bedeckt München 30°

Kinderspiel des Jahres:Der zum Igel mutierte Tennisball

´Kinderspiel des Jahres 2020" - Nominierung 'Speedy Roll'

In "Speedy Roll", dem "Kinderspiel des Jahres 2020", ist der Würfel kein Würfel, sondern ein Tennisball mit Kulleraugen.

(Foto: Georg Wendt/dpa)

Für ein gutes Kinderspiel braucht es weniger elektronische Gimmicks als Fantasie, wie das nun ausgezeichnete "Speedy Roll" aus Litauen beweist.

Da muss Herr Löhlein jetzt erst mal in den Keller gehen. Bei 400 Spielen, die man ihm jährlich zwecks Bewertung schickt, verliert man schnell mal den Überblick. Da hilft der Blick in die Regale. Ah, da gibt es zum Beispiel dieses Spiel mit der Hühnerkacke, in die man nicht reintreten darf. Sehr originell. Oder das, bei dem die Spielfiguren 60 Dinosaurier sind. Oder "Flügelschlag", da verwaltet der Spieler Vogeleier. Bei "Spinderella" ist man eine Spinne und bei "Kakerlakak" ein batteriebetriebenes Ungeziefer.

Würfel und kleine farbige Holzkegel bei Brettspielen - das war einmal. Heute wird geknetet ("Barbarossa") oder geschoben ("Das verrückte Labyrinth"). Der Würfel ist eine sprechende Geistertruhe ("Wer war's?") oder eine App ("Ubongo"). Bei "Speedy Roll" aber, dem soeben gekürten "Kinderspiel des Jahres", ist der Hauptakteur ein Tennisball, der als Igel auf der Flucht durch den Wald rollt, während allerlei an ihm haften bleibt. Die neue Einfachheit?

"Seit in den 1970er Jahren die große Zeit der Spielautoren begann, wurden auch Spielsteine immer ausgefeilter", erklärt Bernhard Löhlein vom Verein "Spiel des Jahres", der einen Mensch-ärgere-Dich-nicht-Pöppel zum Markenzeichen hat. "Je verrückter die Szenerien, desto verrückter die Spielfiguren." Früher reichten Steine, Holzwürfel, Knochen, Muscheln, Murmeln, Bohnen oder Kronkorken zum Zeitvertreib. Notfalls, so wie in Stefan Zweigs "Schachnovelle", wurden Figuren aus Brotteig geformt.

Einfach nur Kegel? Viel zu langweilig!

Aber dann kamen die "Meeples", wie die stilisierten Figuren bei "Carcassone" genannt werden (Meeple steht für "my people"), es kamen die Plastiktorten bei "Trivial Pursuit" und die Autos beim "Spiel des Lebens".

Jetzt hat der litauische Spieleerfinder Urtis Šulinskas den Tennisball entdeckt. Warum nicht? Mit drei davon im Trockner kriegt man auch eine völlig verklumpte Daunenjacke wieder hin. Schon im Spiel "Funkelschatz" (Deutschland) waren einst Gardinenringe die Grundidee, in "Kitchen Rush" (Griechenland) Sanduhren und in "Ringlding" (Israel) Haargummis.

Šulinskas arbeitet seit 20 Jahren als Spieleonkel auf litauischen Jugendfreizeiten. "Da hilft vor allem Fantasie." Seit sieben Jahren entwirft er Brettspiele. "Planet" war das international erfolgreichste, die Nominierung zum deutschen "Kinderspiel des Jahres" 2018 für "Emojito!" sein bislang größter Stolz. Mit "Speedy Roll" hat er es bis zur Auszeichnung geschafft. "Ich mochte es schon immer, mir ein fremdes Leben vorzustellen." Warum nicht als ein zum Igel mutierter Tennisball?

© SZ/nas

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite