Sorgen der Mittelschicht Mehr Geld - um mehr auszugeben

Dabei gibt es genügend Menschen, die wirklich allen Grund zum Jammern hätten: Da ist die selbstständige Altenpflegerin, die abends und am Wochenende Nachtschichten übernimmt, damit es reicht für die Familie und das Studium des Sohns. Der pensionierte Busfahrer, der sich trotz Ruhestand etwas dazuverdienen muss. Oder die alleinerziehende Architektin, die trotz guter Ausbildung, harter Arbeit und hoher Verantwortung nichts auf die Seite legen kann. Und schließlich jene, die den Anschluss an die Mittelschicht verloren haben. Sie haben nichts zu horten, nichts zu sparen, nichts, um das sie fürchten könnten. Ihnen muss das Gejammer auf hohem Niveau wie der reinste Zynismus erscheinen.

"Evolutionspsychologisch ist Jammern zwar sinnvoll - weil es uns motiviert, weiterzukommen", erklärt Sauerland. Allerdings sollten wir dabei das richtige Maß nicht aus den Augen verlieren. "Was hat der ökonomische Erfolg mit der persönlichen Zufriedenheit zu tun? Nichts!" Das absolute Einkommen sei für den inneren Reichtum nicht relevant. Es sei an der Zeit, den Blick auch auf andere Werte zu richten: soziale Kompetenzen, Freundschaft, politische Freiheit.

Ungleichheit in Deutschland Wir müssen aufhören, die Reichen ärmer machen zu wollen Video
Summa Summarum

Wir müssen aufhören, die Reichen ärmer machen zu wollen

Die Ungleichheit zwischen Arm und Reich ist nicht das Problem. Statt sich um Erbschaftsteuer oder Spitzensteuersätze zu streiten, sollte die Politik lieber die Chancengleichheit in den Fokus nehmen.

Stattdessen fokussieren wir uns darauf, mehr Geld zu verdienen. Und wofür? Um mehr auszugeben, und das sehr oft für Überflüssiges - ungeachtet des finanziellen Backgrounds. Weil wir unersättlich sind, besessen von Konsum. "Manche kaufen dann die 19,90-Euro-Schnäppchen, dafür fünfmal." sagt Nicole Rupp. Da sei häufig kein Bewusstsein für Wertigkeit, das komme sie teuer zu stehen.

Doch wenn es nicht möglich ist, das Einkommen stetig zu erhöhen, wäre es dann nicht einen Versuch wert, einen Schritt zurück zu gehen und die Ansprüche zu reduzieren? Wenn wir damit aufhören, immer mehr zu wollen, sondern zur Abwechslung versuchen, weniger zu brauchen? Und Prioritäten zu setzen, statt wahllos zu kaufen?

Immerhin haben die meisten von uns diesen Bewegungsspielraum. Viele können wählen, wofür sie ihr Geld ausgeben. Allein durch die Entscheidung, auf etwas Unnötiges zu verzichten, können sie sich etwas Sinnvolles anschaffen. Oder haben auf einen Schlag mehrere Hundert Euro netto zusätzlich zur Verfügung - das schafft kaum eine Gehaltserhöhung. Diese Priorisierung wird häufig als Verzicht empfunden und als Zeichen für Mangel gewertet. Doch diese Entscheidungsfreiheit ist Luxus: Es gibt Menschen, die können nicht wählen, sondern sich weder das eine noch das andere leisten. Auch nicht, wenn sie lange Zeit dafür arbeiten würden.

Wir bringen uns um die Vorfreude

Wann haben wir eigentlich das letzte Mal auf etwas gespart, das uns wichtig war? "Wir sind es nicht mehr gewohnt, zu verzichten oder zu warten, bis wir das Geld zusammen haben", sagt Nicole Rupp. Wenn wir etwas wollen, kaufen wir es sofort. 2015 haben sich etwa 40 Prozent der Deutschen verschuldet - für ein Auto oder ein Motorrad, für Möbel oder technische Geräte. Damit bringen sich viele nicht nur in finanzielle Engpässe, sondern auch um die Vorfreude. Und weil das Glücksgefühl bei Impulskäufen so kurz ist, tun wir es wieder und wieder.

Die Industrie ködert uns permanent, mehr zu kaufen als wir brauchen und verdienen. Dabei haben die meisten von allem genug - mehr als genug. Die finanzielle Freiheit liege demnach in der Enthaltsamkeit, findet Rupp: "Wir müssen endlich kapieren, dass sich an der materiellen Unersättlichkeit ein innerer Mangel zeigt und uns abnabeln von der Macht des Geldes." Letztendlich komme es immer darauf an, was man aus seiner Situation mache. "Und das liegt in uns. Und nicht in der scheinbaren Ungerechtigkeit im Außen."

Im Grunde gehe es um die Frage: Ist mein Leben so, wie ich es haben will? Dann erkennt man schnell, dass man vieles nicht braucht. Und der Druck lässt nach. "Das verstehe ich unter einem reichen Leben", sagt Rupp. "Reicher wird es auch mit mehr Geld nicht."

Man kann es auch so formulieren: Wer Zufriedenheit allein am Geld festmacht, darf gerne jammern. Denn der hat wirklich ein Problem.

"Immer reicher, immer ärmer: Wie wächst Deutschland wieder zusammen?" Für diese Frage haben sich die SZ-Leser diesmal im Projekt Die Recherche entschieden. In einem Dossier, das Sie hier finden und als digitales Magazin hier und in Ihrer App zum Download, wollen wir sie konstruktiv beantworten - mit Beiträgen wie diesen: