Süddeutsche Zeitung

So viele Ein-Personen-Haushalte wie nie:Land der Alleinlebenden

Welche Farbe soll das Schlafzimmer haben, welche Form das Sofa? Und was essen wir heute überhaupt? Immer mehr Menschen in Deutschland entscheiden solche Fragen alleine. Der Anteil an Ein-Personen-Haushalten in Deutschland war 2011 so hoch wie nie. Doch die Wohnform birgt Gefahren für die Betroffenen.

Johanna Bruckner

Ihr Appartement behält Sex and the City-Protagonistin Carrie Bradshaw auch nach der Hochzeit mit Mr. Big. Und wohl nicht nur wegen des begehbaren Kleiderschrankes. Für die New Yorkerin symbolisiert die eigene Wohnung Freiheit und Selbstverwirklichung. Da ist niemand, mit dem Carrie über Vorhänge (bodenlang, beige-weiß) oder Wandfarben (im Schlafzimmer: türkis) diskutieren muss - oder darüber, was abends auf den Tisch kommt. In Fall der figurbewussten Fashionista: wenig bis nichts.

Auf dem Bildschirm ist das Alleinleben längst die vorherrschende Lebensform, das belegen preisgekrönte TV-Formate wie Friends, Sex and the City oder How I Met Your Mother. In der Realität überwiegen zwar immer noch partnerschaftliche oder familiäre Wohnmodelle, doch der Erfolg entsprechender Fernsehserien beim Publikum liegt sicher nicht zuletzt daran, dass sie die Lebenswirklichkeit von immer mehr Menschen widerspiegeln. Das ist auch ein Ergebnis des Mikrozensus 2011: Demnach führt heute jeder fünfte Deutsche einen Ein-Personen-Haushalt.

Der Mikrozensus ist eine Bevölkerungsbefragung, die jedes Jahr durchgeführt wird. 15,9 Millionen Menschen lebten den Daten des Statistischen Bundesamtes zufolge im vergangenen Jahr ohne Partner, Familie oder Mitbewohner. Diese Zahlen wurden am Mittwoch auf einer Pressekonferenz bekanntgegeben. Der Anteil der Alleinlebenden an der Gesellschaft ist damit seit 1991 um 40 Prozent gestiegen und hat 2011 einen neuen Höchststand erreicht. Zum Vergleich: Vor zwanzig Jahren gab es 11,4 Millionen Alleinlebende. Das waren etwa 14 Prozent der Bevölkerung.

Nur in Schweden leben mehr Menschen alleine

Der Anteil der Alleinlebenden in Deutschland erreicht jedoch nicht nur im zeitlichen Kontext einen Höchstwert. Auch im internationalen Vergleich belegt Deutschland bei der Zahl der Ein-Personen-Haushalte einen der vorderen Plätze und liegt mit Finnland und Dänemark gleichauf. Einzig in Schweden leben noch mehr Menschen alleine, nämlich 24 Prozent.

Damit liegen die Bundesrepublik und die skandinavischen Länder deutlich über dem Schnitt in der EU, dieser liegt bei 13 Prozent Alleinlebender. Je weiter südlich und östlich man sich auf der Landkarte bewegt, desto geringer wird der Anteil der Ein-Personen-Haushalte. Das mag der wirtschaftlichen Situation der Menschen in den betroffenen Ländern geschuldet sein. Hängt aber wohl auch mit den dort gesellschaftlich noch stärker verankerten Familienwerten zusammen.

Daraus den Schluss zu ziehen, dass Partnerschaft und Familie den Deutschen weniger wert sind, wäre aber falsch. Wer einen Ein-Personen-Haushalt führt, ist nicht automatisch auch Single: Der aktuelle Beziehungsstand ist nicht Bestandteil des Fragenkatalogs. "Partnerschaftliche Beziehungen, die über die Grenzen des eigenen Haushalts hinausgehen, können mit dem Mikrozensus nicht erfasst werden", heißt es dazu von Seiten des Statistischen Bundesamtes.

Allerdings geben die Daten Auskunft über frühere oder bestehende eingetragene Lebensgemeinschaften der Alleinlebenden. So waren dem Statistischen Bundesamt zufolge 2011 60 Prozent der alleinlebenden Männer im Alter von 35 bis 64 Jahren "echte Junggesellen", die noch nie verheiratet waren. Bei den alleinlebenden Frauen in der entsprechenden Altersgruppe lag der Anteil der überzeugten Singles deutlich niedriger: bei 42 Prozent.

