Kolumne: Vor Gericht:Abtreibung oder Totschlag

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Eine Frauenärztin deutet auf den Fötus im Ultraschallbild. (Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Eine Frau erwartet Zwillinge, von denen einer schwerstbehindert ist, und entscheidet sich für eine Abtreibung in der 32. Schwangerschaftswoche. Deswegen müssen eine Ärztin und ein Arzt vor Gericht.

Von Verena Mayer

Wenn Ärzte auf der Anklagebank landen, geht es meistens um Fehler bei der Behandlung oder nicht angemessenes Verhalten Patienten gegenüber. Manchmal aber geht es um Leben und Tod und die ethischen Fragen, die die Möglichkeiten der modernen Medizin aufwerfen. Eine der kontroversesten Fragen wurde 2019 vor dem Berliner Landgericht gestellt. Darf man ein schwerbehindertes Kind in der 32. Schwangerschaftswoche abtreiben?

Angeklagt waren eine Oberärztin und ihr Chef. Die Ärztin, Ende 50, hatte den Ruf, Expertin für die ganz schweren Fälle zu sein. Ein solcher war die hochschwangere Patientin, die 2012 zu ihr kam. Die Zwillinge in ihrem Bauch hatten nur eine Plazenta, ihre Blutkreisläufe hingen zusammen, was für beide Kinder lebensbedrohlich war. Erst versuchte man in einer Klinik in Hamburg erfolglos, den Blutkreislauf der Babys, die einem Gutachten zufolge "auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden waren", zu trennen.

Dann erfuhr die Schwangere nicht nur, dass eines der Kinder keine Hirnmasse habe. Sondern auch, dass es schon im Mutterleib sterben und damit das gesunde Kind gefährden könnte. In Hamburg konnte man der Frau nicht weiterhelfen, und so kam sie zur Oberärztin nach Berlin. Die nahm auf Wunsch der Schwangeren eine Spätabtreibung des behinderten Fötus vor, mit einer Injektion Kaliumchlorid.

Spätabtreibungen sind in Deutschland nach der zwölften Schwangerschaftswoche in Ausnahmefällen straffrei. Etwa, wenn ein Fötus behindert ist und die Schwangerschaft die Mutter gefährden würde. Dass die Ärztin und ihr Chef nach einer anonymen Anzeige wegen Totschlags angeklagt waren, lag an der Art, wie das Kind starb. Die Ärztin hatte dem behinderten Zwilling die Injektion gesetzt, zehn Minuten nachdem sie den gesunden Zwilling per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht hatte. Es gab eine Geburt, ein Kind lebte, eines wurde getötet.

Die Ärztin und ihr Chef, die sich eifrig Notizen machten, als seien sie in einem Patientengespräch und nicht in einem Prozess, der sie ins Gefängnis bringen und die Approbation kosten könnte, gaben vor Gericht alles zu. Doch sie fühlten sich im Recht. Sie hätten einer Schwangeren in einer schicksalhaften Notsituation geholfen. In dem Prozess ging es daraufhin um Grundsätzliches. Was macht den Menschen zum Menschen? Wann beginnt das Leben, wer darf über Leben und Tod entscheiden?

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie komplexe philosophische Themen vor Gericht auf eindeutige Straftatbestände heruntergebrochen werden. So auch hier. Die Richter mehrerer Instanzen hielten fest, dass hier ein Totschlag stattgefunden habe. Der behinderte Zwilling sei nach der Geburt des gesunden getötet worden, ohne dass es dafür einen Grund gab, weder das gesunde Kind noch die Mutter war in diesem Moment in Gefahr. Und einen Menschen darf man nicht töten, so einfach und so klar ist das. Nur das Strafmaß wurde später herabgesetzt, beide wurden zu Bewährungsstrafen verurteilt. Denn auch das Motiv der beiden Ärzte war einfach und klar. Sie wollten helfen.

An dieser Stelle schreiben Verena Mayer und Ronen Steinke im wöchentlichen Wechsel über ihre Erlebnisse an deutschen Gerichten. (Foto: Bernd Schifferdecker (Illustration))
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