bedeckt München

Sexualität im Alter:Was ist ein guter Liebhaber?

Was unterscheidet einen guten jungen Liebhaber von einem guten älteren Liebhaber?

Was ist denn ein guter Liebhaber? Einer, der Zeit hat, diesen echten kleinen Moment entstehen zu lassen, wo es plötzlich kribbelt, man bewusst reinfühlt, reinriecht, so dass man den anderen wirklich spürt. Diesen echten Kontakt herzustellen, das können erfahrene Menschen besser. Vorher ist man zu sehr damit beschäftigt, zu überprüfen, ob man alles richtig macht. Ein Bedürfnis anmelden, bei sich sein und sagen: Das hätte ich gerne, davor haben Ältere weniger Angst als Jüngere. Ältere können mehr bei sich sein und dennoch auf den anderen eingehen.

Der Druck, gängigen Schönheitsidealen zu entsprechen, ist ja schon in der Jugend zu spüren. Doch wenn einem beim Eincremen der Beine der eigene Bauch entgegenbaumelt, ist es schwer, in Stimmung zu kommen. Wie geht man im Alter damit um?

Humor ist immer eine Lösung, vor allem Selbstironie ist da sehr hilfreich. Eine andere Möglichkeit, gerade beim Eincremen oder in der Sauna: Augen schließen und ins Spüren gehen. Sich fragen: Wie fühlt sich der eigene Busen an, statt zu gucken, wo er hängt. Wenn man genießt, was man spürt, dann kann man nicht mehr denken. Das hilft, sich zu entspannen.

Männer werden länger als attraktiv wahrgenommen - sind die Herausforderungen für Frauen im Alter dadurch größer?

Das sind künstlich geschaffene Merkmale. Frauen müssen dem Bild entsprechen, der Mann darf in Würde grau werden. Doch nicht die Frau hat im Alter die größeren Probleme, sondern der Mann. Weil er seinen Mann stehen muss - und nicht mehr kann. Nicht nur in den Augen der Gesellschaft muss er können - auch in seinem sexuellen System. Deshalb will er auch können. Denn was ist Sex in den Augen der Gesellschaft, wenn nicht Penetration? Die Geschlechteridentität, die Männlichkeit ist auf den Penis fokussiert. Bis sich das ändert, werden Männer dieses Problem haben.

Viele Männer suchen sich im Alter junge Partnerinnen, um ihre Ängste zu kompensieren, und weil diese ihnen eine zweite Jugend verleihen.

Ein Mann tut das nicht bewusst, sondern auf der Suche nach stärkeren Reizen - damit er wieder kann. Was ist einfacher als sich zu sagen: "Meine Frau langweilt mich, sie ist ja auch ein bisschen dick geworden - aber bei der Jungen habe ich sofort meine Hose gespürt." Doch irgendwann geht es auch da bergab.

Wäre es nicht logischer und klüger, sich gleichaltrigen Frauen zuzuwenden, die diese Ängste kennen und Verständnis dafür haben?

Ja, wäre es. Diese Erkenntnis hat jedoch mit Reife zu tun. Es gibt durchaus Männer, die sagen: Eine 25-jährige kommt mir nicht ins Haus. Ich will Kontakt und geistigen Austausch, das bringt doch nichts, wenn sie meine Enkelin sein könnte. Aber das wäre eine eigenes Thema.

Welche Möglichkeiten haben Menschen in der letzten Lebensphase, wenn sie in Heimen untergebracht sind? Die Gesellschaft gesteht den Alten ja noch immer keinen Anspruch auf eine selbstbestimmte Sexualität zu.

Das stimmt. So gesehen steht es schlecht mit uns. Viele sitzen in Heimen, weil wir immer älter werden, aber nicht bis zum Schluss alleine leben können. Die Bedürfnisse nach körperlichem Kontakt und Nähe haben dort jedoch keinen Platz, selbst für Paare ist so etwas nicht vorgesehen. Seit Kurzem gibt es ein Projekt, das erotische Dienstleistungen an Altenheime vermittelt - ein Onlineportal namens Nessita.de. In Holland ist das längst erlaubt. Aber es muss auch nicht immer Sex sein, es geht vor allem darum, berührt zu werden. In Indien und Thailand ist es zum Beispiel ganz normal, täglich von Familienangehörigen massiert zu werden. Selbstbestimmte Sexualität im Alter - dieses Thema kommt auf uns zu, das muss gelöst werden.

"Make more Love", 352 Seiten, 22,95 Euro. ist erschienen im Verlag Rogner & Bernhard

© Süddeutsche.de/leja/lala
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema