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Spreebogen:Scharf geschaltet

Journalisten kommen ununterbrochen an Punkte, wo Alarm ausgelöst wird. Manchmal allerdings auch, wenn sie ihr eigenes Büro betreten wollen. Und dann?

Neulich habe ich, wie man so sagt, mal richtig Alarm gemacht. Nach einem Abendtermin ging ich zurück in die Redaktion, fuhr mit dem Fahrstuhl nach oben und gelangte vor die Eingangstür unserer Büroräume. Die sind nächtens mit einem Bewegungsmelder gesichert, der im Laufe des Abends scharf geschaltet wird. Um die Alarmanlage zu entschärfen, hat jeder Redakteur einen kleinen Chip, den man vor einen Sensor hält. Damit schaltet man die Alarmanlage aus, wenn sie eingeschaltet ist. Man schaltet sie allerdings auch ein, wenn sie ausgeschaltet ist. Der Unterschied ist nicht leicht zu erkennen. Jedenfalls nicht für mich.

Das Heulen der Alarmanlage klingt so: uuiiiioooouuiiiioooouuiiiioooo. Es pfeift ohrenbetäubend und bestimmt sehr abschreckend für Einbrecher, die sich dann auf und davon machen. Aber ich war ja kein Einbrecher. Ich arbeite da. Um die verdammte Anlage wieder auszuschalten, reichte der Chip jetzt nicht mehr. Ich musste vielmehr die Sicherheitsfirma anrufen, die unser Gebäude betreut. Also wählte ich die Nummer, die ich von einem Aufkleber am Türrahmen ablas. Leider war es nicht die Telefonnummer der Sicherheitsfirma, sondern die Seriennummer der Alarmanlage. Uuiiiioooouuiiiioooouuiiiioooo.

Als ich die richtige Nummer auf einem anderen Aufkleber gefunden hatte, meldete sich ein Mitarbeiter der Sicherheitsfirma. Er fragte nach meinem Kennwort. Mein Kennwort? Keine Ahnung. Ich habe ein Smartphone mit Kennwort, ich muss sogar drei Kennworte eingeben, wenn ich morgens meinen Computer im Büro hochfahre. Und wenn ich im elektronischen Archiv recherchiere, benutze ich das Kennwort des Kollegen Roßmann, weil ich mein eigenes vergessen habe.

Merken muss ich mir außerdem die Pins für Kreditkarte, Scheckkarte, Bonuskarten - nicht zu vergessen die drei Worte, die ich gelegentlich brauche, um das Herz meiner Frau aufzuschließen, wenn ich wieder Mist gebaut habe. Aus all den Pins und Codes und Kennworten, die ich im Kopf behalten muss, könnte ich meinen Töchtern eine Buchstabensuppe kochen, von der sie drei Tage lang satt würden. Und jetzt verlangte dieser Mann von der Sicherheitsfirma noch ein Kennwort, nur damit ich mitten in der Nacht ins Büro rein konnte, wo ich um diese Zeit sowieso nicht wirklich hinwollte.

Als ich vor einigen Jahren mal mein Handy im Zug verloren hatte, wollte der Netzbetreiber auch ein Kennwort hören, ehe er mein Telefon sperren würde. Ich stand mitten in der Nacht in einem Hotelzimmer am Münchner Flughafen und hatte keine Ahnung. Die Mitarbeiterin damals versuchte mir sogar zu helfen. Sie fragte mich, was ich arbeitete.

" Journalist."

"Aha, und wo?"

"In Berlin."

"Ich meinte: für wen?"

"Für meinen Chefredakteur, der früher mein Büroleiter war."

Das war ihr als Kennwort zu lang. Irgendwann gab sie's auf. Richtig wäre "SZ" gewesen, wie ich später erfuhr.

Daran erinnerte ich mich an dem Abend vor der Bürotür. "SZ", sagte ich.

Uuiiiioooouuiiiioooouuiiiioooo.