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Skurriles Volkstum in Bulgarien:Bulgarische Hundeschleuder

Tierquälerei im Namen des Brauchtums: Ein bulgarisches Dorf begrüßt den Frühling mit einem Vergnügen namens Hundeschleudern. Die Tradition soll ein Ritual der Hoffnung in schwierigen Zeiten sein - Premier Borissow dagegen verurteilt die Barbarei.

Klaus Brill

Ein Vergnügen kann es für den Hund nicht sein, das ist auf dem Video klar zu sehen. Erst wird das Tier festgehalten und mit dem Körper durch eine große Schlinge gesteckt. Dann hängt es in Höhe der Brust an einem aufgezwirbelten Strick, der an zwei Masten über den Dorfbach gespannt ist. Wenn die Männer, die das böse Spiel treiben, den Hund nun loslassen, dreht er sich mit hoher Geschwindigkeit so lange um sich selbst, bis der Strick gänzlich aufgewickelt ist. Das Tier fällt in den Bach. Benommen kriecht es von dort ans Ufer zurück.

Bulgarien Hundeschleudern Brodilovo

Hundeschleudern in Brodilovo, auf Video dokumentiert von besovo.com - http://bit.ly/eTpmEa

Der derbe Spaß, den sich die Menschen mit ihren Vierbeinern machen, hat vor ein paar Tagen in dem Dörfchen Brodilowo im Südosten Bulgariens stattgefunden und stellt angeblich einen alten örtlichen Frühlingsritus dar, der zum Vertreiben der bösen Geister dient. Bulgariens Ministerpräsident Bojko Borissow empfand das Ganze jedoch als Barbarei und machte dies auch öffentlich kund. Andere erklärten sich ebenso, und im Internet entbrannte eine lebhafte Diskussion über die Zulässigkeit des sogenannten Brauches. Auch ein Videofilm des grausamen Spiels wird dort gezeigt.

Im ärmsten Land der EU prallen archaische Bräuche vom Dorf und urbane Modernität aufeinander. Der Bürgermeister der Gemeinde Tsarewo, zu der Brodilowo gehört, verteidigte seine Mitbürger und "ihre folkloristische Tradition", die diesen alten Fruchtbarkeitsritus überliefert habe. "Niemand tötet oder verletzt die Hunde", erklärte er.

Der Niedergang der bulgarischen Dörfer

Zwar hatte der Kommunalpolitiker vor fünf Jahren das brutale Treiben schon einmal verboten, nachdem internationale Medien das Land an den Pranger stellten. Jetzt aber nahmen die Bürger den Ritus wieder auf - weil dies in ihrer extrem schwierigen ökonomischen Situation für sie ein Hoffnungszeichen darstelle, wie der Bürgermeister erklärte.

Tatsächlich herrschen auf bulgarischen Dörfern miserable Lebensbedingungen, wie jeder Reisende schon an den hässlichen Betonbauten aus der Zeit des Kommunismus und der vielfach sichtbaren Verwahrlosung feststellen kann. Erst jüngst ergab ein Vergleich, dass Bulgarien von allen 27 EU-Ländern die höchste Sterblichkeitsrate hat, nämlich 14,5 Promille - bei einem europäischen Mittelwert von 9,7 Promille. Auf den Dörfern sterben pro Jahr sogar 20 von 1000 Menen, also doppelt so viele wie im EU-Durchschnitt.

Schon jetzt gibt es im Land rund 200 unbewohnte Ortschaften, in 500 weiteren Dörfern leben nur noch zehn bis 20 Menschen, weil junge Leute aufgrund der wirtschaftlichen Aussichtslosigkeit möglichst früh in die Städte oder gleich ins Ausland ziehen. Die Bevölkerung Bulgariens im Ganzen geht dramatisch zurück, im vergangenen Jahrzehnt um 1,2 Millionen auf jetzt nur noch 7,5 Millionen Einwohner.

Ländliche Traditionen sind damit zum Aussterben verurteilt. Im Südosten Bulgariens gehört dazu auch das Kukeri-Ritual, eine Mischung aus heidnischer und christlich-orthodoxer Überlieferung. Jedes Jahr im Frühjahr tanzen auf der Dorfstraße mit Fellen verkleidete Männer, die Tiermasken tragen. Hier und da wird auf dem Dorfplatz auch noch auf glühenden Kohlen getanzt.

Im Fall des Hundeschleuderns will die Regierung aber die demographische Lösung nicht abwarten. Ministerpräsident Borissow besprach die Sache mit dem Generalstaatsanwalt und war sich mit ihm einig, dass die Strafen für Verstöße gegen das Tierschutzgesetz verschärft werden sollten.

© SZ vom 12.03.2011/mob

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