bedeckt München 31°

Sexualbegleiter für behinderte Menschen:"Mit Sex ist das so, dass beide Partner etwas geben und etwas bekommen"

Am Sonnabendmorgen treffen sich die Behinderten ohne Betreuer mit Lothar Sandfort. Sie sitzen im Kreis. "Alles, was wir hier reden, bleibt geheim", sagt er, "denn wir reden jetzt über Sex." - "Das ist doch normal", sagt Betty. "Aber was wir hier machen, das ist nicht normal." - "Im Hotel massieren sie doch auch." - "Aber im Hotel geht es um die Muskulatur, hier geht es um das Gefühl im Kopf - wenn es im Bauch und in der Scheide kribbelt, dann ist das Erotik", sagt Sandfort.

"Wenn du ein Date mit Jean haben willst, dann musst du das sagen, du musst dir vorher ein paar Gedanken machen und sagen, was du willst und was du nicht willst", sagt er. "Ich will, dass er es mir macht, das habe ich ihm schon gesagt", sagt Betty. "Das ist gut, aber es hört sich so an, als würdest du zum Schuster gehen, um eine neue Sohle an den Schuh machen zu lassen. Du musst schauen, dass es dir dabei gut geht und du musst auch schauen, dass es Jean gut geht."

Sie sprechen über Kondome und darüber, dass beim Sex Kinder entstehen können, über Aids und andere Krankheiten. "Mit Sex ist das so, dass beide Partner etwas geben und etwas bekommen", sagt Sandfort, "wir wollen hier kein Bordell sein, sondern wir wollen, dass die, die zu uns kommen, etwas für das richtige Leben lernen. Wenn ihr eine Freundin habt, dann müsst ihr sie ja auch fragen, was sie mag und was nicht."

Ein paar Stunden später gibt es Tantra-Übungen. Die Behinderten lassen sich massieren und streicheln, liegen auf dem Boden im sanften Licht, genießen die Berührungen. Am Abend haben Betty und Jean ihr Date. Er zieht sie aus, massiert sie. Betty genießt und will ein zweites Date. "Ich will Sexeln", sagt sie und lacht los. Am Sonntag gibt es das zweite Date. "Ich hatte einen Mann", sagt Betty, als es zurück nach Brandenburg geht. Betty ist 73, fast blind, geistig behindert. Und keine Jungfrau.

Benjamin Piel hat Neuere deutsche Literatur, Neuere und Neueste Geschichte und Vergleichende Religionswissenschaft in Tübingen studiert und anschließend bei der Schweriner Volkszeitung volontiert. Seit zwei Jahren arbeitet er als Redakteur bei der Elbe-Jeetzel-Zeitung. Für diese Geschichte wurde er bereits mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Piel ist verheiratet und hat eine Tochter.

Der Reportagepreis für junge Journalisten 2014 wird verliehen in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Netzwerk JungeJournalisten.de. Die Jury begründet ihre Entscheidung folgendermaßen:

Mit seiner Reportage "Bettys erstes Mal" greift der Autor Benjamin Piel ein gleichermaßen originelles wie gesellschaftlich relevantes Thema auf. Sex und Behinderung, Sex im Alter - das sind gleich zwei Bereiche, über die öffentlich ungern und selten gesprochen wird. Benjamin Piel aber gelingt es, sehr respektvoll und ausgesprochen behutsam eine außergewöhnliche Situation zu beschreiben. Eine 73-jährige Frau erlebt ihr erstes Mal mit einem Sexualbegleiter in Ausbildung: Dies schreibt der Autor völlig ohne Voyeurismus auf. Er findet einen tollen Zugang zu seinen Protagonisten, gewinnt deren Vertrauen und missbraucht es auch nicht, denn Piels Sprache ist durchgehend angemessen und einfach schön zu lesen. Lobend wollen wir auch erwähnen, dass Piels Text mit rund 7000 Zeichen sehr kurz und dicht ist, was beweist, dass herausragende Reporterinnen und Reporter auch im kleinen Format große Geschichten erzählen können.