Alleinleben als Lebenseinstellung

Für deutsche Männer scheint das Alleinleben mehr als für Frauen Lebenseinstellung zu sein. Dieser Eindruck wird durch ein weiteres Ergebnis der Studie untermauert: Gerade in jungen Jahren, zwischen 18 und 34, entscheiden sich deutlich mehr Männer (27 Prozent) als Frauen (20 Prozent) für das Wohnmodell Ein-Personen-Haushalt. Im Alter kehren sich die Zahlen um: 45 Prozent der über 65-jährigen Frauen, aber nur 19 Prozent der Männer der gleichen Altersgruppe leben allein. Eine Erklärung hierfür könnte die höhere Lebenserwartung von Frauen sein: Wenn der Mann stirbt, bleiben die Partnerinnen mutmaßlich unfreiwillig alleine zurück.

Gleiches passiert Männern, wenn ihre Ehe oder Partnerschaft auseinandergeht: Die Alleinlebendenquote der Männer ist vor allem im mittleren Alter deutlich gestiegen. Während 1991 nur zwölf Prozent der 40- bis 44-Jährigen allein lebten, waren es 2011 bereits 25 Prozent. Diese Zahlen stehen in engem Zusammenhang mit der in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gestiegenen Scheidungsrate. Zum hohen Anteil alleinlebender Männer mittleren Alters passt, dass der Großteil der Alleinerziehenden - diese zählen nicht als alleinlebend - noch immer weiblich ist: Kinder verbleiben bei einer Trennung oder Scheidung ihrer Eltern zumeist bei der Mutter.

Alleinlebende Frauen sind beruflich erfolgreicher

Die Daten des Mikrozensus bestätigen einmal mehr, dass Beruf und Familie für Frauen auch im Jahr 2011 schwer vereinbar sind. So sind alleinlebende Frauen häufiger in Führungspositionen anzutreffen als ihre nicht alleinlebenden Geschlechtsgenossinnen: Der Anteil liegt hier bei 17 zu 13 Prozent. Männer hingegen scheinen besonders mit einem familiären Hintergrund erfolgreich zu sein: So hatten 26 Prozent der Männer mittleren Alters in einem Mehr-Personen-Haushalt eine Führungsposition inne. Bei den Alleinlebenden lag die Quote um fünf Prozent niedriger.

Dazu passt, dass die Quote der Erwerbstätigen unter den alleinlebenden Männern deutlich unter der ihrer Geschlechtsgenossen in Mehr-Personen-Haushalten liegt. Während 2011 85 Prozent der 35- bis 64-Jährigen, die mit einer Partnerin/einem Partner und/oder Kindern zusammenleben, einer Beschäftigung nachgingen, waren es im gleichen Alterssegment der Alleinlebenden nur 74 Prozent. Bei Frauen zeigt sich hier kein Unterschied: In beiden Gruppen lag der Anteil der Erwerbstätigen bei 71 Prozent.

Ein erwartbares Ergebnis der Studie betrifft die Verteilung der Ein-Personen-Haushalte auf Stadt und Land: In Städten mit mindestens 500.000 Einwohner lebten 2011 etwa 29 Prozent der Bevölkerung allein. In kleinen Gemeinden (weniger als 5000 Einwohner) waren es hingegen nur 14 Prozent. Berlin liegt mit einer Alleinlebendenquote von 31 Prozent im Vergleich deutscher Großstädte auf Platz zwei - noch übertroffen von Hannover (33 Prozent).

Erhöhtes Armutsrisiko

Mit dem Luxusleben einer Carrie Bradshaw hat das Single-Dasein deutscher Großstädter jedoch wenig zu tun. Die meisten Alleinlebenden sind nicht Eigentümer, sondern leben zur Miete. Wobei ihre Mietbelastung deutlich höher ist als die von Mehr-Personen-Haushalten: Bei Alleinlebenden verschlingen die Wohnungskosten 26 Prozent des Einkommens, bei Haushalten ab zwei Personen liegt der Anteil bei 20 Prozent und weniger.

Alleinlebende sind zudem deutlich gefährdeter, in Armut abzurutschen, als Menschen, die mit dem Partner oder der Familie zusammenwohnen. Ihre Armutsgefährdungsquote liegt mit 30 Prozent fast doppelt so hoch wie die Quote für den Bundesdurchschnitt. Einzig Alleinerziehende sind noch gefährdeter (43 Prozent).

Eines haben Alleinlebende hierzulande jedoch mit der Serienfigur Bradshaw gemeinsam: Für sie wie auch für viele Deutsche ist das "Single-Dasein" eine Altersfrage. Bis 27 Jahre steigt der Anteil der Alleinlebenden: Einen eigenen Haushalt zu führen, gehört zum Abnabelungsprozess vom Elternhaus. Doch mit zunehmendem Alter scheinen Unabhängigkeit und Freiheit ihren Reiz zu verlieren: Die Zahl Alleinlebender sinkt, dafür steigt der Anteil an Mehr-Personen-Haushalte.

Ein bisschen Carrie steckt eben in vielen von uns. Die stellt ihr Appartement am Ende ihrer Freundin Charlotte zur Verfügung - und lebt selbst lieber mit Mr. Big unter einem Dach.

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