Sozialistischer Lifestyle Die moderne Ost-Frau

Als Melis 1962 die ,,modische Gestaltung'' der Sibylle übernahm, war sie 23 Jahre alt, hatte einen klaren Auftrag und keine Ahnung von den redaktionellen Aufgaben einer Moderedakteurin. ,,Schaffen Sie das moderne sozialistische Frauenbild'', hatte die damalige Chefredakteurin der Sibylle, Margot Pfannstiel, ihr nach dem Bewerbungsgespräch befohlen. Zuvor hatte Melis - etwas großkotzig, wie sie heute findet - die 1956 gegründete Zeitschrift Sibylle in ihrer Diplomarbeit an der Kunsthochschule Weißensee in der Luft zerrissen.

Bloß keine Hausfrauen-Pose

,,Die biedere Mode, die theatralischen Fotoposen, das propagierte Hausfrauen-Leitbild haben mich abgestoßen'', sagt sie, die Modegestaltung studiert hat. Sie trat an, etwas Neues zu machen, ihre eigenen Vorstellungen von der ostdeutschen Gesellschaft, Kultur und Schönheit zu formulieren. Natürlich habe es in der Sibylle-Redaktion auch einen ,,Giftschrank'' gegeben, in dem die aktuellen Modezeitschriften aus dem imperialistischen Ausland gebunkert wurden. Melis liebte die Elle, die Verherrlichung von Wohlstand und Luxus aber wirkte auf sie befremdlich. ,,In den westlichen Zeitungen gab es für unser Konzept und unsere Life-Fotografie keine Vorbilder.''

Zusammen mit ihrem Team, das sie sich aus Dozenten und Kommilitonen der Kunsthochschule zusammenstellte, entwickelte sie die Sibylle zu einem vielbeachteten Kulturjournal. ,,Wir haben Mode nie losgelöst von redaktionellen Themen betrachtet.'' Wegen der ökonomischen Mängel wurde viel improvisiert. Als Moderedakteurin brachte Melis nicht nur Ideen für das Heft ein, sie organisierte, assistierte, entwarf, zeichnete, bügelte, kämmte, schleppte Kollektionen, wählte Fotos aus und schrieb Texte. Gerade diese enge Verzahnung machte mitunter das Besondere der Sibylle aus, in der auf einen literarischen Streifzug zu den Wirkungsorten des russischen Revolutionärs Lenin eine Modereportage über ,,seine Enkel'', die Jugend in Moskau und ihren Bekleidungsstil, folgte.

Auch im Westen viel Ramsch

Was aber sollte und konnte Mode im Sozialismus sein? Einem System, in dem Gleichheit verordnet, Unauffälligkeit erwünscht war und materielle Beschränkung den Alltag prägte? Die Frage trifft einen empfindlichen Punkt bei Melis, die sonst so Gelassene wird fast ärgerlich. ,,Die Leute wissen nicht, was sich hinter der Mauer abgespielt hat, wie viele Ideen und Talente wir hatten.'' Auch deshalb hat sie 1998 ein sehr schönes, mit vielen Fotos illustriertes Buch herausgegeben, ,,Sibylle, Modefotografie aus drei Jahrzehnten DDR'' (Schwarzkopf & Schwarzkopf) heißt es. Sie wollte zeigen, was modisch geleistet wurde, auch vor dem Hintergrund, dass mit 1989 jede DDR-Errungenschaft für nichtig erklärt wurde.

Dabei war sie es, die nach der Wende schockiert über die Mode aus dem Westen war. ,,Damals lebte ich noch ganz in der Nähe der Friedrichstraße. Ich musste mitansehen, wie die Frauen zu den Wühltischen strömten und geschmackloses Zeug kauften. Sogar 60-Jährige liefen in billigen Glitzer-Leggins herum'', sagt sie. ,,Da habe ich gedacht, wo ist nur euer Anstand geblieben.'' Sie, die hauptsächlich die französische Marie-Claire, die italienische Vogue und die Elle kannte, lernte ihre erste Lektion: auch im Westen viel Ramsch, nicht nur Qualität.