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Skandal-Rockerin:"Mir fehlen vier Jahre"

Beeindruckende oder bedauernswerte Selbstbehauptung? Courtney Love hat ihre Tagebücher veröffentlicht.

Ende der siebziger Jahre sitzt ein Mädchen in der staatlichen Besserungsanstalt Hillcrest School im spärlich besiedelten Oregon. Nach einem Ladendiebstahl ist das Mädchen, schon viel herumgekommen, hier im Nordwesten der USA gelandet.

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Courtney Love: "Werde auch einen Oscar kriegen & beste Freundin von Elton John sein."

(Foto: Foto: AP)

Noch beim Abgang von der Einrichtung im Jahr 1980 wird ein Zeugnis der Schülerin überdurchschnittliche fachliche Leistungen, aber "signifikante Probleme" beim Betragen attestieren und feststellen, sie baue nach außen eine sehr effektive "Front" der Stärke auf, sei jedoch innerlich offenbar von Ängstlichkeit und Erfolglosigkeit bestimmt.

Vulgärpsychologie

Und während sich die amerikanische Vulgärpsychologie mit Gruppentherapie-Sitzungen daran versucht, die Persönlichkeit der jungen Dame vielleicht doch noch in die gewünschte Form zu bringen, schreibt die etwa Fünfzehnjährige in ihr Tagebuch: "Ich liebe die Monty-Python-Nacht. Ich kann die lustigen Stimmen nachmachen. Aber ich glaube, ich werde ein Rockstar. Werde auch einen Oscar kriegen & beste Freundin von Elton John sein."

Die Sängerin und Heldenwitwe, Schauspielerin und Selbstdarstellerin Courtney Love, heute 42, hat ihre Ziele seit jener Zeit mit einiger Ambition verfolgt, ohne bei all dem Ehrgeiz den Exzess und die Selbstgefährdung zu vernachlässigen, welche zum echten Rockstardasein gleichfalls gehören.

Vor einigen Jahren, auf der letzten (musikalisch recht braven) Platte ihrer früheren Band Hole, hat sie sich selbst als "eine wandelnde Studie zur Dämonologie" besungen. Das war vier Jahre nach dem heroinbedingten Selbstmord ihres Ehemanns Kurt Cobain, des Sängers von Nirvana, welcher am 5. oder am 6. April 1994 dieser größten Gruppe des "Grunge" der frühen neunziger Jahre ihr endgültiges Ende bereitete.

Dämonin

Jetzt kann das Studium der Dämonin, der fanatische Anhänger Cobains immer wieder eine Mitschuld an seinem Tod zum Vorwurf machten, gründlicher denn je vertieft werden. Denn Courtney Love hat ein Buch herausgebracht.

Bei diesem Buch handelt sich es um ihre "Tagebücher", was im weiten Sinne zu verstehen ist: Der Band versammelt Meinungen, Eindrücke und Lebenswünsche, die Love von Kindheit an, wie viele selbstreflexive Mädchen, mit großer Frequenz zu Papier gebracht hat, aber auch Listen von Lieblingsdingen und Vorsätzen, Zeichnungen, Gedichte, Entwürfe von Songtexten, Fotos, Briefe, Notizzettel, Konzertplakate und Ähnliches.

Nachdenklichste, von Schönheit oder Geborgenheit handelnde Betrachtungen stehen neben kräftigen Ausrufen wie "Fuck the Ramones", die durchgestalteten Modefotografien jüngerer Jahre stehen neben dem letzten Trash.

Unleserlichkeiten

Jüngsten Trends der Editionsphilologie folgend, sind in dem Buch sämtliche Dokumente im Faksimile wiedergegeben. So haben auch diejenigen etwas davon, die sich im graphologischen Begutachten üben wollen. Man liest sich ein in diese Schrift, und doch bleibt eine Reihe von Unleserlichkeiten übrig, denn ein kritischer Apparat fehlt.

Bei einigen Kritzeleien muss man sich damit trösten, dass es noch manche in schlimmerem Zustand gegeben hat, die die Herausgeberin nicht aufgenommen hat - denn im Vorwort schreibt die Autorin: "Man wird feststellen, dass aus vier Jahren meines Lebens so gut wie nichts dabei ist; das liegt daran, dass ich auf Drogen war und dass nichts, was ich geschrieben habe, Sinn ergab." An selber Stelle heißt es aber: "Ich bin heute praktizierende Buddhistin, nüchtern und Makrobiotikerin."

