Sinn und Unsinn Der Weg zur Erkenntnis

Bei Bertram Weisshaar läuft's: Er ist Promenadologe, professioneller Spaziergänger. Für ihn ist Gehen auch eine geistige Tätigkeit, bei der man die Welt wieder stärker wahrnimmt.

Von Titus Arnu

Er läuft und läuft und läuft. Bertram Weisshaars Schritte federn über den nassen Asphalt. Der Mann wirkt drahtig, er trägt ein schwarzes Hemd, schwarze Jeans und Trekkingschuhe, von der Schulter hängt eine Stofftasche. Beim Gehen redet er über den Bauboom nach der Wende, Veränderungen im Leipziger Osten und Gefahrenstellen für Fußgänger. Weisshaar führt seinen Besucher vom Dorotheenplatz über die Zentralstraße und den Goerdelerring zum Eingang des Zoos, zwei Kilometer entlang stark befahrener Straßen. Er rennt nicht, aber er geht recht zügig, ohne dabei ins Schnaufen zu kommen.

In der Parthenstraße schwingt sich Weisshaar plötzlich über ein Geländer, klettert verwitterte und halb zugewachsene Steinstufen hinab - und läuft im eingemauerten Bett der Parthe weiter. Die Parthe ist hier ein betoniertes Rinnsal, rechts und links kann man auf dem befestigten Ufer spazieren gehen. Ein tiefer gelegter Wanderweg mitten durch die Stadt, etwas vermüllt zwar, aber hochinteressant. Die Perspektive ändert sich, es gibt weder Autos noch Fahrräder, denen man in die Quere kommen könnte - und man gerät leicht ins Fantasieren. Man könnte einfach so weiterwandern und weitersinnieren, immer am Wasser entlang, bis zur Quelle.

Solche Gedankenausflüge will Weisshaar provozieren. Er ist professioneller Spaziergänger. Der 54-Jährige betreibt in Leipzig ein "Atelier für Spaziergangswissenschaft und Fotografie", schreibt Bücher über das Laufen, konzipiert neue Themen-Wanderwege und produziert Audio-Guides für Stadtspaziergänge. Für ihn ist das Gehen viel mehr als körperliche Bewegung: "Es ist eine Methode, um die Welt wieder zusammenzubringen." Das klingt nach einem hohen moralischen Anspruch an die Beine, und es klingt ein bisschen ungemütlich.

"Spaziare" bedeutet: sich räumlich ausbreiten, die Gedanken schweifen lassen

Es ist natürlich bequemer, auf seinem Sessel hocken zu bleiben und sich von dort aus Gedanken über die Gott und die Welt zu machen. Wer aufsteht, sich bewegt und somit die Perspektive wechselt, wird möglicherweise aber auch eher in der Lage sein, seinen geistigen Standpunkt zu verändern. "Informationsvermittlung funktioniert besser im Laufen als im Sitzen", weiß Bertram Weisshaar. Er hat Promenadologie studiert, Spaziergangswissenschaft. Die Grundlage für diese sehr spezielle Fachrichtung hat Lucius Burckhardt geschaffen, ein Basler Soziologe, der in den Achtzigerjahren an der Gesamthochschule Kassel (heute Universität Kassel) im Fachbereich Stadt- und Landschaftsplanung und Architektur unterrichtete. Eine von Burckhardts zentralen Aussagen: "Landschaft findet im Kopf statt."

Spaziergänge sind für Promenadologen in erster Linie eine Methode, um zu neuen Ansichten zu gelangen - also die Gedankenlandschaft im Kopf etwas auszuweiten. Das Wort "spazieren" kommt vom italienischen Verb spaziare - was wörtlich übersetzt bedeutet: "sich räumlich ausbreiten", umherstreifen. Im übertragenen Sinn bedeutet es, sich in etwas zu ergehen, die Gedanken schweifen zu lassen. Diesen gedanklichen und zeitlichen Freiraum muss man sich allerdings erst mal leisten können. Spazierengehen ist ein Luxus, der früher vor allem von Adeligen, Schriftstellern und Philosophen gepflegt wurde. Wozu sollte ein Bauer, der den ganzen Tag lang zu Fuß auf seinen Feldern unterwegs war, in seiner Freizeit noch zusätzlich in der Landschaft herumlaufen?

Das scheinbar zweckfreie Umherwandeln wurde schon früh idealisiert, etwa von den Peripatetikern, den Schülern des griechischen Philosophen Aristoteles. Peripatos bedeutet "Spaziergang" und "Wandelhalle", und es ist der Name der philosophischen Schule des Aristoteles. Neben der philosophischen Ausbildung gehörten Musenkult und sportliche Spiele zum Stundenplan. Ob die antiken Philosophen beim Philosophieren tatsächlich die ganze Zeit durch Parks und Hallen wandelten, kann wohl niemand mehr nachprüfen. Überliefert sind dagegen die täglichen Spaziergänge von Immanuel Kant durch Königsberg und die Wanderungen von Friedrich Nietzsche im Oberengadin. "Die Zehen regen sich, um besser zu hören", schrieb Nietzsche, und das gehörte noch zu den leichter nachvollziehbaren Bildern in seinen Aphorismen.

