Soziale Epidemien:Das große Zittern

Können Pokémons epileptische Anfälle auslösen? Löst sich in Cola ein Eisennagel auf? Das sind Sorgen, die uns umtreiben. Und sie verraten viel über die Zeit, in der wir leben.

Werner Bartens

Die Art und Weise, wie Beschwerden erklärt und welche Gründe als Krankheitsursachen angegeben werden, verrät etwas darüber, was die Menschen in ihrer Zeit beschäftigt, wovor sie Angst haben und wovon sie sich überfordert fühlen. Das Reden über Krankheit, das Ringen um die richtige Lebensführung und die beste Behandlung geben Auskunft über den Glauben an heilsame Wirkungen, schädliche Einflüsse, zeugen aber auch vom schlechten Gewissen bei "kleinen Sünden".

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Können Pokémons epileptische Anfälle auslösen? Löst sich in Cola ein Eisennagel auf? Das sind Sorgen, die uns umtreiben.

(Foto: Foto: dpa)

Die unberechenbare und wissenschaftlich bisher kaum erforschte Aschewolke aus dem isländischen Vulkan ist das aktuellste Beispiel. Schon melden sich Allergie- und Feinstaubexperten zu Wort und warnen vor Gefahren aus dem Feuerberg. Besorgte Mitbürger verständigen sich in Internetforen darüber, welche Symptome und Gebrechen der Vulkan in Island bei ihnen auszulösen vermag.

In Tennessee trug sich 1998 ein erstaunlicher Fall sozialer Ansteckung zu: Eine Lehrerin hatte in ihrer Schule einen beißenden "benzinähnlichen" Gasgeruch wahrgenommen und daraufhin vor der Klasse über Kopfschmerz und Übelkeit geklagt. Mehr als hundert Schüler und Lehrer berichteten kurz darauf von denselben Symptomen, obwohl sich die Ursache des Geruchs in späteren Analysen als harmlos herausstellte und kein Gas ausgeströmt war. Alle anderen Opfer hatten sich offenbar an den negativen Gedanken angesteckt.

Die Schule wurde dennoch evakuiert, die Behörden wollten sich kein Versäumnis vorwerfen lassen. 38 Personen blieben wegen ihrer Beschwerden sogar über Nacht im Krankenhaus. Als die Schule fünf Tage später wieder geöffnet wurde, suchten weitere 71 Schüler und Lehrer die Notaufnahme auf. Doch auch nach intensiven Untersuchungen wurde kein Giftstoff oder eine andere Ursache für die Beschwerden gefunden.

Forscher, die den Fall später untersuchten, entdeckten, dass fast nur Mädchen und Frauen betroffen waren, und dass die Symptome besonders ausgeprägt waren, wenn die beste Freundin über Beschwerden geklagt hatte oder ins Krankenhaus gekommen war. Die Forscher konnten sich die Symptome nicht anders erklären und sprachen deshalb von einer Massenpsychose.

In Japan waren 1997 mehr als 12.000 Kinder und Eltern von einer Massenhysterie betroffen. Auslöser war eine Zeichentrickserie mit den Pokémons. Die Filme mit den nervigen Taschenmonstern standen nach Zeitungsberichten im Verdacht, epileptische Anfälle auszulösen. Tausende Eltern suchten mit ihren Kleinen daraufhin den Arzt auf.

Dass schnelle Lichtreize bei entsprechender Veranlagung zu Anfällen führen können, ist Ärzten bekannt. Die Vorbehalte gegenüber der neuartigen Serie und die Angst vor neuem Leid bei ihren Zöglingen schürten das Bedrohungsgefühl weiter. Spätere Auswertungen ergaben, dass bei Kindern, die von ihren Eltern nach Pokémon-Konsum zum Arzt gebracht wurden, weniger epileptische Neigungen auftraten als im Durchschnitt der Bevölkerung.

Plötzlich schmeckte die Cola anders

Eine weitere soziale Epidemie ereignete sich 1999 in Belgien, als der Geschmack von Cola eines Tages etwas anders war als sonst. Dort klagten plötzlich Dutzende Jugendliche über Übelkeit und Erbrechen. Sie alle führten dies auf den Genuss von Coca-Cola zurück. Die Firma nahm einen Großteil der in Belgien verkauften Chargen zurück, die Verluste gingen in die Millionen.

Wochen später stellte sich heraus, dass sich die Cola in nichts von der ansonsten verkauften Brause unterschied. Die Dosen waren lediglich von außen mit einem anderen - ebenfalls völlig harmlosen - Stoff imprägniert worden. Doch in Belgien hatten kurz zuvor Skandale über Tierfuttervergiftungen mit Dioxin Aufsehen erregt. Zudem war der Glaube an das Übel aus der Dose stärker als jede Vernunft. Die Volksmärchen vom Stück Fleisch, ja selbst von Nägeln, die sich über Nacht in Cola auflösen, trugen ebenfalls dazu bei, dass für ein paar Tage halb Belgien schlecht wurde.

Ängste vor unklaren Bedrohungen durch neue Techniken und Substanzen sind keineswegs nur ein Phänomen unserer Zeit. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand ein neues Leiden an der Fortbewegung. "Eisenbahnkrankheiten" wurden von 1860 an zu einer populären Diagnose. Dienstpersonal wie auch Reisende klagten über Zittern, Ermüdung und Erschöpfung. Nervöse Reizbarkeit und Verdauungsstörungen wurden ebenfalls nach häufigen Bahnreisen beobachtet.

Zahlreiche Fallberichte wurden in Fachblättern veröffentlicht - manche medizinischen Beschreibungen klangen so, als ob das Leiden Sterbenskranker beschrieben wurde. Ärzte und Reisende spekulierten darüber, wie das neuartige Transportmittel krank machen könne. Wer einen Zug bestieg, schien geradezu zu erwarten, dass es ihm minütlich schlechter ging.

© SZ vom 24.04.2010/vs
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