Man kann es als einen Versuch deuten, dieser Erholung einen handfesten Beweis zu verschaffen, wenn die Künstlerin jetzt eine archäologische Sammlung ihrer jahrzehntelangen Eskapaden vorlegt, eine Sammlung, die dann mit einem recht gesund aussehenden Konterfei ohne Augenringe abschließt.

Es ist eine Erholung übrigens, die Courtney Loves Stimme noch nicht erreicht hat: Diese speichert, rau, tief und bisweilen wacklig, die harte Vergangenheit weiter, wie ihre erste, sehr gelungene Soloplatte "America's Sweethart" aus dem Jahr 2004 zeigt. Im nächsten Jahr soll ihr nächstes Album mit dem Titel "How Dirty Girls Get Clean" erscheinen.

Besuch beim Chirurgen

Bis heute geteilt sind die Meinungen, ob dieser Prozess der Selbstbehauptung, den Courtney Love seit Kurt Cobains Tod mit Drogen, Entzug, Musik, Schauspielrollen (wie 1996 in "Larry Flint"), Schönheits-chirurgie und Klatschspalten-Getingel durchlaufen hat, beeindruckend oder bedauernswert zu nennen ist. Das vorliegende Buch liefert dafür jedenfalls kaum eine Handhabe, denn hier muss sich der Leser das Leben der Protagonistin selbst zusammensetzen.

Auffällig ist übrigens, einen wie geringen Raum Kurt Cobain in diesem Buch einnimmt: Ein paar verliebte Postkarten, ein paar Familienfotos mit dem gemeinsamen Kind, viel mehr ist es nicht. Das sieht wahrlich nach dem nicht nur mit diesem Buch unternommenen Versuch Loves aus, den großen Schatten in ihrem Leben zugunsten ihrer eigenen Musik und ihrer eigenen öffentlichen Rolle möglichst fernzuhalten.

Wie wenig das aber gelingt, davon erzählt der Abdruck einer Postkarte des Modedesigners Marc Jacobs an Courtney Love. Er bedankt sich überschwänglich für ein Geschenk - einen Pullover aus dem Nachlass des Nirvana-Sängers.

Man kann natürlich mit Recht fragen, wen all diese Schnipsel in den "Diaries" interessieren sollen. Aber man kann das Buch unterschiedlich lesen: Für die einen, die von ihren Idolen - besonders, wenn es sich um zerbrechliche Idole handelt - nicht genug bekommen können, mag es ein reines Fan-Buch sein.

Induktives Verfahren

Anderen Lesern erzählt das Buch die Geschichte, wie kreativer Trieb und unbedingte Anerkennungssucht, wie Untergrundinstinkt und Karrierewillen, wie Beharrlichkeit im Chaos, wie die Bewahrung einer auf Großes zielenden Persönlichkeit inmitten von tief genossenen und tief erlittenen Ausschweifungen und dazu natürlich eine Reihe zufälliger Konstellationen nötig waren, um in einer der letzten großen Zeiten der Gitarrenmusik nach ganz oben zu kommen.

Wem das Verfahren zu induktiv ist, diese Zeit und den Weg einer ihrer Protagonistinnen aus Courtney Loves Schmierereien zu rekonstruieren, der kann zur ebenfalls gerade erschienenen Abhandlung des britischen Musikjournalisten Everett True "Nirvana. The True Story" greifen.

True durfte damals für das englische Blatt Melody Maker extensive Recherchen in der Musikszene von Seattle und Los Angeles vornehmen, wurde so mit Courtney Love gut bekannt und behauptet, sie und Kurt Cobain überhaupt erst zusammengebracht zu haben.

Entstanden ist ein Werk, dessen Detailliertheit den maßlosen Historismus der Popgeschichte aufs Neue veranschaulicht: Everett will einfach alles wissen, und selbst Kurt Cobains Magenprobleme sind im Register mit zahlreichen Einträgen sorgfältig vermerkt. Guten Appetit.

COURTNEY LOVE: Dirty Blonde. The Diaries of Courtney Love. Researched and edited by Ava Stander. Faber and Faber, New York 2006. 292 S., ca. 31 Euro.

EVERETT TRUE: Nirvana. The True Story. Omnibus Press, London 2006. 636 Seiten, ca. 25 Euro.