Philosophisches Gehen um des Gehens willen, ist das wie l'art pour l'art, reiner Selbstzweck? Das Lustwandeln oder Promenieren mag früher ein Statussymbol reicher und gebildeter Stände gewesen sein, die zur Erbauung in Wandelhallen oder auf Promenaden umherschlenderten. Lange galten Flanieren und Wandern als altmodisch bis spießig, erst in den vergangenen Jahren sind diese Aktivitäten wieder richtig populär geworden. Pilgern als Form der Selbsterfahrung boomt, Tausende sind jeden Sommer auf den Jakobswegen unterwegs, nicht nur aus religiösen Gründen. Das weltliche Pilgern kann man auch als Gegenbewegung zur Informationsflut und Schnelllebigkeit des Internets sehen - falls man unterwegs das Handy ausschaltet.

Für Bertram Weisshaar sind Smartphones zum einen ein nützliches Hilfsmittel, zum anderen befürchtet er, dass die natürliche Orientierungsfähigkeit durch Navigations-Apps Stück für Stück verloren geht. Aber er braucht die Geräte auch für seine Arbeit. Weisshaar pflegt eine neue Disziplin: das Spazierhören. Es ist ein Medium, das bei Stadtrundgängen, thematischen Wanderungen und Besichtigungen von Baudenkmälern zum Einsatz kommen kann. Die Teilnehmer haben Kopfhörer auf und werden von einer App beim Laufen mit Informationen versorgt - wo man wann abbiegen soll, was es auf einem Bild zu sehen gibt, welcher besondere Baum am Wegrand wächst. "Das Gehen ist dabei mindestens die Hälfte der Geschichte." Weisshaar hat viele solcher "Talk-Walks" erstellt, für Stadtverwaltungen, Kulturvereine und Reiseveranstalter. Er ist nicht nur Spaziergangsforscher, sondern auch Spaziergangsunternehmer.

Sein derzeit größtes und längstes Projekt ist ein neuartiger Wanderweg, den er "Denkweg" nennt. Die Route ist ein Querschnitt durch Deutschland, 800 Kilometer von A wie Aachen bis Z wie Zittau. "Die Länge der Strecke ist dabei eine nur kleine Herausforderung", sagt der Autor. Anspruchsvoll sind auch die Stationen, denn die Etappen führen durch Naturschutzgebiete, abseits von Straßen, aber auch durch das Ruhrgebiet mit seinen stillgelegten Zechen, vorbei an Abraumhalden, Mülldeponien, Monokulturen, einem stillgelegten Atommeiler und Industriegebieten. Eine Abfolge von Schönheit und Schrecken, widersprüchlich und interessant wie das Land selbst.

"Man kann die Landschaft verändern, indem man den Blick darauf verändert", sagt Bertram Weisshaar und beruft sich dabei auf seinen Mentor Lucius Burckhardt. Der Begründer der Promenadologie ging von der These aus, dass "die Umwelt nicht wahrnehmbar sei, und wenn doch, dann aufgrund von Bildvorstellungen, die sich im Kopf des Beobachters bilden und schon gebildet haben." Mit anderen Worten: Egal welche Stadt wir besuchen oder in welche Landschaft wir reisen - stets bringen wir Vorurteile mit.

Zum Beispiel über Leipzig. Wunderschön herausgeputzte Altstadt, hässliche Peripherie mit Plattenbauten und Industriebrachen rundherum - so die vorgefasste Meinung vieler Besucher aus dem Westen. Bei den Wüsten, die der Braunkohle-Tagebau hinterlassen hat, fragt man sich: Ist das Landschaft, sind das Drecklöcher, sind das traurige, verkommene Betriebsgelände? Weisshaar findet die ehemalige Industrieregion, die langsam von der Natur zurückerobert wird, dagegen "wunderschön". Bei seinen geführten Wanderungen durch die Braunkohle-Wüsten versucht er, die Perspektive der Besucher zu weiten - Stichwort: spaziare. 6000 Besucher haben sich in vier Jahren seinen Spaziergängen angeschlossen.

"Wenn ich zu Fuß gehe, bekomme ich das feinkörnigste Bild"

Die Tagebau-Brachen seien längst Teil unserer Landschaft geworden, sagt Bertram Weisshaar, als eine Art mitteleuropäische Ersatzwüste. Mit seinem "Atelier Latent" sucht er weiter nach solchen latenten Landschaften. In Leipzig existieren einige davon. Ein Teil seiner Arbeit ist Lokalpolitik. Weisshaar beteiligt sich an Initiativen gegen Gehwegparker, er sucht mit Verkehrsplanern nach besseren Lösungen für die friedliche Koexistenz von Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern. "Stadtplanung ist Leidensverteilung", sagt er, "da geht es darum, den bestmöglichen Kompromiss zu finden." Am wenigsten Rücksicht werde auf die Fußgänger genommen: "Fußgänger sind wie Schafe, die kann man überall hinscheuchen, und sie machen nicht mal ,Mäh'".

Früher ist Weisshaar selbst viel Rad gefahren, mittlerweile läuft er fast nur noch. "Die Art, wie wir uns fortbewegen, bedingt unsere Wahrnehmung", sagt er, "und wenn ich zu Fuß gehe, bekomme ich das feinkörnigste Bild." Am Ende des ausführlichen Rundgangs durch Leipzig zeigt der Schrittzähler des Smartphones 20 067 Schritte an, der Kopf ist voller feinkörniger Bilder. Wer nur halb so viel geht pro Tag, hat schon viel erreicht, körperlich auf jeden Fall und wahrscheinlich auch mental. Das Konzept der Gedankenreise - es läuft bestens.