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Spreebogen:Naturelemente am Politikerkörper

Kurt Kister

Kurt Kister ist Chefredakteur der SZ.

Der politische Sommer heißt Sommerpause. Das ist interessant, weil der Bedeutungsschwerpunkt auf "Pause" liegt. Die Pause findet zu einer Zeit statt, in der andere Leute Sommergefühle haben.

Der Sommer ist eine sonderbare Zeit. Natürlich ist hier nicht der Sommer als solcher gemeint, also jener Sommer, in dem man baden geht, in dem die Sonne scheint, der von irgendwann Juni bis irgendwann September dauert, und in dem man, wäre man nicht grundsätzlich melancholisch, auch mal fröhlich sein könnte. Nein, hier soll vom politischen Sommer die Rede sein - jenen drei oder vier Wochen, die den normalen Trott in Berlin unterbrechen.

Der politische Sommer heißt Sommerpause. Das ist interessant, weil bei diesem Begriff der Bedeutungsschwerpunkt auf "Pause" liegt: In der Pause stellt man das, was man normalerweise tut, vorübergehend ein. Der Wortteil "Sommer" wiederum ist lediglich eine Art chronologische Verortung: Die Pause findet zu einer Zeit statt, in der andere Leute Sommergefühle haben. Politisch gesehen ist also der Sommer nix Positives, sondern nur ein unter Sonneneinwirkung vorübergehendes Einfrieren wichtiger Tätigkeiten. Menschlich gesehen hat der politische Sommer manche Vorteile, zum Beispiel den, dass auch die Griechenland-Ukraine-Merkel-Talkshows vorübergehend eingefroren werden.

Sommerpause ist also, wenn Nico Fried diese Kolumne nicht schreibt, wenn Frau Merkels Stuhl unter dem Gewicht ihrer Verantwortung in Bayreuth nachgibt, wenn im Radio Interviews mit Politikern geführt werden, die sonst nicht einmal der Deutschlandfunk interviewt (der DLF interviewt sehr unerschrocken auch außerhalb der Sommerpause manchmal sehr seltsame Politiker.)

Früher, als ich noch Journalist und nicht Chefredakteur war, habe ich mir vorgestellt, ich könnte mir auf einem Speicherchip eine Sammlung von Politiker-TV-Interviews vor eigenartigen Hintergründen anlegen. Im Sommer nämlich kriegen die Fernsehleute ihre Gesprächspartner oft nicht in Berlin, sondern an deren Heimat- oder Urlaubsort. Ich meine damit nicht die ritualisierten Sommerinterviews, die ja mutwillig in dieser Polohemd-Atmosphäre geführt werden, sondern die Tagesschau- und Heute-Dinger, in denen eine oder einer eine halbe Minute Zeug labert. Und dabei stehen sie oft in einer Fußgängerzone, vor einem Bergpanorama, in einer Vorstadtstraße oder, wie neulich der Bosbach, vor einer Vespa.

Manchmal sagt der Hintergrund über einen Menschen ohnehin mehr aus als der Vordergrund. 37 Sekunden Hofreiter zu Flüchtlingen oder 28 Sekunden Laschet zur Einwanderung sind as vordergründig as it gets. Steht der Hofreiter dabei aber vor einer Hecke, die sich optisch der Hofreiterschen Kopfbehaarung annähert, animiert das den Betrachter zu Gedanken über die Integration von Naturelementen am Politikerkörper (ähnlich wäre das mit Markus Söder vor einem Holzstoß oder Thorsten Schäfer-Gümbel - ich bin in diesen Namen immer noch leicht verliebt - vor einer Drehtür).

Wäre ich nicht der, der ich bin, würde ich für youtube eine Kompilation solcher Vordergründe-Hintergründe anfertigen und sie mit eigenen Gedanken sowie Lyrik aus Leserbriefen vertonen. Aber ich bin ja nur ein stellvertretender Kolumnenschreiber.