Süddeutsche Zeitung

Shell-Jugendstudie 2015:Das Smartphone ist das halbe Leben

  • Jugendliche verbringen immer mehr Zeit im Netz, ein Smartphone ist für viele unverzichtbar. Das ist ein zentrales Ergebnis der Shell-Jugendstudie.
  • Zwischen Online- und Offline-Aktivitäten unterscheiden die Befragten kaum.
  • Umso stärker ist die soziale Spaltung. Während Jugendliche der Ober- und Mittelschicht optimistisch in die Zukunft blicken, fühlt sich die Unterschicht abgehängt.

Von Barbara Vorsamer

Lebenswichtig, ein Gerät, das vor 15 Jahren noch überhaupt niemand besessen hat? Es scheint so. Die Shell-Jugendstudie, die alle paar Jahre erscheint und sich mit den Vorstellungen der Zwölf- bis 25-Jährigen beschäftigt, kommt zu dem klaren Ergebnis, dass das (mobile) Internet als unverzichtbarer Teil zur Lebenswelt der Jugendlichen gehört.

Während 2002 und 2006 der Zugang zum World Wide Web noch von der sozialen Herkunft abhängig war, ist nun nahezu eine Vollversorgung erreicht. 99 Prozent der Jugendlichen sind online.

Die Nutzung des Internets gehört für 70 Prozent aller Befragten zu ihren häufigsten Freizeitbeschäftigungen. "Sich mit Leuten treffen", "Musik hören" und "Fernsehen" sind zwar weiterhin ebenfalls in den Top 5, Tendenz jedoch fallend - wahrscheinlich, weil sich viele Aktivitäten einfach ins Netz verlagern. Besonders deutlich wird dies beim Punkt "Zeitschriften oder Magazine lesen", eine Aktivität, die fast gar keine Bedeutung mehr hat. Im Schnitt sind Jugendliche wöchentlich 18,4 Stunden online, 2010 waren es noch 12,9 Stunden.

Facebook und Co: Ein sozialer Raum

Das Netz ist für die Jugendlichen daher auch keine vom realen Leben abgegrenzte Sphäre. Anders als viele ältere Menschen unterscheiden sie bei vielen Aktivitäten nicht, ob sie online oder offline stattfinden. Das Internet ist ein sozialer Lebensraum, in dem man mit dabei sein muss.

In etwas geringerer Ausprägung trifft das auch für die sozialen Netzwerke zu. Während frühere Generationen im Netz noch auf einen in großen Teilen unstrukturierten Raum trafen, dominieren nun große Monopolisten wie Facebook, Google und Apple das Geschehen. Die Jugendforscher um Klaus Hurrelmann fragten daher auch Einstellungen zu diesen Unternehmen ab.

Das Ergebnis: Den Jugendlichen ist mehrheitlich klar, dass die Konzerne mit Daten Geld verdienen. Die Befragten behaupten, vorsichtig mit ihren Daten umzugehen und vertrauen Facebook und Co. wenig bis gar nicht. Drastische Folgen hat diese kritische Haltung aber nicht. Nur 17 Prozent aller Jugendlichen verweigern die Facebook-Nutzung. Und das sind größtenteils die Zwölf- bis 14-Jährigen, die wahrscheinlich nur noch nicht dabei sind.

Smartphones für (fast) alle

Der immense Zuwachs bei den Nutzungszeiten ist vor allem auf die Verbreitung mobiler Geräte - Smartphones - zurückzuführen. Die hatten ihren Siegeszug zwar bereits 2008 mit der Markteinführung von Apples iPhone begonnen, waren aber bei der letzten Jugendstudie 2010 noch kein Produkt, dass sich die breite Masse der Jugendlichen leisten konnte. Inzwischen besitzen 81 Prozent aller Jugendlichen ein Smartphone. Die soziale Herkunft zeigt sich also nicht mehr darin, ob jemand ins Netz kann - sondern wie.

Jugendliche aus der oberen Schicht verfügen deutlich häufiger über mehrere internetfähige Geräte (im Allgemeinen Smartphone, Desktop-PC, Laptop und/oder Tablet), während die meisten Jugendlichen aus der unteren Schicht Zugang zu höchstens zwei oder nur einem Gerät haben.

Da verwundert es nicht, wenn die Zustimmung zu dieser Aussage hoch ist: "Wenn ich mein Smartphone, Tablet oder Notebook verlieren würde, würde mir plötzlich mein halbes Leben fehlen." Insgesamt stimmt jeder dritte Befragte hier zu, der Unterschied zwischen den sozialen Gruppen ist jedoch auffällig. In der oberen Schicht fände ein Viertel den Verlust dramatisch, in der unteren Schicht sind es 60 Prozent.

Daraus zu schließen, sozial schwächere Jugendliche seien abhängiger vom Internet als die anderen, wäre vermutlich falsch. Angehörige höherer Schichten besitzen einfach noch andere Geräte, um online zu gehen - und außerdem möglicherweise die finanziellen Mittel, um sich ein neues Smartphone zuzulegen.

Soziale Spaltung immer noch ein massives Problem

Für die Shell-Jugendstudie 2015 wurden 2558 Jugendliche zwischen zwölf und 25 Jahren zu verschiedenen Lebensbereichen befragt, unter anderem zu ihrem Freizeitverhalten, ihren Beziehungen, ihren politischen und religiösen Werten und Vorstellungen von der eigenen Zukunft. Dabei untersuchen die Forscher auch, wie sich Mädchen von Jungen, Jüngere von Älteren und Jugendliche der Unter-, Mittel- und Oberschicht unterscheiden.

Dass die Schichtzugehörigkeit immer mehr zu einem entscheidenden Merkmal wird, sollte Politik und Gesellschaft beunruhigen (vergleiche auch die Ergebnisse der Shell-Jugendstudie 2010). So blicken 61 Prozent aller Befragten optimistisch nach vorne, bei den sozial benachteiligten Jugendlichen erwarten nur 33 Prozent Positives von der Zukunft. Das ist kein Wunder, konstatieren die Autoren der Studie. In keinem anderen Land hängt der Schulerfolg so stark von der sozialen Herkunft ab. Beruflicher und gesellschaftlicher Erfolg sind aber wiederum stark abhängig vom Bildungsgrad, so dass kurz gesagt werden kann: Ein Aufstieg durch Bildung ist hierzulande sehr schwierig.

Die Jugendlichen wissen das. Und daher fühlen sich die Mitglieder der Unterschicht abgehängt und zeigen in fast allen Lebensbereichen andere Charakteristika als Mittel- und Oberschichtskinder - die damit ihren Vorsprung immer weiter ausbauen können. Das ist bei der Internetnutzung der Fall. Oder beim Freizeitverhalten: Beschäftigungen, die Kompetenzen stärken, wie Lesen oder kreative Selbstbetätigung, sind in den oberen Gesellschaftsschichten deutlich weiter verbreitet.

Weitere Erkenntnisse aus der Jugendstudie 2015 im Überblick

Familie, Bildung, Beruf, Zukunft: Alles!

Wenn sie über ihre berufliche und privat Zukunft nachdenken sollen, finden die Jugendlichen alles wichtig. Eine klare Präferenz für Karriere oder Familie ist selten, fast alle wünschen sich, alles miteinander vereinbaren zu können. 95 Prozent halten einen sicheren Arbeitsplatz für sehr wichtig, 64 Prozent wollen später einmal selbst Kinder.

Politische Ziele: Viele!

Auch auf die Frage nach dem drängendsten politischen Problem bekamen die Jugendforscher keine eindeutige Antwort. Während vor zehn Jahren noch ganz klar der "Arbeitsmarkt" die wichtigste Position einnahm, liegen nun die Bereiche "Kinder und Familie" (55 Prozent), "Bildung, Wissenschaft, Forschung" (46 Prozent) und "Soziale Sicherung, Rente" (42 Prozent) ähnlich weit vorne. Auch Umweltschutz wird bedeutender, 34 Prozent halten ihn für ein wichtiges politisches Thema. Fast die Hälfte aller Jugendlichen bezeichnet sich selbst als politisch interessiert.

Toleranz, Diskriminierung, Patriotismus

Im Vergleich zu früheren Studien werden Jugendliche immer toleranter. Auf die Frage, ob sie bestimmte gesellschaftliche Gruppen als Nachbarn ablehnen würden, antworten immer weniger Befragte mit ja. So haben nur noch zwölf Prozent etwas gegen homosexuelle Paare (2010: 15 Prozent), 20 Prozent fänden eine türkische Familie nebenan nicht so gut (2010: 27 Prozent). Jugendliche aus den ostdeutschen Bundesländern haben im Schnitt größere Vorbehalte als Jugendliche aus westdeutschen.

Trotz der steigenden Toleranz empfinden sich nichtdeutsche Jugendliche und solche mit Migrationshintergrund häufiger als diskriminiert als noch 2010. 44 Prozent von ihnen berichten von diskriminierenden Erfahrungen. Die Autoren der Studie erklären das mit einer gestiegenen Polarisierung beim Thema Zuwanderung.

Stolz auf ihre Heimat sind 62 Prozent der Jugendlichen (70 Prozent bei jungen Leuten ohne Migrationshintergrund, 54 Prozent bei Befragten, von denen mindestens ein Elternteil im Ausland geboren wurde). Allerdings gibt es hier wieder einen deutlichen Unterschied nach Schichtzugehörigkeit und Bildung. Die einen sind der Meinung, man könne nur auf etwas stolz sein, was man selbst geleistet hat. Ihnen ist demnach ihr Herkunftsland eher unwichtig. Sozial schwächer gestellte Jugendliche hingegen sind häufiger der Meinung, dass Stolz auf die Kultur, in die sie hineingeboren wurden, angebracht ist. Ihnen sind "einheimische Standards" und die Zugehörigkeit zu ihren Landsleuten wichtiger.

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