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Spenden:Nur jeder fünfte Deutsche hilft

Auch die Hilfsbereitschaft ist der Krise zum Opfer gefallen: Im vergangenen Jahr spendeten weniger Deutsche als je zuvor.

Cornelius Pollmer

Die privaten Geldspenden in Deutschland sind im vergangenen Jahr um drei Prozent auf knapp 2,1 Milliarden Euro gesunken. Nach einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag des Deutschen Spendenrates ist auch die Zahl der Geber rückläufig: Die Spenderquote lag erstmals unter 20 Prozent. Dieser seit Jahren anhaltende Rückgang auf jetzt 19,9 Prozent sei dramatisch, sagte Roland Adler von der GfK am Donnerstag in Berlin. Die verbliebenen Geldspender gaben häufiger, im Schnitt 6,1 Mal pro Jahr. Die Höhe der durchschnittlichen Spende sank um 90 Cent auf 27 Euro.

Adler begründete den Rückgang indirekt mit der Wirtschaftskrise. Hilfsorganisationen haben im vergangenen Jahr aus Furcht vor geringer Spendenmotivation 17,5 Prozent weniger Aufrufe verschickt. Die Überlegung, mit vorhandenen Mitteln lieber laufende Projekte zu finanzieren als das Porto für Spendenaufrufe auszugeben, erwies sich als ebenso verantwortungs- wie verhängnisvoll. "Die Organisationen haben selbst ein Einnahmeminus provoziert", sagte Adler.

Adressierte Aufrufe seien der wichtigste Auslöser für Geldspenden. Dass die Hilfsbereitschaft der Deutschen durch die Krise nicht noch stärker gesunken ist, liegt an den Gebern. Auch 2009 kam mehr als die Hälfte der Spendensumme von Menschen über 60. Diese Gruppe sei weniger von der Krise betroffen. Aufgrund der demographischen Entwicklung wollen die Organisationen jedoch auch jüngere Menschen zum Spenden animieren.

Humanitäre Hilfe bleibt das wichtigste Anliegen der Geber, ihr fließen drei Viertel aller Finanzmittel zu. Besonders die Spenden für Kinder sind seit 2007 gestiegen: ein Plus von 4,5 Prozent. Für das laufende Jahr erwartet Adler einen Zuwachs des Spendenaufkommens. Nach dem Erdbeben in Haiti stiegen die privaten Geldspenden im Januar und Februar um 50 Prozent (155 Millionen Euro) im Vergleich zum Vorjahr. Wenn der Rest des Jahres "normal" verlaufe, werde die Bilanz des Helfens 2010 "ein deutliches Plus" verzeichnen.

Dabei hat das Erdbeben in Haiti deutlich weniger Spendenmittel mobilisiert als der Tsunami Ende des Jahres 2004. In den ersten vier Wochen nach der Katastrophe spendeten die Deutschen damals 80 Prozent mehr als nach dem Erdbeben in diesem Jahr. Als mögliche Ursachen für die größere Betroffenheit nannte Adler zwei Punkte: Das Tsunami-Gebiet sei touristisch wichtiger als Haiti. Zudem ereignete sich das Seebeben am zweiten Weihnachtstag. In dieser Zeit spenden die Deutschen im Schnitt dreimal mehr als im Rest des Jahres - auch dann, wenn keine Katastrophe passiert.

© SZ vom 09.04.2010/leja
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