Sexuelle Gewalt:Trump, die Übergriffigkeit und der Feminismus

RNPS IMAGES OF THE YEAR 2011

In der feministischen Analyse gilt Vergewaltigung meist als das ultimative Herrschaftsinstrument im Patriarchat.

(Foto: REUTERS)

Vergewaltigung und sexuelle Nötigung werden von der Gesellschaft geächtet. Warum führt das nicht dazu, die Verbrechen an sich besser zu bekämpfen?

Essay von Meredith Haaf

Muss einer besonders abgefeimt sein, wenn er sich damit brüstet, schöne Frauen gerne ungefragt beim Geschlechtsteil zu packen, so wie es der Präsidentschaftskandidat der Republikaner, Donald Trump, getan hat? Oder ist er damit einfach nur ein besonders prominentes Beispiel für eine Kultur der Frauenverachtung und sexualisierten Gewalt, die überall zu finden ist?

Dieser Tage ist die halbe Weltöffentlichkeit fassungslos über einen Mann, der sich immer wieder als geborener Belästiger inszeniert und daran nichts Schlimmes findet. Doch wie Mithu Sanyal in ihrem eben erschienenen Buch "Vergewaltigung - Aspekte eines Verbrechens" erklärt, ist die Erzählung vom Mann, der der Wolf der Frauen ist, so alt wie die westliche Zivilisation selbst (Edition Nautilus, Hamburg 2016, 240 Seiten, 16 Euro).

Man muss also vielleicht kurz innehalten und über zwei Fragen nachdenken, die von der Causa Trump aufgeworfen werden. Zum einen, ohne Mitleid mit dem Mann haben zu wollen: Wie winzig klein muss das Selbstwertgefühl eines Menschen sein, der jede Person, auf die sein Blick fällt, automatisch abwertet? Zum anderen: Was sagt es über den Vergewaltigungsdiskurs, dass außer Mordlust eigentlich kein Vorwurf an einen Menschen heute schwerer wiegt als sexuelle Übergriffigkeit? Auch hier gibt die Lektüre von Sanyals "Vergewaltigung" Aufschluss.

Aristoteles und Ovid, Richard von Kraft-Ebbing und Sigmund Freud, ja selbst die Feministinnen der zweiten Welle sahen Vergewaltigung als etwas, das notwendigerweise aus dem Geschlechterverhältnissen folgte. Die Kontrolle des männliche Trieb bedurfte höchster Anstrengung, weibliche Zurückhaltung wiederum galt als Tugend.

In einem leichten Stil widmet sich Mithu Sanyal aber nicht nur der Begründungsgeschichte der Vergewaltigung, sondern auch den Diskursen, die sie umrahmen. Es geht um die Konzepte von Ehre und Scham und die Sprache, die für das Erlebnis von Seiten der Opfer gefunden wird. Eines der berühmtesten Vergewaltigungsopfer der Geschichte ist die römische Adelige Lucretia, die Tizian, Lucas Cranach und andere Maler darstellten. Lucretia beging nach ihrer Vergewaltigung gegen den Protest ihrer Familie Selbstmord, weil sie ihr schandbeflecktes Selbst ihrem Ehemann nicht mehr antun wollte.

Auch heute noch gehört der Verlust von Lebenswillen zum Narrativ des Vergewaltigungsopfers. "Wurde zuvor ein Bruch mit der Lebenssituation erwartet, weil durch eine Vergewaltigung die soziale Position der Frau in Frage gestellt wurde, verlagerte sich der Konflikt im Laufe des 20. Jahrhunderts mehr und mehr nach innen", schreibt Sanyal. Zwar sprechen aufgeklärte Menschen heute ohnehin nicht mehr von Opfern, sondern von Überlebenden, womit letztlich die Ausnahmequalität des Verbrechens noch weiter fest geschrieben wird. Dass Scham, Depression und Rückzug natürliche Reaktionen auf eine Vergewaltigung sind, steht dabei ebenso unhinterfragt fest, wie die Überzeugung, dass es "hilft, darüber zu reden" oder zu schreiben. Doch auch Scham ist kein Reflex, sondern eine "hochkomplexe Emotion, die kulturell erlernt werden muss und sich keinesfalls automatisch einstellt". Folgt man Sanyals Analyse, ist die Scham einfach der zweite Arm der Angstzange, in die Vergewaltigung alle Frauen nimmt. Schließlich gehört zur Angst vor der Gewalt oft bereits die Angst vor dem Wrack, das man nach einer Vergewaltigung sein wird.

Wahrnehmung von sexueller Gewalt folgt Geschlechter-Stereotypen

Ohne Zweifel ist Vergewaltigung eines der schlimmsten Dinge, die einem Menschen passieren können. Doch Sanyal ist der Diskurs um sexualisierte Gewalt zugleich "eine der letzten Bastionen und Brutzellen für Geschlechterzuschreibungen, die wir ansonsten kaum wagen würden zu denken, geschweige denn auszusprechen - und zwar durch alle politischen Lager hindurch". Das wird sich nicht durch schärfere Rechtspolitik und Anti-Vergewaltigungs-Rhetorik ändern, ebenso wenig wie durch Eindeutigkeitsdebatten und mehr Trigger-Warnungen. Gefragt ist vielmehr eine radikale Politik der Sensibilisierung.

In der feministischen Analyse gilt Vergewaltigung meist als das ultimative Herrschaftsinstrument im Patriarchat. Die amerikanische Autorin Susan Brownmiller formulierte 1975 in ihrem prägenden Werk "Gegen unseren Willen" das Paradigma von der sexuellen Gewalt, die als Waffe "von allen Männern gegen alle Frauen" eingesetzt wurde, ob als konkrete Tat oder latente Drohkulisse. Diese Definition ist bis heute leitend im feministischen Kampf gegen sexualisierte Gewalt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Eindeutigkeit dieser Definition einerseits eine gewisse Erleichterung in den komplizierten Geschlechter-Debatten verschafft - und andererseits der Sachlage am Ende doch nicht ganz gerecht wird.

Zunächst ist der Kampf gegen sexualisierte Gewalt ja einer, dem sich so ziemlich jeder anschließen kann. Sanyal schreibt: "Alle lehnen Vergewaltigung ab, allerdings lehnen wir nicht unbedingt dasselbe ab, wenn wir Vergewaltigung ablehnen." Auch dafür sind die einhellig angewiderten Reaktionen auf Trump ein gutes Beispiel, wie auch die geografisch näher gelegenen heftigen Kontroversen um die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht und die Wortklaubereien um das Sexualstrafrecht.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB