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Neue Normalität:Wie schade, nie wieder Sommerloch!

Dieses Jahr fahren weniger Deutsche in den Urlaub: Das gewohnte Sommerloch verspricht aufrgender zu werden.

(Foto: imago)

Ungeheuer in Schottland, Känguruhs in Niedersachsen, Mallorca als 17. Bundesland: Früher gab es fleißige Menschen, die die Leere im Juli und August mit abwegigen Themen füllten. Doch seit es Donald Trump gibt, ist das alles vorbei.

Von Hilmar Klute

Es gehört zu den Binsen unserer Tage, dass wir uns von so einigen Dingen verabschieden müssen, jedenfalls teilweise. Das Wort Binse gehört übrigens auch dazu, heute nennt man Dinge, die eigentlich selbstverständlich sind, aber immer noch von vielen rauf und runter referiert werden: Erzählung. Die große Erzählung dieses Sommers ist dieselbe wie die des Frühjahrs, und wie es aussieht, werden selbst Herbst und Winter keine neuen Erzählungen schreiben, die sich nicht um das Coronavirus ranken.

Aber könnte nicht wenigstens der Sommer weiterhin das bereitstellen, was die Literaturwissenschaft in einer ihrer feinsten Theorien einmal die Leerstelle genannt hat? Ein Nichts also, das stellvertretend für ganz vieles steht? Das große Nichts des Sommers nannte man in den entspannten Zeiten der Weltgeschichte "Sommerloch", und es gab immer fleißige Saisonarbeiter, die das Sommerloch mit abwegigen Themen, vor allem aber mit Irrwitz und Chuzpe anfüllten. Die Themen aufzuzählen wäre eine allzu gefällige Art der Illustration und zudem eine unbotmäßige Platzverschwendung, denn alle Welt kennt jene, dem sparsamen Tagesgeschehen zum Trotz platzierten Bilder von Seeungeheuern in Schottland, von Känguru-Fluchten durch Niedersachsen und von mörderischen Welsen in westfälischen Stadtweihern.

In diesem Jahr wird es all diese Presse-Verlegenheiten vermutlich nicht geben. Sie waren eigentlich auch schon in den vergangenen Jahren nicht mehr so dringlich, eigentlich seit 2017, als unser erster Sommer mit Donald Trump anbrach. Die Dinge, die Trump sagt, sind fast alle als Sommerlochfüllungen geeignet. Es ist nur so, dass er sie das ganze Jahr über in die Welt speist, die im Augenblick derart angespannt ist wie seit - ja wann nicht mehr? Corona ist, sagt die Kanzlerin, die größte Herausforderung seit 1945, und dieses Jahr nimmt in der Geschichte der Herausforderungen zu Recht einen Premiumplatz ein.

Das Sommerloch war in der Vergangenheit der Platzhalter für kleine Ärgernisse, die oft von Hinterbänklern angezettelt worden sind und relativ rasch wieder heruntergedämpft werden konnten. Im Jahr 1993 goss ein CSU-Politiker mit dem nach ausgeklügeltem Pseudonym klingenden Namen Dionys Jobst einen der gewaltigsten Füllstoffe ins damalige Sommerloch, indem er vorschlug, die Insel Mallorca zum 17. deutschen Bundesland zu erklären.

Mallorca, abwechselnd regiert von Söder, Laschet und Spahn

Abgesehen davon, dass dies völker- und staatsrechtlich eine ähnlich aufwendige Angelegenheit geworden wäre wie die deutsche Wiedervereinigung, besäße der Vorschlag heute womöglich sogar den Reiz organisatorischer Vorteilhaftigkeit. Man könnte das Bundesland Mallorca abwechselnd von Markus Söder, Armin Laschet und Jens Spahn regieren lassen und in der jeweiligen politischen Fortune dieser Politiker eine Blaupause für die Kandidatenwahl sehen. Man kann es natürlich auch lassen, weil es in diesem Sommer ohnehin genug Wallungswerte geben wird, und da ist der R-Wert noch gar nicht eingerechnet.

Der Urlaub, die Sommerferien und die Reiselust sind ja in diesem Jahr jedes für sich dick mit Zweifel und Sorge marinierte Filetstückchen unseres Lebens geworden. Lange sah es so aus, als falle der Sommer aus, jedenfalls unsere gewohnte Interpretation des Sommers mit Ferienwohnung, Hotel und zweitägigen Flugreisen zum Strand.

Kurt Tucholsky veröffentlichte Ende August 1918 in der Weltbühne ein heiter-knurriges, schön gereimtes Gedicht mit dem Titel "Dreißig Grad". Das lyrische Ich, ein dicker Mann in blauer Badehose, der Leitartikel schreibt, sitzt am Meer und beobachtet eine korpulente Frau, bei deren Eintritt ins Meer dasselbe ansteigt, jedenfalls in der Wahrnehmung des sonnenbadenden Mannes, der sich oder den Leser fragt, ob der Name dieser Frau womöglich "Germania" sei. Damit ist natürlich der Wermutstropfen in die blaue See geträufelt. Deutschland lässt den Autor nicht los, zumal da gerade August ist, "da hatten wir die Krise." Welche Krise? Vermutlich der Einbruch der alliierten Streitkräfte in die deutsche Westfront bei Amiens.

Und das war beileibe keine Sommerlochfüllmeldung, sondern der Anfang vom Ende des Deutschen Reichs, aber das konnte Tucholsky natürlich nur ahnen. Aber das Gedicht wäre ja nicht erwähnenswert, wenn es nicht diesen kleinen Seufzer am Schluss stehen hätte, der dem Dichter bei der Erinnerung an frühere ereignislose Sommerzeiten entfährt: "Wie lang ists her - da war in diesen Wochen / in angenehmer Weise gar nichts los."

Auffällige Männer und ein durchgeknallter Gemüsekoch

Und spätestens hier sind wir heutigen Leser wieder an der Reihe, in der Liebe zur Ereignislosigkeit von damals auch unsere eigene Passion zu sehen. Wir hätten es nämlich schon gerne, dass diesen Sommer und über diesen Sommer hinaus die bestürzenden Meldungen aufhören. Wir brauchen keinen neuen Blödigkeitsparcours von Trump, wir wollen in Ruhe baden. Wir benötigen keine Spekulationen über eine zweite Welle, wir wollen schwimmen. Wir verzichten gerne auf irgendeinen Horrorschnack aus einer der vielen Schweineschlachtereien, wir wollen Meeresfrüchte essen.

Das Sommerloch ist uns gerade groß und öde genug, um in ihm zu versinken und nichts hören und sehen zu wollen vom Unbehagen in der Welt. Aber es stehen einfach zu viele nervöse Kandidaten in der Weltgeschichte herum, als dass dieser Sommer ein ereignisloses, lang gestrecktes Nichts werden könnte. In den vorderen Reihen stehen Männer, denen man mit dem Wort "auffällig" nicht unrecht tut: Johnson, Bolsonaro, Erdoğan, der durchgeknallte Gemüsekoch Attila Hildmann, der Name des Allerauffälligsten fiel ja bereits; es sind ihrer so viele, dass es keiner Hinterbänkler bedarf, um spätestens im August wieder irgendeinen Aufreger zu starten, den zu kommentieren man, wie es dann in den Redaktionen heißen wird, nicht einfach den sozialen Medien überlassen darf.

Mit dem Ende der Normalität, wie wir sie kannten, ist auch das Ende des Sommerlochs gekommen. Wir werden keine Ruhe mehr finden, weil die Nachrichten uns überall finden werden, wo wir auch sein mögen. "Du liebe Zeit, wie bist du heiß und groß!" - damit lässt Kurt Tucholsky sein Hitzegedicht ausklingen.

Mit der Hitze, das könnte auch dieses Jahr wieder hinhauen. Und wenn sich die Größe einer Zeit an der Anzahl ihrer bekanntesten Verrückten messen lässt, stehen wir Tucholskys Zeitalter in kaum etwas nach.

© SZ vom 25.07.2020/olkl

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