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Spreebogen:Luftige Gedanken

In Afghanistan fliegen die Hubschrauber absichtlich Kurven, um nicht ins Visier der Taliban zu geraten. Und in Garmisch, beim G-7-Gipfel? Da gab es keine islamistischen Terroristen, dafür lauerten jedoch ganz andere Gefahren.

Neulich waren einige Kollegen und ich in Garmisch-Partenkirchen, um über den G-7-Gipfel und den Besuch von Barack Obama in Krün zu berichten. Nach Garmisch zu fahren, um über Krün zu berichten, ist in etwa so, als fahre man nach Rom, um in der Adria zu baden. Aber in Garmisch war nun mal das Pressezentrum untergebracht. Nur von hier aus fuhren die Busse zu den Orten des Geschehens. Und wenn sie nicht fuhren, weil Demonstranten eine Straße blockiert hatten, dann flogen Hubschrauber.

Zum Besuch von Barack Obama in Krün flogen wir mit einem Hubschrauber der Bundeswehr. Man muss vorher ein Formular unterschreiben, dass man die Bundeswehr von jeglicher Haftung für Schäden befreit, es sei denn, der Schaden entsteht durch grob fahrlässiges Verhalten der Bundeswehr. Als ich das unterschrieb, dachte ich die Befehlskette nach oben und kam bei der Verteidigungsministerin an. Mein Leben lag nun faktisch in den Händen von Ursula von der Leyen. Das war schon ein komisches Gefühl.

Der Hubschrauber stand auf einer Wiese. Die Rotoren liefen bereits, und wir näherten uns von schräg hinten. Der Winkel zwischen Gehweg und Hubschrauber soll nicht mehr als 45 Grad betragen, hatte uns ein Soldat erläutert und empfohlen, die um unsere Hälse hängenden Akkreditierungskarten unter das Hemd zu stopfen, damit sie nicht vom Wind erfasst werden. Das klang, als könnten wir glatt mitgerissen werden, jedenfalls die Leichtgewichte unter uns, also ich zum Beispiel.

Die Hubschrauber der Bundeswehr sind in den Tagen des G-7-Gipfels sehr viel geflogen und wahrscheinlich auch sehr heiß geworden. Ich musste an das Sturmgewehr G36 denken, das angeblich nicht gerade schießt, wenn es zu heiß wird. Wenn ein Hubschrauber zwischen Garmisch und Krün nicht mehr gerade fliegt, kann das wegen der Berge rechts und links unangenehme Folgen haben. Hinterher stellt sich dann heraus, dass ein entsprechender Aktenvermerk schon auf dem Tisch von Ursula von der Leyen lag. Oder von Thomas de Maizière. Und dass sich keiner darum gekümmert hat.

Der Hubschrauber war ein CH-53. In so einem Modell bin ich zuletzt in Afghanistan geflogen, von Masar-i-Scharif nach Kundus. Man fliegt da etwa eine Stunde, und neben mir saß die Kanzlerin. Das ist genau das, was man sich wünscht als Journalist: eine Stunde neben der Bundeskanzlerin, und sie kann nicht weglaufen. Was man sie da alles fragen könnte! Leider ist der CH-53 dermaßen laut, dass man sich nicht unterhalten kann. So entstand zwischen der Bundeskanzlerin und mir eine gewisse Sprachlosigkeit.

In Afghanistan fliegen die Hubschrauber übrigens absichtlich Kurven, damit sie von den Taliban nicht ins Visier genommen werden können. Von Garmisch nach Krün flog der CH-53 dagegen schnurgerade. Kein Talib. Der einzige Schaden, den ich an diesem Tag erlitt, war ein heftiger Sonnenbrand an beiden Armen, weil wir in Krün drei Stunden auf Obama warten mussten, ich nur ein T-Shirt trug und die Bundeswehr mich nicht eingeschmiert hatte. Das war unbestreitbar grob fahrlässiges Verhalten. Aber Frau von der Leyen wird wieder behaupten, sie habe davon nichts gewusst.