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Sport und Verschleiß:"Selbst Joggen ist gefährlich"

sueddeutsche.de: Und was sollte man bleibenlassen?

Ulf Lütjohann ist Spezialist für Arthrose am Katholischen Marienkrankenhaus in Hamburg.

(Foto: Foto: Lütjohann)

Lütjohann: Joggen, wenn die Muskulatur noch nicht gut entwickelt ist. Sämtliche Sportarten, bei denen man mit einem Gegner zu tun hat oder springen muss, sind riskant - also Fuß-, Hand-, Basket- oder Volleyball und sämtliche Kampfsportarten. Die Belastungen für die Knie sind für sportliche Menschen vielleicht tolerabel. Aber man hat keine Kontrolle über die Krafteinwirkung auf das Gelenk, die der Gegner ausübt. Auch Tennis in der Halle auf stumpfen Boden ist nicht gut. Das sollte man besser auf Schotter- oder Ascheplätzen spielen. Und Squash ist aufgrund der abrupten Stopps und der Drehbewegungen ganz furchtbar.

sueddeutsche.de: Aber Joggen gilt doch als gesund?

Lütjohann: Wer es bislang noch nicht gemacht hat, sollte lieber mit Walking anfangen und sich dann steigern. Und vor dem Laufen immer Warmmachen. Beim Laufen wirkt das Sechs- bis Achtfache des Körpergewichts auf das Kniegelenk. Und wenn man auch noch auf unebenem Boden läuft, ist das für das Knie eine bemerkenswerte Belastung.

sueddeutsche.de: Hilft Gymnastik?

Lütjohann: Ja, zum vorbeugenden Muskelaufbautraining. Auch Krafttraining im Fitness-Center ist gut, wenn man vernünftig vorgeht und nicht zu große Gewichte auflegt. Auch "Taping", also der Einsatz von Klebebinden beim Sport werden als wirkungsvoll beschrieben.

sueddeutsche.de: Was macht man, wenn die Schmerzen zu stark werden?

Lütjohann: Die Ärzte, vor allem Orthopäden, geben Medikamente gegen die Schmerzen und entzündungshemmende Mittel. Manche spritzen Hyaluronsäure ins Knie, eine Art Schmierstoff. Damit soll die Belastungsfähigkeit verbessert werden. Außerdem werden heute sehr viele Kniespiegelungen, sogenannte Arthroskopien, vorgenommen, um ins Knie hineinzublicken und auch um defekte Knorpel zum Beispiel abzuschleifen. Allerdings wird zu häufig und zu früh auf diese Weise eingegriffen.

sueddeutsche.de: Es wird tatsächlich zu oft operiert?

Lütjohann: Ja. Die Behandlung führt zwar nur selten zu Komplikationen. Aber man sollte nicht operieren, wenn man nicht genau weiß, was vorliegt und was der Eingriff dem Patienten wirklich bringt. Die Patienten müssen sich da dem Aktionismus mancher Ärzte entziehen.

sueddeutsche.de: Aber als Patient weiß man ja meist nicht, wann ein Eingriff sinnvoll ist und wann nicht.

Lütjohann: Auf jeden Fall muss man auf eine präzise Diagnose bestehen, und da reicht normalerweise ein kurzes Gespräch mit dem Orthopäden nicht. Wenn der Arzt ins Knie blicken will, sollte er versuchen, die Diagnose zuerst mit Hilfe der Magnetresonanztomographie zu stellen. Niedergelassene Ärzte haben natürlich das Problem, dass die Verordnungen zum Beispiel von Krankengymnastik frühzeitig erschöpft und viele Patienten ungeduldig sind. Dann fällt häufig der Entschluss zu früh, sich operieren zu lassen. Da ließe sich oft noch etwas durch Gewichtsreduktion, Aquajogging und andere Maßnahmen tun, für die allerdings die Eigeninitiative der Patienten erforderlich ist.

sueddeutsche.de: Was lässt sich tun, wenn der Knorpel tatsächlich kaputt ist und die Schmerzen zu stark werden?

Lütjohann: Auf dem Kongress der Arbeitsgemeinschaft für Arthroskopie in Interlaken waren sich die Fachleute einig, dass für viele Patienten im Alter von 40 bis 50 Jahren die Knorpelersatztherapie das geeignete Verfahren ist. Mit dieser Methode lässt sich der Einsatz von Endoprothesen, also Metallschienen und -kronen auf den Knochen, hinausschieben.

sueddeutsche.de: Was spricht gegen eine frühe Verwendung der Prothesen?

Lütjohann: Solche künstlichen Kniegelenke haben eine eingeschränkte Haltbarkeit von 15 bis 20 Jahren. Deshalb sollten sie so spät wie möglich eingesetzt werden. Und bei der Knorpelersatztherapie gibt es vielversprechende Entwicklungen.

sueddeutsche.de: Welche?

Lütjohann: Inzwischen ist es ein Standardverfahren, im Bereich der Knorpelschäden dem Knochen mit Sonden winzige Verletzungen bis ins Knochenmark zuzufügen, aus denen adulte Stammzellen austreten. Aus diesen entsteht neues Knorpelgewebe. Diese Mikrofraktorierungstechnik ist billiger, als wie bisher Knorpel außerhalb des Körpers zu züchten und ins Knie zu übertragen. Allerdings lässt sie sich nicht an allen Stellen des Gelenks anwenden.

sueddeutsche.de: Am Ende der Leidensgeschichte steht dann die Prothese.

Lütjohann: Ja. Aber da gibt es unterschiedliche Formen. Die einfachsten Versionen sind Schlitten oder Kufen aus Metall, die in das Gelenk eingearbeitet werden. Die nächste Stufe ist der Oberflächenersatz, eine Art Krone. Und schließlich gibt es die gekoppelte Endoprothese, bei der ein Ober- und Unterteil mit Stilen in den Knochen verankert wird.

sueddeutsche.de: Wir haben jetzt über das Knie gesprochen. Viele Menschen leiden auch unter dem Verschleiß anderer Gelenke.

Lütjohann: Vor allem im Sprunggelenk und in der Hüfte. Auf dem Gebiet der Gelenkspiegelung der Hüfte, die bislang schwierig war, wurde die Technik in letzter Zeit erheblich verbessert. Ansonsten gilt bei diesen Gelenken im Prinzip alles, was wir über das Knie gesagt haben.

© sueddeutsche.de/mmk

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