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Deutsche und Singen:"Hauptsache, es macht Spaß"

Chor

Gemeinschaftserlebnis Singen: Man ist Teil eines großen Ganzen und kann seinen Beitrag leisten, ohne im Vordergrund zu stehen.

(Foto: picture alliance / Fredrik von E)

Kathrin Giehl leitet den Chor der Regensburger Domspatzen. Im Interview erklärt die 43-Jährige das Verhältnis der Deutschen zum Gesang. Und warum wir lieber in der Kirche als am Lagerfeuer singen.

Weihnachten ist die Zeit der besinnlichen Lieder - und eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen die Deutschen in der Familie singen. Kathrin Giehl ist seit 2007 Chorleiterin bei den Regensburger Domspatzen. Im Interview mit der SZ erklärt die 43-Jährige die Einstellung der Menschen zum Gesang.

SZ: Ist Singen ein Grundbedürfnis?

Kathrin Giehl: Mit Sicherheit. Wenn Sie kleine Kinder beobachten, sehen Sie, dass Gesang eine natürliche Ausdrucksform ist. Die singen eigentlich alle: beim Spielen, bei Abzählreimen - oder einfach vor sich hin. Die haben ein gesundes Gespür dafür, was ihnen gut tut. Singen tut gut. Und macht glücklich.

Inwiefern?

Zum einen ist da die soziale Komponente: Singen als Gemeinschaftserlebnis gibt einem unheimlich viel und bereichert. Dann das körperliche Wohlbefinden: Beim Singen werden viele Botenstoffe und Hormone ausgeschüttet, die glücklich und zufrieden machen. Das verschafft ein positives Grundgefühl. Nicht zu vergessen die wunderbare Erfahrung, im Chor gemeinsam eine besonders schöne, anspruchsvolle Komposition a cappella oder auch mit Orchester zu singen - da ist man schon stolz. Singen mindert Stress, die Konzentration auf Melodie und Text hilft beim Entspannen und Abschalten.

TV-Formate wie "Voice of Germany" hypen das Singen auch in der Öffentlichkeit, nachdem es lange aus dem Alltag der Deutschen verschwunden war.

Weil Volks- und Wanderlieder von den Nazis ideologisch missbraucht wurden. In den sechziger Jahren distanzierte man sich von dieser vermeintlichen Instrumentalisierung durch gemeinsames Singen. Umso wichtiger ist es, Lieder durch ungezwungenes Musizieren davon zu befreien und ihnen ihre Eigenständigkeit zurückzugeben.

Kathrin Giehl Domspatzen Singen

Weiß, wie man richtig singt: Kathrin Giehl, Chorleiterin bei den Regensburger Domspatzen.

(Foto: privat)

Inzwischen verbinden wir Singen vor allem mit zwei Dingen: Weihnachten und Kirchenbesuche. Wie kommt das?

Wenn in der Kirche alle um einen herum singen, verliert man leichter die Scheu. Außerdem gehören Weihnachtslieder in unserer christlichen Kultur dazu, für viele wird es erst richtig weihnachtlich, wenn sie "Stille Nacht" singen und im Gottesdienst das Weihnachtsevangelium hören. Und auf den Märkten sind diese Lieder ohnehin schon seit Wochen sehr präsent.

Nun sind die Deutschen ja nicht gerade berühmt dafür, außerhalb der Kirche loszuträllern. Warum ist uns unser Gesang vor anderen häufig peinlich?

Das Klischee vom musikalischen Südländer und dem introvertierten Deutschen ist sicher nicht ganz falsch. Wir singen ungern allein auf der Straße oder spontan am Lagerfeuer. Dafür singen wir in der Kirche oder in Fußballstadien alle zusammen. Man ist Teil eines großen Ganzen und kann seinen Beitrag leisten, ohne im Vordergrund stehen zu müssen.

Ist das der Grund, warum Chöre wieder mehr Zulauf erfahren?

Durchaus, das gilt nicht nur für klassische Chöre. Viele probieren sich etwa in kleineren Ensembles und A-cappella-Gruppen, Musicals oder auch im Gesangsverein aus. Beliebt sind auch Projektchöre, die für einen bestimmten Anlass Stücke einstudieren und sich nach der Aufführung wieder auflösen. Dann gibt es noch das sogenannte Rudelsingen: Hunderte von Leuten treffen sich und singen gemeinsam Hits und Lieder querbeet - von "Anita" bis "Mein kleiner grüner Kaktus". Zunehmend schwieriger wird die langfristige Bindung an eine Gruppe mit wöchentlichen Terminen.

Braucht man als ernsthaft interessiertes Chormitglied eine außergewöhnlich gute Stimme?

Je professioneller der Chor, desto höher die stimmliche Qualität der Sänger. Das heißt aber nicht, dass jeder Einzelne brillant singen können muss. Im Vordergrund steht immer der ausdrucksstarke Gesamtklang. Jeder Chorleiter wird daran arbeiten, dass die einzelnen Stimmen tragfähig und homogen klingen.

Haben Sie vielleicht ein paar Tipps für Normalsterbliche, für unter der Dusche?

Grundsätzlich auf Haltung achten. Stellen Sie sich vor, Sie sind eine Marionette, die am Kopf aufgehängt ist. Schultern und Arme sind entspannt, der Oberkörper ist aufgerichtet. Außerdem ist die richtige Atmung wichtig, sie hilft ungemein bei der Entspannung. Dabei orientieren Sie sich am besten an einem Baby - es atmet tief in den Bauch ein und aus, die Luft kann ungehindert ein- und ausströmen. Mit den Jahren atmen viele Menschen flacher, durch Anspannung und Stress verlagert sich die Atmung nach oben in den Brustraum. Wie Sie ein Vibrato erzeugen oder Koloraturen singen? Solche Dinge kommen viel, viel später.

Kann jeder Mensch singen?

Sagen wir es so: Jeder kann jedes Lied in seiner natürlichen Tonlage - Alt, Sopran, Bass, Tenor - singen. Viele singen gerne, wissen aber nicht, was aus ihnen rauskommt und trauen sich deshalb nicht außerhalb der eigenen vier Wände. Wer Freude daran hat, sollte auf jeden Fall singen, beim Autofahren oder in der Dusche, die aktuellen Charts rauf und runter. Ob Chor- oder Badewannensänger - Hauptsache, es macht Spaß.

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