bedeckt München 20°

Spreebogen:Nur ein Stellvertreter

Kurt Kister

Kurt Kister ist Chefredakteur der SZ.

Prinzipiell ist es gut, wenn einen Leute vertreten, die irgendwie hässlicher, schlechter oder langweiliger sind als man selbst. Oder? Gedanken zu Ralf Stegner.

Wer diese Kolumne regelmäßig liest, weiß auch, dass an diesem Platz normalerweise Nico Fried schreibt. Der ist nun im Urlaub. Man soll Menschen im Urlaub in Ruhe lassen. Weil ich weder witzig schreiben kann, noch viel von Politik verstehe, vertrete ich ihn ein paar Wochen lang. Prinzipiell ist es gut, wenn einen Leute vertreten, die irgendwie hässlicher, schlechter oder langweiliger sind als man selbst. Sonst könnte ja der Wunsch entstehen, dass aus dem Vertreter der Nachfolger wird - und zwar bald.

Damit wäre man auch schon bei Ralf Stegner, der einer der Vertreter von Sigmar Gabriel ist. Nun sind stellvertretende Parteivorsitzende grundsätzlich Proporztiere. Bei der SPD heißt das, dass immer ein Linker Vize sein muss; eine Stellvertreterin muss aus NRW kommen; eine andere sollte der Arbeiterbewegung, also nicht unbedingt der SPD, nahestehen, und dann hat man noch ganz gern was Intellektuelles im Parteivorsitz. Stegner ist der Linke. Mit den anderen Eigenschaften hat er es nicht so.

Aber Stegner gehört zu den Leuten, mit denen jeder halbwegs erfahrene Volontär in einem Hauptstadtbüro eine Koalitionskrise lostreten kann. Man sagt zum Beispiel zu Stegner, dass der Dings von der CSU irgendwas will, zum Beispiel verstärkte Grenzkontrollen. Dann sagt der Stegner, die CSU will Deutschland abschotten und ist auch sonst hintermondisch. Anschließend ruft man einen CSU-Dings an, wenn es sein muss, den Scheuer, und der sagt dann, dass die SPD die Wirklichkeit ausblendet. Will man gewissenhaft sein, fragt man dann noch einen CDU-Dings, vielleicht den Bosbach oder den Generalsekretärsdarsteller, ob Grenzkontrollen, anders als das "die" SPD meint, nicht vielleicht doch . . . Schon kann man die Zeile machen: Koalition streitet über Grenzkontrollen.

Allerdings braucht die SPD ihren Stegner. Schließlich ist sie eine Partei, in der zwar die Mehrheit der Mitglieder für die große Koalition gestimmt hat, die Mehrheit der Funktionäre aber eher dagegen war. Was heißt: war? Sie ist es noch. Also muss es mindestens einen geben, der öffentlich viel labert und dabei die oppositionelle Rolle der SPD so hoch hält, als entspräche sie der Wirklichkeit, dabei aber gleichzeitig die Wirklichkeit so interpretiert, als sei sie nicht das Sein, sondern das Bewusstsein. In der SPD bestimmt bekanntlich das Bewusstsein das Sein. Dafür ist Ralf Stegner das beste Beispiel.

Bei Sigmar Gabriel ist das anders, schon phänotypisch. Gabriels Sein ist die große Koalition. Sein Bewusstsein wird manchmal dadurch bestimmt, dass er sich darüber ärgert, was der Stegner gerade wieder für einen Scheiß verzapft. Aber weil Gabriel schon lange in der SPD und außerdem das letzte Überbleibsel einer Troika ist, die nicht mal Varoufakis eine Institution genannt hätte, weiß Gabriel, was er an Stegner hat.

Als Mensch kann Gabriel Stegner nicht so sehr leiden, als Idee aber schon. Die Idee Stegner läuft nicht nur auf die eingebaute Opposition in der Regierung hinaus. Nein, viel besser für Gabriel: Die meisten, die Stegner häufiger zuhören, finden, dass es der Gabriel als Parteichef so schlecht gar nicht macht.