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Sexualisierte Gewalt:Wenn Opfern nicht geglaubt wird

Was von außen leicht durchschaubar klingen mag, führt bei vielen Opfern zu Verunsicherung. Hätten sie an irgendeinem Punkt eindeutiger Nein sagen, hätten sie sich tatkräftiger wehren sollen? "Die Betroffenen suchen die Schuld dann oft bei sich selbst", sagt Paul. Auch weil viele die Rechtslage nicht genau kennen.

Zumindest die Frage nach der Gegenwehr soll nach der anstehenden Reform des Sexualstrafrechts künftig leichter zu beantworten sein. Bislang gab es eine Schutzlücke: Wenn die Frau zwar "Nein" sagte, sich dann aber einschüchtern ließ und sich nicht mehr wehrte, wurde das nicht als Vergewaltigung gewertet. In Zukunft soll als Vergewaltigung zählen, wenn eine Frau zu sexuellen Handlungen "Nein" sagt und sich ihr Peiniger darüber hinwegsetzt - egal ob sich die Frau wehrt oder nicht.

Prantls Politik Ein "Nein" muss genügen Video
Reform des Sexualstrafrechts

Ein "Nein" muss genügen

Wenn das Einverständnis fehlt, ist eine sexuelle Handlung strafbar, so sieht es die von Justizminister Maas geplante Verschärfung des Sexualstrafrechts vor. Gehen die Änderungen weit genug? Oder sogar zu weit?

Problematisch wird die Frage bleiben, wie dieses "Nein" nachzuweisen ist. Wenn etwa die Aussage des Opfers gegen die des Täters steht und es keine Zeugen gibt. Ein weiterer Aspekt, der viele Opfer sexueller Gewalt in Deutschland verunsichert: der immense Druck, der entsteht, sobald es zur Anzeige kommt.

Die Unschuldsvermutung, die für jeden mutmaßlichen Täter gilt, mache vielen Betroffenen zu schaffen, sagt Paul. Auch weil sie von der Öffentlichkeit oft sehr einseitig und eindeutig übernommen werde. Manche Betroffenen sind mit Situationen konfrontiert, in denen ihnen ihre Geschichte nicht abgenommen wird. Manche werden eingeschüchtert und beschimpft, weil sie eine Wahrheit aussprechen, die niemand wirklich hören will.

Wenn sie daran zweifeln, ob die Beweise für eine Anklage ausreichen, schrecken viele Vergewaltigungsopfer vor einer Anzeige zurück. Weil sie das Erlebte lieber verdrängen wollen, als sich weiter damit auseinanderzusetzen. Weil ihnen die Kontrolle über den Fall aus der Hand genommen wird, sobald die Ermittlungen beginnen und möglicherweise mehr Menschen von den traumatischen Erlebnissen erfahren, als ihnen lieb ist. Zwar werden die Opferrechte in der Strafprozessordnung seit Jahren immer weiter gestärkt - dennoch ist ein Prozess für die Betroffenen nervenaufreibend.

Bevor es jedoch zum Prozess kommt und bevor Hilfsvereine eingeschaltet werden, wenden sich die meisten Betroffenen an Familienangehörige und Freunde. Hier sieht Christa Paul die größte Wirkung des Artikels aus dem New York Magazine. Wenn die Debatte über sexuelle Gewalt und deren Tabuisierung Deutschland erreicht, wird auch im Privaten mehr über das Thema gesprochen. Dann trauen sich womöglich ein paar Frauen und Mädchen, die bisher über ihr Schicksal geschwiegen haben, sich zu öffnen.