik dort, das irgendwie Industrielle, das war mir schnell zuwider". Immerhin: Ein Trainer dort hatte Seilspringen mit im Programm. "Da dachte ich mir: Probier ich das mal zu Hause aus."
Damals hatte er nach seiner ersten Fünf-Minuten-Einheit einen scheußlichen Muskelkater. Heute befindet er sich zu diesem Zeitpunkt erst in der Anwärmphase für sein tägliches Programm. Rückblickend findet er: "Ich habe mich praktisch an dem Seil aus meinem Sumpf gezogen." Und dabei auch etwas über das Leben gelernt. Denn Seilspringen trainiere ja nicht nur mit erstaunlich einfachen Mitteln Koordination, Kondition und den Geist, sondern lehre auch den Umgang mit dem Schmerz. Anfangs, bei zu unkontrollierten Bewegungsabläufen, knallte das Seil auch mal auf den Rücken. Es ist ein Schmerz, der einen durchzuckt und dem man sich stellen müsse, verbunden mit einer grundsätzlichen Erkenntnis: "Jeder Fehler geht auf das eigene Konto." Auch hier also: keine Ausreden.
Steffen Kopetzky ist ein überaus produktiver Autor, mehr als zehn Romane hat er veröffentlicht, die gerne mehrere Hundert Seiten dick sind, oft auf historischen Ereignissen fußen und doch auffallend aktuell wirken. "Monschau", während der Pandemie herausgekommen, dreht sich um einen Pockenausbruch in einer kleinen Gemeinde in der Eifel in den Sechzigerjahren, "Damenopfer", soeben erschienen, beschreibt collagenhaft das unglaubliche Leben der russischen Revolutionärin und Schriftstellerin Larissa Reissner, die schon als Kind Lenin kennenlernte, Teil der Oktoberrevolution war, später als sowjetische Gesandte in Kabul lebte und 1926, mit nur 30 Jahren, in einem Moskauer Krankenhaus an Typhus starb. Ein Leben wie ein Film, ausgesetzt dem Wechselspiel geopolitischer Kräfte, die einem heute seltsam vertraut vorkommen.
In "Propaganda" hat er seine Liebe zum Seilspringen verewigt: Eine Gruppe politischer Gefangener lernt es von dem Protagonisten des Buches, dem amerikanischen Offizier John Glueck, hier die Stelle aus dem Buch: "Wie machen Sie das, Mister", fragte einer mit ehrlicher Verblüffung, "man hat das Gefühl, dass Sie gar nicht wirklich springen?" "Eine Frage der Übung", sagte ich schlau.
Alles eine Frage der Übung. Was leicht aussieht, ist oft am allerschwersten. Was locker wirkt, setzt echtes Können voraus. Steffen Kopetzky räumt sein Seil weg, rollt die Matte auf, hebt den Avovadobaum wieder an seinen ursprünglichen Platz. Es braucht wirklich nicht viel, um in Schwung zu kommen - und eigentlich auch nicht so viel, um es zu bleiben.
Keine Leidenschaft ohne Zubehör. Diese Gegenstände braucht Steffen Kopetzky beim Seilspringen:
Das Seil

Das ist gerade eines meiner Lieblingsseile. Es ist ungeheuer langlebig, in die Griffe kann man unterschiedliche schwere Gewichte dranschrauben, das hat natürlich einen Trainingseffekt. Mein erstes Seil habe ich vor mehr als 20 Jahren in einem Berliner Kaufhaus gekauft, das war von Nike und super, aber das gibt es nicht mehr. Und weil es in der Mitte schon so durchgescheuert ist, benutze ich es nicht mehr, ich habe Angst, dass es sonst reißt.
Die Schuhe

Ich springe nicht barfuß, sondern in Schuhen - das ist gelenkschonender. Ich nehme dabei Handballschuhe der schwedischen Marke Salming, die hat mir mein Physiotherapeut empfohlen.
Die Trinkflasche

Eine Stunde Seilspringen verbraucht etwa 700 Kalorien, ich glaube, es ist der effektivste Sport, was den Kalorienverbrauch angeht. Da muss man unbedingt darauf achten, immer etwas zu trinken griffbereit zu haben. Diese mit warmen Wasser gefüllte Trinkflasche ist deswegen immer in meiner Nähe.
Waldbaden mit Benno Fürmann , Malen mit Tim Bendzko , Hot Yoga mit Adel Tawil : Weitere Folgen von " Meine Leidenschaft " finden Sie hier .



