Sinn und Unsinn Auf höchster Ebene

William Paul Young schreibt ein Buch, in dem ein Mann die Fragen los wird, die er Gott immer schon stellen wollte. Es wird ein Welthit. Nun kommt der Film.

Von michaela haas

Wie das wohl wäre, Gott von Angesicht zu Angesicht zu begegnen? Vielleicht ein ganzes Wochenende mit Jesus zu verbringen? Und dann noch dem Heiligen Geist einige drängende Fragen zu stellen?

Familienvater "Mack" Allen Phillips erhält eine exklusive Einladung von Gott höchstpersönlich. Die kann er brauchen, denn seine Tochter Missy wurde gekidnappt, und die Schuldgefühle, dass er das Verbrechen nicht hatte verhindern können, haben den letzten Funken Lebensfreude in ihm getilgt. Aber warum will Gott sich mit ihm ausgerechnet in der Hütte treffen, in der seine Tochter ermordet wurde? Und wieso unterzeichnet Gott seine Einladung mit "Papa"?

Die Antworten auf diese Fragen haben sich weltweit 25 Millionen Mal verkauft. "Die Hütte: Ein Wochenende mit Gott" ist eines der vierzig erfolgreichsten Bücher aller Zeiten und kommt nun mit der Oscar-gekrönten Octavia Spencer und "Avatar"-Star Sam Worthington hochkarätig verfilmt in die Kinos. Der Mann, der sich die Begegnung mit der Heiligen Dreifaltigkeit ausdachte, heißt William Paul Young. Young, 61, hat viel mit seinem Protagonisten Mack gemeinsam - beide hatten einen jähzornigen Vater, der zwar die Bibel zitierte, aber seine Kinder mit dem Gürtel prügelte, beide quälten sich mit Schuldgefühlen, und Young beschreibt seinen Protagonisten im Buch wie sich selbst: als "kahl werdend, leicht übergewichtig, von kurzer Statur". Wer im Film genau hinschaut, kann den Autor in einer Anfangsszene einmal durchs Bild huschen sehen.

Aber Youngs eigene Geschichte ist noch unglaublicher als die seiner Filmfigur Mack. Beim Besuch in seinem Haus in Portland, Oregon, hüpfen drei seiner neun Enkelkinder durch das Wohnzimmer, während der gebürtige Kanadier darüber sinniert, wie bescheiden er angefangen hat. Er schlug sich als Nachtwächter durch, putzte Klos, musste Bankrott anmelden und verlor 2003 das Familienheim. Seine Frau Kim nörgelte, er solle bitte als Weihnachtsgeschenk für ihre sechs Kinder aufschreiben, was er so über das Leben und Gott dachte, "weil ich doch so ein Querdenker bin".

In "Die Hütte - ein Wochenende mit Gott" trifft Mack (li., Sam Worthington) den Heiligen Geist (Sumire).

(Foto: Concorde Filmverleih)

William Paul Young schrieb "Die Hütte" und druckte 15 Exemplare im Kopierladen nebenan, mit Ringbindung.

"Das Buch", sagt Young, "ist aus großer innerer Traurigkeit entstanden." Die Verwandten fanden das Geschriebene so berührend, dass sie immer mehr Kopien für ihre Freunde wollten, aber 26 Verlage lehnten das Manuskript ab. Den Mainstream-Verlagen war es "zu Jesus-y", den christlichen zu wenig orthodox. Also begann Young, Kopien aus der Garage zu verkaufen - innerhalb eines Jahres waren es schon eine Million. Mit Youngs unkonventioneller Sicht auf Gott identifizieren sich viele Menschen, die einen schweren Verlust erlitten haben.

Gott ist eine schwarze Frau? Kritiker werfen Young deshalb Ketzerei vor

"Gott, wie konntest du das geschehen lassen?" ist die zentrale Frage, auf die Mack (und Young) eine Antwort suchen. Und: "Gott, wie kannst du mich lieben, obwohl ich innerlich verrottet bin?"

