Städte-Ranking Mailand, Stern des Nordens

Der Blick vom Mailänder Dom auf die Türme der Stadt.

(Foto: Getty)
  • Mailand wurde von der Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore zur Stadt mit der höchsten Lebensqualität in Italien gekürt.
  • Die Stadt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten neu erfunden, man sieht es der Stadt von Weitem an.
  • Bei diesem Prozess entfernt sich Mailand immer weiter von Rom.
Von Oliver Meiler, Rom

Wenn Nebel auf Mailand liegt, kalt und feucht, dann ist der Süden weit weg. Im Winter gibt es Tage, da sieht man von einem Ufer des Naviglio Grande, des großen Kanals, kaum das andere, obschon es nur einige Meter entfernt ist. Ganz zu schweigen von den Alpen, die bei heiterem Wetter zum Greifen nahe sind. Anflüge auf den Flughafen Milano Linate sind wie Gestochere im Grau. Sogar die "Madonnina", die Stadtheilige auf dem Dom, die prächtig über allem steht, verschwindet im Nebel.

Es gibt Italiener, die behaupten, Mailand sei gar nicht Italien. Italien, das geliebt barocke und belächelt chaotische, beginne erst nach dem Po. Andere sagen, Mailand sei ein Mix aus Nord und Süd, es zeige den Italienern, was alles möglich wäre. "La locomotiva", die Lokomotive des Landes: dynamisch, rigoros, streng auch mit sich selbst, beinahe protestantisch - die Madonnina möge die Häresie überhören. Nur Mailand nutzt das grandiose kreative Potenzial, das in Italien steckt, diesen Sinn für alles Schöne und Köstliche, mit System und macht sich reich damit.

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Im südlicheren Teil des Landes tröstete man sich bisher mit dem besseren Klima, mit der Sonne, mit dem Meer. In den italienischen Fußballstadien ab Florenz, südwärts, werden die beiden Mannschaften aus Mailand und deren Anhänger jeweils mit dem Chor empfangen: "Solo la nebbia, avete solo la nebbia." Nur Nebel, ihr habt nur den Nebel. Im Süden sagt man sich auch gern, Mailand sei nicht schön, nicht im klassischen Sinn, so wie die Kunststädte schön seien: Venedig, Florenz, Rom. Und leidenschaftlich und lebensprall wie Neapel und Palermo sei die Stadt auch nicht.

Alles wahr, und doch ist das nur ein schwacher Trost. Nun hat sich Mailand ein weiteres Primat geholt. Die Zeitung Il Sole 24 Ore erkor es zur italienischen Stadt mit der höchsten Lebensqualität, und das zum ersten Mal überhaupt, seit sie diese Rangliste erstellt, seit 29 Jahren also. Vor Bozen und Aosta. Über den Wert solcher Rankings lässt sich immer schön streiten. Natürlich hängt die Lebensqualität der Menschen nicht unwesentlich davon ab, ob sie genug Geld besitzen, um an allen tollen Dingen teilzuhaben, die ihre Stadt bietet.

Doch Il Sole 24 Ore, ein seriöses Wirtschaftsblatt, geht bei seiner Studie ins Detail, es schaut auf 42 Indikatoren, aufgeteilt in sechs Themen: Wohlstand und Konsum, Geschäft und Arbeit, Umwelt und Dienstleistungen, Justiz und Sicherheit, Demografie und Gesellschaft, Kultur und Freizeit. Mailand gewinnt nicht in allen Sparten, bei der Umwelt zum Beispiel wird man nie Erster sein: Wenn sich Nebel und Abgase zum dicken Smog mischen, muss der Verkehr immer mal wieder tagelang ruhen, dermaßen schlecht sind dann die Luftwerte. Aber sonst?

Mailand hat sich in den vergangenen Jahrzehnten neu erfunden, man sieht es der Stadt von Weitem an. Sie hat eine neue Skyline, wuchtig und hoch, sehr unitalienisch, ein neues Gesicht. Die Glas- und Stahltürme in den Vierteln City Life und Porta Nuova schreien nach Moderne, sie sind erst ein Anfang. Stararchitekten hat man geholt, und Investoren aus Asien: In der langen Wirtschaftskrise fand sich nicht genügend italienisches Kapital für die großen Würfe. "Bosco Verticale", der total begrünte Hochhauskomplex des italienischen Architekten Stefano Boeri beim Bahnhof Porta Garibaldi, ist zum Sinnbild des Aufbruchs geworden.

Mailand baut neue Viertel und U-Bahn-Linien

Während die klassisch schönen Städte Italiens sich müde in ihrem alten Glanz wälzen und sich von Touristenmassen bestaunen lassen, baut Mailand neue Viertel, U-Bahn-Linien, macht aus verlassenen Fabriken Kulturzentren und Restaurants, es saniert auch das alte Kanalsystem der "Navigli", macht sie wieder verkehrstüchtig.

Rom und Mailand, "die beiden Hauptstädte Italiens", wie sie auch genannt werden, die politische und die wirtschaftliche Kapitale des Landes, bewegen sich immer weiter auseinander. Alles, was Rom kann, kann die Rivalin im Norden besser. Außer natürlich: Antike. Mailand war mal eine Industriestadt, jetzt ist es das Zentrum der italienischen Mode, der Banken, der Medien, des Designs, der Start-ups. Der Zukunft. An den Mailänder Universitäten studieren viele junge Menschen aus der ganzen Welt zusammen mit jungen Italienern, während der Rest des Landes ein Problem mit der "Fuga dei cervelli" hat, wie man hier den Wegzug von Talenten nennt - die Flucht der Gehirne.

In Mailand leben fast zwanzig Prozent Ausländer, das sind doppelt so viele wie im nationalen Durchschnitt. Doch die Stadt integriert sie scheinbar leicht. Nirgendwo in Italien ist es für Ausländer einfacher, sich eine Existenz aufzubauen und Erfolg zu haben, als in Mailand. Und wer es nicht schafft, um den sorgen sich Zehntausende freiwillige Helfer. Denn ja, die Metropole ist nicht nur reich und snobistisch, sie ist auch die Hauptstadt des "Volontariato", der Helfer. Regiert wird Mailand von einem früheren Manager. Bürgermeister Giuseppe Sala hatte davor die Expo 15 geleitet, die Weltausstellung. Sie war eine Wette, Mailand hat sie gewonnen. Der Sozialdemokrat Sala ist nun der populärste Bürgermeister in Italien, ein kompetenter und nüchterner Verwalter.

Unlängst schrieb die römische Zeitung La Repubblica: "Mailand ist nicht das Paradies, es gehört schließlich zu Italien. Doch wenn wir neu anfangen wollen, müssen wir ja irgendwo beginnen, und Mailand ist ein guter Ort dafür." Mehr Lob geht gar nicht. Solo la nebbia?

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