Lucie Catelani Mcateer, Surflehrerin

"Erwachsene sind ja viel schlimmere Besserwisser als Kinder"

"Dass immer mehr Menschen jenseits der 30 mit dem Surfen anfangen, ist nicht ganz neu. Das ging vor etwa 15 Jahren los, als überall Surfschulen aufmachten. Surfen war davor ein Sport, den man nur durch Abgucken und Ausprobieren gelernt hat. Das macht man eben als Kind oder Teenager. Heute bieten die Schulen zum Surfen auch noch Yoga an, die Leute nehmen sich eine Auszeit vom Büro, möglichst gegensätzlich zu ihrem Alltag. Und es gibt durchaus begabte Erwachsene. Ich kenne eine Frau aus der Schweiz, also eigentlich gar keine Meerfrau, eher eine Bergfrau, die war über 50, als sie angefangen hat, und ein paar Jahre später hat sie mannshohe Wellen gesurft, bei denen die meisten Kids an den Strand geflohen sind. Älteren geht es auch nicht mehr darum, cool zu sein. Das tut gerade dieser Sportart gut. Außerdem haben Erwachsene viel mehr Respekt, vor den Wellen, den Strömungen, den Felsen - und damit auch vor mir als Lehrerin. Dadurch lernen sie nicht unbedingt schneller, aber es ist gut für mich, dann muss ich nicht alles 500-mal sagen. Nur die Männer haben manchmal zu viel Ehrgeiz und dann Frust. Die wollen gleich am ersten Tag die größten Wellen draußen erwischen, kämpfen sich dann mit letzter Kraft irgendwie viel zu weit raus, wo sie mich nicht mehr hören. Und erwischen dann natürlich keine einzige Welle, während die Kids bei mir im flachen Weißwasser schon 20-mal auf dem Brett gestanden sind. Aber das sehen die dann auch schnell, dass das nichts bringt, und die meisten schaffen es, damit umzugehen. Lustig ist es, erwachsene Paare zu unterrichten. Aus irgendeinem Grund läuft es bei Partnern nie am gleichen Tag gut, und meist erklärt der, bei dem es gut läuft, dann dem anderen, was er alles falsch macht. Erwachsene sind ja viel schlimmere Besserwisser als Kinder. Ein amüsantes Abendessenspiel unter Surflehrern ist: aus den Gesichtern der Paare die Erfolgsverteilung des Tages abzulesen. Aber irgendwann geht es bei jedem voran. Wenn Mitte-40-Jährige das erste Mal so richtig stoned aus dem Wasser steigen, weil sie ihre ersten Wellen erwischt haben, ist das großartig. Das sieht man ja nicht so oft: dass erwachsene Menschen in dicken Gummianzügen vor Glück rumschreien und völlig unkontrolliert im Wasser he- rumspringen. Das mag ich wirklich gern, diesen Anblick."

Bild: Marion Blomeyer 3. November 2018, 06:102018-11-03 06:10:28 © Süddeutsche Zeitung Familie/bavo/eca/pvn