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Spreebogen:Im Sturm mit Claudia

Wer sie trifft, wird gern von ihr in den Arm genommen: Claudia Roth ist eine Frau, die den Berichterstatter für sich einzunehmen versteht. Aber wo, bitte, bleibt da eigentlich die professionelle Distanz? Gerade beim 60. Geburtstag!

Neulich war ich auf dem Fest zum 60. Geburtstag von Claudia Roth eingeladen. Roger Willemsen hielt eine warmherzige Laudatio, Verwandte, Freunde und Weggefährten von Claudia Roth traten auf und auch jede Menge Künstler, unter ihnen der Kabarettist Josef Brustmann aus Wolfratshausen, nach dessen Auftritt ich allerdings körperlich erschöpft war. Vom Lachen. Weil er oberbayerisch sprach, zahlte es sich ganz nebenbei mal wieder aus, dass ich bei einer Münchner Zeitung arbeite, sonst hätte ich ihn ja nicht verstanden.

Claudia Roth kenne ich, seit sie 2001 erstmals Vorsitzende der Grünen wurde. Von Anfang an hat sie mich häufig umarmt, wenn wir uns getroffen haben, was mir schon ein wenig unangenehm war, vor allem vor Kollegen. Möglicherweise verbindet Roth und mich eine Grundsympathie, weil wir beide in Ulm geboren sind. In Berlin haben wir uns bisweilen in einem schwäbischen Imbiss unter der S-Bahn auf eine Portion Zwiebelrostbraten mit Spätzle oder Maultaschen mit Kartoffelsalat getroffen.

Als Claudia Roth 2001 einige Monate im Amt war, schrieb ich eine Seite Drei über sie, die fast nicht zustande gekommen wäre, weil ich an dieser Frau verzweifelt bin. Journalistisch. Sie war einfach die ganze Zeit so nett und fröhlich, unterbrach sogar ihren Urlaub an der Nordsee für ein Gespräch, und als Wind aufkam, während wir am Strand spazieren gingen, hakte sie sich einfach bei mir unter. Wie soll man über so jemanden eine kritische Geschichte schreiben?

Im Laufe der Jahre ist es mir dann doch gelungen, die sogenannte professionelle Distanz zu wahren und auch mal kritisch zu schreiben. Hie und da war Frau Roth wohl auch sauer über einen Artikel, was freilich am Ende nur eine weitere positive Eigenschaft offenbarte: Sie ist nicht nachtragend. Jedenfalls nicht wegen so was. Sie hat mich auch weiterhin manchmal umarmt, wenn wir uns trafen. Und weil ich inzwischen gelernt hatte, dass mir dabei wahrlich keine exklusive Vorzugsbehandlung zuteil wurde, war ich auch nicht mehr so verkrampft.

Eines Tages begegneten wir uns zufällig auf dem Kölner Flughafen und gingen zusammen durch die Sicherheitskontrolle. An einem etwas entfernten Durchgang arbeitete ein Mann mit sogenanntem Migrationshintergrund. Woher er kam, habe ich vergessen. Niemals vergessen werde ich aber sein Gesicht, als er Roth erkannte: Der Mann strahlte, winkte und rief quer durch die Abfertigungshalle, sie sei super und möge bitte weitermachen wie bisher. Ich halte es für möglich, dass der Mann sogar seine professionelle Distanz aufgegeben hätte, wenn er Claudia Roths Gepäck hätte durchsuchen müssen und dabei eine Waffe entdeckt hätte. Diese Begebenheit hat mir imponiert.

Auf Roths Geburtstagsfeier fiel mir übrigens auf, dass mehr Leute von CDU und CSU da waren als von der SPD. Das fand ich bemerkenswert. Vielleicht sind manche Sozialdemokraten noch beleidigt, weil Roth 2013 auf dem Wahlparteitag der SPD in Augsburg die einzige gute Rede hielt. Ich bin jedenfalls gerne zu ihrem Fest gegangen. Und zum allerersten Mal in 15 Jahren habe ich sie umarmt.

Hat gar nicht wehgetan.