Das Ringen mit diesen Fragen dauert im Buch ein Wochenende, aber es nahm in Youngs Leben elf Jahre ein. Der erste Schock für Mack (und offensichtlich für viele Leser) ist, dass der Gott im Buch ganz anders aussieht als der alte Mann mit dem Rauschebart, wie ihn Michelangelo malte. Youngs Gott ist eine mütterliche schwarze Frau, Jesus ein Mann aus dem Mittleren Osten und der Heilige Geist eine zierliche Asiatin. Kritiker werfen Young deshalb Ketzerei vor, und amerikanische Medien zerrissen Buch wie Film als naiv, aber im Gespräch mit Young wird bald der gar nicht naive Grund klar, warum Gott für ihn kein Mann sein kann: "Weil ich von Männern unermesslich verletzt wurde."

Young wurde schon mit zehn Monaten in den Urwald von Papua-Neuguinea verfrachtet, als ältester Sohn von Missionaren. Der Stamm der Dani lebte dort wie in der Steinzeit, ohne Strom, mit primitivsten Werkzeugen. Young war der erste Weiße, der ihre Sprache lernte und völlig von ihnen akzeptiert wurde. "Ich fühlte mich ihnen zugehöriger als meiner leiblichen Familie, denn mein Vater war ein wütender Mann. Ich lernte früh, so wenig wie möglich mit ihm zu tun zu haben." Die Dani waren Kannibalen und huldigten Geistern. Wenn sie laut darüber nachdachten, Youngs Eltern zu töten, machte sich Young keine Sorgen um sich selbst: "Ich gehörte ja zu ihnen."

Der Autor der Romanvorlage von "Die Hütte - ein Wochenende mit Gott", William Paul Young, lebte als kleiner Junge im Dschungel von Papua-Neuguinea. Seine Eltern arbeiteten dort als Missionare.

(Foto: privat)

Mit seinen Eltern konnte Young "über nichts reden". Auch nicht darüber, dass er bei den Dani sexuell missbraucht wurde. Der Missbrauch, vor allem durch die Stammesväter, begann, als Young vier Jahre alt war. "Schau", sagt Young und zeigt ein Bild von sich als pausbäckigen, blonden Jungen umgeben von schwarzen Kindern. "Da war ich schon beschädigt. Mit sechs Jahren fing ich selbst an, andere Kinder zu missbrauchen. Im Internat setzte sich das fort: Die Älteren missbrauchten die Jüngeren."

In seinem Buch, sagt Young, "bin ich sowohl Mack, der sich völlig in seinen Schmerz zurückgezogen hat, als auch Missy, die Opfer eines schrecklichen Verbrechens wird. Das Kind in mir ist damals gestorben. Kinder, die missbraucht wurden, finden Wege zu überleben. Aber innerlich ist man in Tausende Teile zersplittert. Selbst wenn man Zuneigung erfährt, kann man sie nicht wirklich genießen, denn wenn die andere Person wüsste, wie man wirklich ist, würde sie einen ja nicht lieben."

Wie viele Menschen, die missbraucht wurden, rang Young mit Schuldgefühlen. "Ich dachte, ich müsse ein wirklich übler Mensch sein. Aber was macht man mit dieser Scham? Wohin damit? Von klein auf waren meine Eltern für mich kein sicherer Zufluchtsort." Er entdeckte seinen evangelikalen Glauben nicht durch seine Missionars-Eltern, sondern weil die Dani sich tatsächlich zum Christentum bekehren ließen. Aber als er zehn Jahre alt war, zog seine Familie zurück nach Kanada, mitten im Winter, "ein neuer Kulturschock. Und ich trug diesen ganzen Ballast mit mir herum, von dem niemand etwas wusste."

William Paul Young, 61, war schon zufrieden damit, 15 Exemplare des Romans an seine Familie verteilt zu haben.

(Foto: Torge Niemann)

Young studierte Religionswissenschaften, gründete eine Familie, arbeitete sogar in einer Kirche, aber kämpfte gleichzeitig mit seinen Dämonen. "Ich habe eine perfekte Fassade aufgebaut; eine dünne Schicht Perfektionismus hielt meine abgefuckte Hütte zusammen." Selbst mit seiner Frau sprach er nie über den Missbrauch, stattdessen schaute er stundenlang Pornos an. Die Kirche sei keine Hilfe gewesen: "Man muss akzeptieren, wer man wirklich ist, mit all dem Mist. Aber Religion will davon nichts wissen", sagt er wütend. "Jedes Mal, wenn bei Menschen die Scheiße hochkommt, schmeißen wir sie aus der Kirche!"

Dann trafen ihn mehrere Schicksalsschläge gleichzeitig: Innerhalb von drei Monaten verlor er unerwartet seine fünf Jahre alte Nichte, seinen Bruder und seine Schwiegermutter. Er begann eine Affäre mit der besten Freundin seiner Frau, und seine Frau war darüber so verletzt, dass die Ehe am Ende war. "Geheimnisse bringen uns um", erkannte Young. "Wir sind so krank wie die Geheimnisse, die wir in uns tragen."

Young sah zwei Möglichkeiten: Selbstmord zu begehen oder sich der Misere zu stellen

Young sah nur zwei Möglichkeiten: entweder Selbstmord zu begehen oder sich der ganzen Misere zu stellen. Er suchte sich einen Therapeuten, der auf sexuellen Missbrauch spezialisiert war, und entschied sich, an seiner Ehe zu arbeiten: "Wo sollte ich denn hingehen? Ich musste mich ja überallhin mitnehmen." Während er so erzählt, schnipselt Kim, mit der er immer noch verheiratet ist, in der Küche Bananen für Enkelin Gracie. "Wenn ich meine eigenen Enkel sehe, die nun in dem Alter sind, in dem ich damals missbraucht wurde, dann denke ich: Das sind so kleine Steppkes, so unschuldig. Wie konnte ich nur damals denken, ich sei an allem schuld?"

Er schrieb "Die Hütte" als Teil seines Heilungsprozesses. "Die Hütte repräsentiert unsere Seele, den Ort, wo wir unsere dunkelsten Geheimnisse lagern. Manche haben ein intaktes Zuhause, aber bei vielen haben die Mauern Risse, die Stufen hängen schief, und im Keller steht das Abwasser. Dann bauen wir nach außen hin eine tolle Fassade auf, aber innerlich sind wir kaputt."

Der einzige Weg sei, sich ins Innere dieser verwahrlosten Hütte zu wagen. "Wir wollen davor weglaufen, aber damit kann man den Schmerz nicht reparieren." Young bezeichnet sich immer noch als evangelikalen Fundamentalisten, aber gleichzeitig hält er Religion für schädlich: "Gott ist nicht religiös. Alles, was mit Religion zu tun hat, haben die Menschen hinzugedichtet. Und das eigentlich Inspirierende am Glauben verwandelt sich in Propaganda, die manche Menschen mehr wertschätzt als andere."

Die heftige Kontroverse über sein Buch amüsiert ihn. "Es ist so einfach, Gott in eine schlichte Kiste zu packen, denn eine Kiste kann man kontrollieren." Er habe ja nichts zu beweisen, sagt er, lächelnd auf dem Sofa fläzend. "Das Buch hatte seinen Zweck für mich schon erfüllt, als ich 15 Kopien meiner Familie gab."

Seine Eltern sind übrigens beide noch am Leben. Bis heute hat er mit ihnen nicht über den Missbrauch und die Gewalt gesprochen. Beide haben das Buch gelesen - und nie ein Wort dazu gesagt.